Wieder geht es um den Endsieg. Obergruppenführer Goertzmann (Marc Rissmann, links) soll Reichsmarschall Smith (Rufus Sewell) in Amerika auf Linie bringen. Foto: Amazon Prime
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Finale Staffel von „The Man in the High Castle“ „Wer wäre man selbst geworden?“

Das Gedankenspiel alternativer Weltgeschichte findet in „The Man in the High Castle“ ein würdiges Ende. Diesmal auch mit deutscher Beteiligung.

Marc Rissmann ist der sportliche Typ. Er kommt vom Zehnkampf, Surfen ist sein Lieblingssport. „Wenn ich mich bewege, bin ich happy“, sagt der 39-Jährige. In der Amazon-Original-Serie „The Man in the High Castle“, deren vierte und letzte Staffel an diesem Freitag startet [Amazon Prime Video, zehn Folgen], spielt er einen hoch gewachsenen und zugleich hochrangigen SS-Mann namens Wilhelm Goertzmann. Dieser wird von Heinrich Himmler, der nach Hitlers Tod zum neuen Führer wurde, nach Amerika geschickt, um den dort amtierenden Reichsmarschall John Smith auf Linie zu bringen.

Die vor drei Jahren gestartete Serie „The Man in the High Castle” gehört zu den erfolgreichsten Amazon-Originals und brach mehrere Startrekorde. Umso bemerkenswerter ist es bei diesem Stoff, dass Marc Rissmann der erste deutsche Schauspieler ist, der eine hervorgehobene Nazi-Figur verkörpert. In der britischen Serie "SS-GB" hatte Lars Eidinger eine solche Rolle übernommen.

„Ich habe schon das Gefühl, dass man eine gewisse Verantwortung trägt“, sagt Rissmann auf die Frage, wie es für ihn als Deutschen ist, beinahe 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang von Nazi-Deutschland in einer solchen Serie mitzuspielen.

Zwischen Goertzmann und Smith (Rufus Sewell) kommt es zum erbitterten Konkurrenzkampf um die Macht im „Greater Nazi Reich“ – wie der Osten der USA in Philip K. Dicks Roman von 1962 heißt. Buch und Serie beruhen auf der dystopischen Fiktion, dass die Achsenmächte Deutschland und Japan den Krieg gegen die Alliierten gewonnen und die Welt unter sich aufgeteilt haben. In der USA verläuft die Grenze zwischen den Hemisphären von Nord nach Süd mit einer neutralen Pufferzone dazwischen – wo sich der von Juliana Crain (Alexa Davolos) geführte Widerstand sammelt.

Politisch relevant in der aktuellen Situation

Für Rissmann ist „High Castle“ eine politisch durchaus relevante Serie. Angesichts der aktuellen Situation geht es für ihn nicht allein um die Verantwortung als Deutscher, sondern als Weltbürger. Zur Vorbereitung hat er sich die ersten drei Staffeln komplett angesehen, sich bei Philip K. Dick – von dem auch die Idee zur Science-Fiction-Dystopie „Blade Runner“ stammt – eingelesen und auch mit Hitlers „Mein Kampf“ beschäftigt.

Rissmann ist bei seinen Großeltern aufgewachsen, die ihm viele Geschichten aus der Zeit erzählt haben. „Für mich ist der Krieg gefühlt darum nicht so lange her“, sagt er. Auch mit anderen Darstellern wie Hauptdarsteller Rufus Sewell hat er darüber diskutiert, was die Serie eigentlich ausmacht.

Dazu gehört, dass die Serie zeigt, was ein System mit den Menschen machen kann. Selbst John Smith als Himmlers (Kenneth Tigar) Statthalter in Amerika passt nicht in ein Raster, das nur in Gut und Böse unterteilt. „Als Familienvater versucht er zugleich seine Familie zu schützen, was ihm allerdings nicht immer gelingt. Er kommt aus seiner Rolle in diesem System nicht hinaus“, sagt Rissmann.

Besonders brutal: die japanische Militärpolizei

Obwohl es also um Deutsche und Nazis geht, bekommt die Geschichte einen universellen Twist. Es wird deutlich, dass diese Fiktion gar nicht so weit entfernt ist. Interessant ist zudem, dass zwar der menschenverachtende Umgang der Nazis mit Juden und Schwarzen thematisiert wird, dass die in der Serie gezeigte Gewalt zumeist von der japanischen Militärpolizei Kempeitai mit Oberinspektor Takeshi Kido (Joel de la Fuente) ausgeht.

Bei allen Analogien gibt es in „High Castle“ aber genauso ausgeprägte Science-Fiction-Elemente. In der neuen Staffel spielen die Paralleluniversen eine noch zentralere Rolle als zuvor. Die Nazis haben einen Weg gefunden, zwischen diesen Welten hin- und herzuwechseln. Sie nutzen dies unter anderem dazu, um sich einen technologischen Vorteil zu sichern.

Die anderen Welten bieten aber auch eine Erklärung dafür, woher die Filme stammen, vor denen die Nazis solche Angst haben, weil sie eine Welt zeigen, in der die Alliierten siegreich waren. Für Rissmann führen die Paralleluniversen zu der spannenden Frage: „Wer wäre man selbst, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre?“

Marc Rissmann liebt die Vorbereitung auf eine neue Rolle. Den Research, wie er es nennt. Bei „High Castle“ interessierte ihn besonders, wofür eine Ideologie steht, „auch wenn sich das für meine Figur nur in einem kleinen Zucken äußert“. Für Wilhelm Goertzmann hat er sich eine Biografie gebaut. „Anfangs hatte ich nur ein Gespür für die Rolle, lustigerweise hat sich die genau in diese Richtung entwickelt“.

Extrem brutal in ihren Methoden: Die japanische Militärpolizei Kempeitai und Oberinspektor Takeshi Kido (Joel de la Fuente) fackeln nicht lange. Foto: Amazon Prime Video Vergrößern
Extrem brutal in ihren Methoden: Die japanische Militärpolizei Kempeitai und Oberinspektor Takeshi Kido (Joel de la Fuente) fackeln nicht lange. © Amazon Prime Video

Tatsächlich gehen die Pläne von Himmler und seinem Adlatus Goertzmann weit über das hinaus, was John Smith für das „Greater Reich“ will. Der Status Quo mit der Aufteilung der USA zwischen Nazi-Deutschland und Japan reicht ihnen nicht. Sie streben eine Welt komplett in deutscher Hand an. Dass Japan schwächelt und es eine neue Geheimwaffe gibt, treibt sie zusätzlich an.

"Diese Serie wird man auch noch in zehn Jahren schauen."

Kommt es also zu einer Art Endkampf zwischen Nazi-Deutschland und Japan? Dazu will Rissmann nichts verraten. „Für mich hat ,The Man in the High Castle‘ den Charakter eines großen Autorenfilms. Ich bin darum wahnsinnig happy, dass wir einen so guten Abschluss für diese epische Geschichte gefunden haben“, sagt er. „Ich glaube, diese Serien wird man in zehn Jahren noch schauen.“

Tatsächlich ist es nicht in erster Linie die Frage, welche der Konflitkparteien die andere am Ende besiegt, wenngleich die Sympathien freilich auf Seiten des Widerstands liegen.

Je mehr „The Man in the High Castle“ seinem Ende entgegen strebt, desto stärker rückt die Alternativweltidee ins Zentrum. Kern des Gedankenspiels ist zum einen, dass Geschichte nicht linear verläuft und es keine logische und festgelegte Abfolge von Ereignissen gibt. Alles hätte auch ganz anders kommen können. Das gilt für die weltpolitische Geschichte, aber eben auch für persönliche Biografien.

Für Reichsführer Himmler ist es eine neue Geheimwaffe, für den amerikanischen Reichsmarschall John Smith (Rufus Sewell) eine Möglichkeit, seine Familie zu retten. Foto: Amazon Prime Video Vergrößern
Ein Portal in eine andere Welt: Für Reichsführer Himmler ist es eine neue Geheimwaffe, für den amerikanischen Reichsmarschall John Smith (Rufus Sewell) eine Möglichkeit, seine Familie zu retten. © Amazon Prime Video

Bei keinem anderen wird dies so deutlich wie bei John Smith, dem ehemaligen US-Soldaten, der sich zunächst aus pragmatischen Gründen dazu entscheidet, sich den siegreichen Nazis anzuschließen und der zum Schutz seiner Frau Helen (Chelah Horsdal) und seiner Familie sich so unentbehrlich macht, dass er in der Hierarchie dieses Apparats ganz nach oben gelangt – um dann doch befürchten zu müssen, alles zu verlieren.

"Die Welt ist egal - wenn die Figuren stimmen"

Marc Rissmann liebt das Kino, schaut aber gerne auch Serien und hat drei Streaming-Abos. Auch in der HBO-Serie „Game of Thrones“ hat er in der finalen Staffel mitgespielt. Als Schauspieler ist er auf kein Genre festgelegt. Wichtig ist ihm, dass die Charaktere Ecken und Kanten haben. „Mir ist egal, in welcher Welt das spielt, wenn die Figuren stimmen.“

Und was kommt nach „Game of Thrones“ und „High Castle”? Noch sei nichts spruchreif, vor allem möchte er nach wie vor auch weiter in Deutschland arbeiten. „Gerade was die Serienwelt betrifft, gibt es hier eine Riesen-Aufbruchstimmung.“ Sein Motto: „Ick bin Berliner und meine Wohnung ist hier.

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