Hubertus Knabe sieht sich als Opfer, auch hier im Interview mit der RBB-Doku "Sondervorgang MeToo". Foto: rbb
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Erst abgesetzt, nun doch im RBB Knabe-Doku mit Schlagseite – von MeToo keine Ahnung?

„Sondervorgang MeToo“ will den Rauswurf von Hubertus Knabe als Chef der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen rekonstruieren. Prädikat: Brett vorm Kopf.

Maurice Philip Remy, erfahrener Fernsehautor und Dokumentarfilmer, einst an den „Hitler-Reihen“ von Deutschlands oberstem TV-Historiker Guido Knopp im ZDF beteiligt, bekommt Zeit – vom RBB. Ganze anderthalb Stunden sind es, in denen er den Fall des früheren Leiters der Stasiopfer-Gedenkstätte, Hubertus Knabe, rekonstruiert. Der war 2018 entlassen worden, weil er nicht entschieden genug gegen mutmaßliche sexuelle Belästigungen von Mitarbeiterinnen durch seinen Stellvertreter vorgegangen war.

Zeit bekam Remy auch, damit der RBB die Dokumentation nochmals prüfen konnte. Der Film sollte am 1. September ausgestrahlt werden, kurz nachdem der Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses seinen Abschlussbericht zum Fall Knabe vorgelegt hat. Und der das Vorgehen des Stiftungsrates der Gedenkstätte, geführt von Kultursenator Klaus Lederer (Linke), bestätigte.

Kurz vor dem Sendetermin bekam der Sender ein Schreiben samt früherem Facebook-Post von Remy. Er hatte damals ganz privat einen Spendenaufruf geteilt, um Knabe bei den Kosten für seine Klage gegen die Kündigung zu helfen. Der Vorwurf gegen Remy: Er sei parteiisch.

Der RBB verschob die Ausstrahlung und kündigte eine überarbeitete Version an, in der Remys Rolle transparent gemacht wird. Geändert wurde nichts, sagt Remy. Aber in einem neuen Vorspann darf er sich erklären. Dass er als Journalist die Umstände der Entlassung Knabes merkwürdig gefunden habe und kritisch sehe, habe er dem Sender klar kommuniziert.

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Er habe zwei Jahre recherchiert, Akten gewälzt, Gespräche geführt, sagt Remy. Der Sender habe in seinem Film nichts gefunden, was den Vorwurf der Parteilichkeit bestätige. Und er bekundet: „Ich kannte Knabe nicht persönlich, aber dass er den Opfern der SED-Diktatur eine starke Stimme gab, nötigte mir Respekt ab.“

Der Fall ist eigentlich erledigt, das meiste ohnehin bekannt, die Gerichte haben entschieden. Selbst Bürgerrechtler und Stasiopfer hatten von Knabe Abstand genommen, als der noch um seinen Posten kämpfte. Wer die Auseinandersetzung bislang nur am Rande verfolgt hatte, kann sich mit Remys Versuch einer Rekonstruktion zumindest ein Bild von den Vorgängen verschaffen.

Filmemacher Maurice Philip Remy hat Partei für Hubertus Knabe ergriffen. Foto: rbb Vergrößern
Filmemacher Maurice Philip Remy hat Partei für Hubertus Knabe ergriffen. © rbb

Remy geht dafür in die Geschichte der Bundesrepublik, der Berliner Politik und der Person Knabe zurück, der stets vor einer Regierungsbeteiligung der Linkspartei gewarnt hatte. Dass die Doku dabei eine gewisse Schlagseite hat, Remy seine Sympathie für Knabe nicht verhehlen kann, ist fast geschenkt. Aber nur fast.

Die Frauen, die das Verhalten des Knabe-Stellvertreters in der Gedenkstätte übergriffig fanden, wollten nicht mit Remy sprechen. In den Akten und auch vorhandenen Interviews hätte Remy durchaus erkennen können, was sie meinten. Stattdessen stellt er die Geschehnisse in den zeithistorischen Kontext der MeToo-Debatte, mit dem Aufbegehren der Frauen in der Film- und Kulturbranche.

Hat der Filmemacher den Fall nicht verstanden?

Und er erzeugt den Eindruck, die Vorwürfe könnten doch etwas aufgebauscht gewesen sein, als hätten Lederers Kulturverwaltung und am Ende auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) alles auf den Vorwurf der sexuellen Belästigung zugespitzt, wo vielleicht ein älterer Herr nur etwas zu locker, zu körperlich zu seinen Mitarbeiterinnen gewesen sei. Von MeToo nichts verstanden?

Auch Lederer kommt umfangreich zu Wort. Er würdigt auch Knabes Leistung für die Aufarbeitung des SED-Regimes, dass er den Opfern eine Stimme gab. Und er redet über den Fall selbst. Das ist zumindest in dieser Detailschärfe neu – und erhellend.

Klaus Lederer in seinem Berliner Büro in der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.. Foto: dpa7/Fabian Sommer Vergrößern
Klaus Lederer in seinem Berliner Büro in der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.. © dpa7/Fabian Sommer

Knabe sieht sich aber weiter als Opfer. Dass er nicht der einfachste Mensch war, verschweigt Remy zumindest nicht. Ein früherer Bürgerrechtler sagt: Knabe habe gedacht, er stehe über allem. Geschützt von der CDU, wie Knabe selbst zugibt.

Doch dass selbst der Chef der Opferverbände im Stiftungsrat der Gedenkstätte, der CDU-Politiker Dieter Dombrowski, neben Grütters' Vertreterin und einer weiteren Aufarbeitungsexpertin, die als CDU-nah gilt, Hubertus Knabe am Ende loswerden wollten, weil er keine Einsicht zeigte, die Warnsignale nicht sehen wollte, hat Remy offenbar nicht überzeugt.

Die frühere Vorsitzende der Berliner CDU wollte keinen Untersuchungsausschuss zu Hubertus Knabe. Foto: Soeren Stache/dpa Vergrößern
Kulturstaatsministerin Grütters: Die frühere Vorsitzende der Berliner CDU wollte keinen Untersuchungsausschuss zu Hubertus Knabe. © Soeren Stache/dpa

Die Auswahl der Gesprächspartner, vorwiegend Männer, wie Akten teils fehlgedeutet werden, dazu viel Dramatik, musikalische Untermalung – am Ende sollte wohl auf die eingangs der Doku gestellte Frage, ob Knabes Entlassung eine Intrige gewesen sein, mit dem Eindruck beantwortet werden: Irgendwie ja. Doch der klare Beweis fehlt.

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Ohne es zu hinterfragen, darf ein bekannter Journalist und Geschichtsexperte aus dem Hause Springer, Knabe stets zugetan, sagen: Lederer habe sich ein „stalinistisches Prinzip“ zu eigen gemacht – nämlich: „Es muss alles rechtsstaatlich aussehen, aber wir müssen die Fäden in der Hand halten.“ Schließlich vermittelt Remy den Eindruck, die rot-rot-grüne Mehrheit im Untersuchungsausschuss hätte dabei später auch noch mitgemacht.

Der Fall Hubertus Knabe

Diese Unwucht kommt am Ende, nach eineinhalb Stunden Film. Und Knabe darf sagen: „Ich kam mir da streckenweise vor wie in Russland.“ Wie in einem „Vernichtungsfeldzug“. Er habe nur gewartet, dass die Steuerfahndung bei ihm klingelt. Dingdong!

Wie passend, dass Remy vermeintlich Verdächtiges herausfand: Dass die Stasi in den 60er-Jahren Akten von Verfolgten als „Sondervorgang“ bezeichnet hat – und Lederers Kulturverwaltung die Akten im Fall Knabe ausgerechnet „Sondervorgang MeToo“ nannte. Wir sind erschüttert. Das kann doch kein Zufall sein.

Im nachgeschobenen Transparenz-Vorspann sagte Remy, er sei auf das Urteil der Zuschauer gespannt. Aber gern! Hier das Prädikat: Brett vorm Kopf.

Die Dokumentation „Sondervorgang MeToo“ ist am Mittwoch, 27. Oktober 2021, um 22:15 Uhr im RBB zu sehen.

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