Wampe sticht. Die etwas außer Form geratene „Wespe“ Eddie (Florian Lukas) und sein Schützling Kevin (Leonard Scheicher) beim Dart. Foto: Sky Deutschland/Gaumont/Nadja Klier
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Florian Lukas als Dart-Champ in der Comedy "Die Wespe" Die Welt ist eine Scheibe

Die Sky-Comedyserie „Die Wespe“ zeigt die Dart-Szene als letztes Proll-Paradies im Sport - mit Florian Lukas als abgehalftertem Meister.

Erstaunlich, dass es noch unerzählte Milieus gibt. Wo doch jede und jeder glaubt, schon alle Normalo- und Exotenwelten in Fernsehen und Film gesehen zu haben. Mit „Die Wespe“ kann nun auch der Dartsport eine Comedyserie für sich verbuchen, eine wirklich witzige noch dazu. Drehbuchautor Jan Berger gebührt ein Originalitätspreis.

Allerdings muss der deutsche Dartverband angesichts der versoffenen Prolls, die in den sechs halbstündigen Episoden bei Sky um Punkte und Preisgelder ringen, um die Reputation des Präzisionssports fürchten, der Anfang des 20. Jahrhunderts auch als Geschicklichkeitsspiel in britischen Pubs Einzug hielt. Seither gehören Pfeile, Scheibe und Bierdunst zusammen.

Kröten schlucken muss sein

Eddie Frotzke, genannt „Die Wespe“, haben sie groß gemacht. Ist aber schon ein bisschen her. Inzwischen belegt der deutsche Meister der Jahre 1997 und 99 den 52. Rand der Profiliga. „Die geht doch nur bis Platz 50“, ätzt ein unsensibles Interviewer-Bürschchen vor einem Turnier. Von Eddies Ruhm hat er nie gehört, „weil ich da noch nicht geboren war“.

Damit wäre in den Drehbüchern ein klassisches Komödiensetting platziert: Dass des Verlierers, der nicht sehen will, wie weit unten er schon ist und noch reichlich kathartische Kröten schlucken muss, bevor es wieder aufwärts gehen kann.

Dass der 1973 in Ost-Berlin geborene Florian Lukas ein geborener Komödiant mit präzisem Timing ist, ist spätestens seit Wolfgang Beckers Geniestreich „Goodbye Lenin“ von 2003 bekannt. Trotzdem bekommt der Mann mit dem quadratischen Pfiffikus-Gesicht selten Hauptrollen. Unverständlich.

Wo er als aus der Form geratener Pfeilewerfer mit Vokuhila, Wampe und klingendem Namen so ungemein stimmig rüberkommt. Auch das Berliner Idiom, in dem Männer sich als „Keule“ oder „Großer“ begrüßen, geht ihm flüssig unter dem Schnauzbart hindurch. Zumindest, wenn die Lippen nicht gerade eine Bierpulle umschließen.

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Die herzliche Lakonie, mit der Hermine Huntgeburth die Dart-Welt als letztes Proleten-Paradies im Sport zeichnet, rührt schon fast wieder. Besonders, wenn Eddie, der sich wegen Randalierens beim Turnier eine lebenslange Sperre eingefangen hat, jammert: „Ick kann doch nüscht außer Dart“.

Mut zu eigenwilligen Sujets hat die Regisseurin kürzlich erst mit der Tragikomödie „Ruhe! Hier stirbt Lothar" bewiesen, in der ein irrlichtender Jens Harzer und eine sarkastische Corinna Harfouch als moribundes Liebespaar glänzten. Ein bisschen erinnert die Wortwitz, Slapstick und Sentiment vereinende Serie „Die Wespe“ auch an Dani Levys Screwball-Komödie „Alles auf Zucker“ mit Henry Hübchen in der Rolle eines getriebenen Billiard-Champs.

Dreierbande. Kevin (Leonard Scheicher), Manu (Lisa Wagner) und Eddie (Florian Lukas) auf dem Weg zum Turnier. Foto: Sky Deutschland/Gaumont/Nadja Klier Vergrößern
Dreierbande. Kevin (Leonard Scheicher), Manu (Lisa Wagner) und Eddie (Florian Lukas) auf dem Weg zum Turnier. © Sky Deutschland/Gaumont/Nadja Klier

Auch der bauernschlaue Eddie ist ein Trickser, der eingangs in der Kneipe ein paar Großmäuler abzockt und sich im Verlauf seiner Abwärtsspirale nicht nur seelische Wunden holt. Aua, tut das weh, wenn einem ein Dartpfeil im Kopf oder im Allerwertesten steckt. Das muss auch Leonard Scheicher in der Rolle des Kevin Kniepen erfahren. Der naive Kevin steht in der Rangliste längst höher als sein Mentor Eddie. Trotzdem sind der Altmeister und dessen Angetraute Manu immer noch Ersatzeltern für ihn.

Hackepeter mit Zwiebeln

Manu hält das Sonnenstudio der Frotzkes am Laufen, während Gatte Eddie in der mit Pokalen aus Glanzzeiten geschmückten Garage überm Kreuzworträtsel einpennt, statt seine Wurfsicherheit zu trainieren. Lisa Wagner verkörpert Manu als hochhackige Blondine mit Geschäftssinn und Ehrgeiz – auch beim Dart, wie sich herausstellt.

„Ich bin wach“, ruft Eddie triumphierend aus dem Schlafzimmer, wenn er sich morgens endlich aus dem Bett quält. „Gratulation“, schallt es staubtrocken aus der Küche zurück, wo die genervte Hausfrau längst waltet. Und will sie ihm eine besondere Freude machen, offeriert Manu Eddie eine Hackepeter-Schrippe mit Zwiebeln.

Profi kann ich auch. Manu (Lisa Wagner) ist gewiss keine Spielerfrau. Foto: Sky Deutschland/Gaumont/Nadja Klier Vergrößern
Profi kann ich auch. Manu (Lisa Wagner) ist gewiss keine Spielerfrau. © Sky Deutschland/Gaumont/Nadja Klier

Komplettiert wird die Spackentruppe mit Herz von Eddies Kumpel Nobbe, den der Dämon Alkohol vom Dart-Champion zum Hilfsphilosophen heruntergewirtschaftet hat. Hat man sich erstmal an die überraschende Besetzung Ulrich Noethens als mühsam berlinerndem Goldkettchenfreak gewöhnt, folgt man freudig seinem Plan, Eddie Frotzke als Trainer zu alten Höhen zu führen.

[„Die Wespe“, ab Freitag als Staffel auf Sky Ticket und immer freitags in Doppelfolgen auf Sky One um 20.15 Uhr]

Apropos Freude: Der in Sepia getauchte Retrolook (Kamera: Sebastian Edschmid) von „Die Wespe“ ist samt einer ebensolchen Ausstattung gerade State of the Art in Comedyserien. Doch die liebevoll ausgewählten Locations machen Spaß. Dazu gehört der brutalistische Mäusebunker in Lichterfelde ebenso wie die Kesselhalle der ehemaligen Neuköllner Kindl-Brauerei.
Auch Titelanimation, Musik, Sounds und Pfeilwurfeffekte sind mit Sorgfalt gestaltet. Wie es sich für eine Sport-Satire gehört, kommentiert ein sachlicher Reporter die Turnierszenen, was angesichts der schrägen Kandidaten die Situationskomik verstärkt. Außerdem begreifen so auch Nicht-Darter, dass „drei Mal Triple 20“ satt Punkte bringt. Eins sein mit Pfeil und Universum und dann ins Zentrum der Scheibe, ins „Bull’s Eye“ treffen, da strebt Eddie Frotzke hin.

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