Grafik/Illustration: Tagesspiegel/Felix Möller
© Grafik/Illustration: Tagesspiegel/Felix Möller

„Eine Runde Bundestag“ mit Julia Friedrichs Der „Zapfhahn“ zeigt, was im Wahlkampf fehlt

Die ungehörte Hälfte des Landes? Warum das Leben für viele eine Abwehrschlacht ist, was die Einkommenskluft mindern kann und warum es unter Kohl besser war.

Der Zapfhahn ist eine Oase in einer sich rasant ändernden Welt. Drüben kaufen Leute Feinkost ein, hier, im Keller des Karstadt-Kaufhauses am Hermannplatz in Berlin-Kreuzberg, sitzen Frauen und Männer, für die der Zapfhahn der letzte Ort der Begegnung ist, ein Ort, wo sie sich geschätzt fühlen.

In diesem Bundestagswahlkampf ging es fast gar nicht um die Menschen, die an der Theke des Zapfhahns sitzen, die hart arbeiten oder gearbeitet haben, aber sich kaum noch repräsentiert fühlen. Die Autorin Julia Friedrichs war etwa 15 Mal hier, 2019 auch zu Weihnachten. Sie hat das viel beachtete Buch „Working Class“ geschrieben, über Menschen, die sich abrackern, dachten, dass die Arbeit sie durchs Leben trägt, aber sehen, dass es immer weniger zum Leben reicht –  gerade der jüngeren Generation droht der Wohlstands-Abstieg.

Die wichtigsten Tagesspiegel-Artikel zur Bundestagswahl 2021:

„Sie sind die ungehörte Hälfte des Landes“, so Friedrich. Vielen, denen es besser gehe, könnten ganz schwer nachvollziehen, wie das ist, wenn das Leben jeden Tag eine Art Abwehrschlacht ist.

Eine Putzfrau reinigt den Platz von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag. Foto: Thomas Imo/photothek Vergrößern
Eine Putzfrau reinigt den Platz von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag. © Thomas Imo/photothek

Was müssen die nächste Regierung und die Bundestagsabgeordneten ändern im Land, um die tiefen Gräben, die Schere zwischen Arm und Reich zu mindern?

Daher gibt es zum Abschluss der Podcast-Reihe „Eine Runde Bundestag“ (Produktion: Markus Lücker) vor der Wahl eine Folge aus dem Zapfhahn.

Es sind sechs Kilometer zwischen Bundestag und Zapfhahn, aber gefühlt liegen Welten zwischen beiden Orten.

Julia Friedrichs (41) setzt sich an die Theke, los geht’s. „Ich bin für mein Buch zurückgereist in die Zeit vor dem Umbruch, in die westdeutschen 80er Jahre. Und für mich steht der Zapfhahn so ein bisschen wie ein Relikt aus dieser alten Bundesrepublik, als Arbeiter und Arbeiterinnen noch ein gesichertes Leben meinten zu haben.“ Da wo sie jetzt sitze, sitze immer morgens um halb zehn Wolfgang. „Und Wolfgang geht nur in den Zapfhahn. Ansonsten geht er nirgendwo mehr hin in der Stadt, weil er das Gefühl hat, die Welt hat sich für ihn zu schnell in eine schlechte Richtung entwickelt und er verlässt quasi seine Wohnung nur noch, um zu diesem gewohnten Ort zu kommen.“

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Julia Friedrichs setzt sich in "Working Class" mit der tiefen Ungleichheit im Land auseinander. Foto: Doris Spiekermann-Klaas/TSP Vergrößern
Julia Friedrichs setzt sich in "Working Class" mit der tiefen Ungleichheit im Land auseinander. © Doris Spiekermann-Klaas/TSP

Der Wirt geht zu den Beerdigungen der Stammgäste

Der Wirt Reza hat hier eine Liste hängen, wo alle Geburtstage der Stammgäste notiert sind. Er geht auch zu den Beerdigungen, wenn ein Stammgast stirbt. Bei vielen alten Gästen, kommt das immer häufiger vor. Hier seien die Menschen, die draußen im Leben, mit seinen schicken Bars und Boutiquen keine Rolle mehr spielen, so Friedrichs. Wir kommen auf Rüdiger zu sprechen, der 1961 bei Karstadt angefangen hat, damals war es mit Stolz verbunden zu sagen: Ich bin Karstädter. „Der hat hier vorne in der Lebensmittelabteilung gearbeitet und sich hochgearbeitet zum Verkäufer Salat. Sie waren weit über 100 Menschen und es begann eben auch in den 80er Jahren, dass sie immer weniger wurden, Stück für Stück.“ Später wurde die Abteilung verkauft an Rewe, er wurde immer weiter degradiert.

Reza Eskafi, Wirt der Kneipe Zapfhahn im Karstadt Hermannplatz in Berlin. Foto: Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Reza Eskafi, Wirt der Kneipe Zapfhahn im Karstadt Hermannplatz in Berlin. © Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das Trauma des "Karstädters"

Friedrichs erzählt, es sei ganz schwer zu verkraften, wenn diese Angestellten das Gefühl haben, es zählt gar nicht mehr, „wie viel ich dem Unternehmen gegeben habe, wie viel ich geleistet habe“. Früher gab es mehr Respekt, soziale Sicherheit und echte Aufstiegschancen: „Man arbeitet sich Stück für Stück hoch und am Ende quasi kriegt man eine goldene Nadel und es wird einem gedankt und man geht in die sichere Rente.“ Es gehe ja dem neuen Karstadt-Eigentümer nicht mehr darum, ob ein Rüdiger den Salat besonders gut verkaufe, sondern darum, wie hoch ist der Wert der Immobilie. „Und was kaufen wir zu? Was stoßen wir ab? Der Ort, wo Karstadt agiert, ist der Finanzmarkt und der Immobilienmarkt, aber nicht mehr der, wo der Verkäufer agiert und etwas zählt.“ Wenn hier, wie diskutiert, ein Luxuskaufhaus anstelle des alten Karstadt entstehen soll, wird auch der Zapfhahn im Kaufhauskeller verschwinden.

Braucht es wieder eine Vermögenssteuer?

Friedrichs findet, dass zumindest mit Debatten um 12 Euro Mindestlohn das große Thema einer gerechteren Gesellschaft in diesem Wahlkampf etwas mehr als früher thematisiert werde. „Es wird auch zumindest thematisiert, dass es Menschen gibt, die aus ihrer Arbeit heraus sich nichts mehr aufbauen können und dann zu wenig Rente haben. Ich glaube, dass da auch der Trump-Schock noch nachwirkt, dass man wirklich merkt, in einer Demokratie ist das ein großes Problem, wenn ganz viele Menschen einfach dann aus Protest einen Spinner wählen.“ Aber auch nach der Corona-Pandemie sei man letztlich schnell wieder im „alten Normal“ gelandet, „wo wir einfach sehen, dass teilweise ja die Unterschiede noch größer sind“.

Die Kneipe Zapfhahn im Karstadt-Kaufhaus. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Die Kneipe Zapfhahn im Karstadt-Kaufhaus. © Kitty Kleist-Heinrich

Der Generation ab 1980 wird es schlechtergehen

Sie wisse aus Studien, dass bei denen, die nach 1980 geboren wurden, heute nur noch die Hälfte ihre eigenen Eltern wirtschaftlich übertreffe, für die Hälfte gilt also: die Kinder haben es schlechter. Dieses Phänomen sei neu und treffe die U45-Generation mit voller Wucht – bis in die Mittelschicht hinein. Das betreffe den U-Bahnhof-Reiniger genauso wie die Musikschullehrer auf Honorarbasis, die bei Krankheit kein Geld kriegen, also null Sicherheit erfahren und die sich auch nichts aufbauen können. Friedrichs verweist auf die Zeiten von Helmut Kohl, wo es einen höheren Spitzensteuersatz und eine Vermögensbesteuerung gab, um das Versprechen einer sozialen Marktwirtschaft zu erfüllen.

„Unter Helmut Kohl war das Land sehr viel gleicher, als es jetzt ist. Man sieht das auch in den Daten. Es gab da eine sehr gute Langzeitbeobachtung, was bei den Vermögen passiert ist“, sagt Friedrichs. „Die Vermögen sind explodiert, also wirklich dramatisch gewachsen und die untere Hälfte, also nicht die unteren fünf oder zehn Prozent, sondern die untere Hälfte ist, die stagniert. Seit den 80er Jahren schafft es die untere Hälfte nicht mehr, Vermögen aufzubauen. Daher müssten die wirtschaftlich  Starken mehr abgeben, fordert die Buchautorin. „Lustigerweise besteuern Länder wie die USA und auch Großbritannien, von denen wir das jetzt nicht unbedingt denken. Vermögen viel mehr als wir.“ Es sei die liberale Tradition: Man soll nicht durch Erbschaft reich werden, sondern durch eigene Anstrengung.

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Prekäre Verhältnisse und viel Zeitdruck: Ein Lieferbote fährt im Regen Essen aus. Foto: Felix Zahn/photothek Vergrößern
Prekäre Verhältnisse und viel Zeitdruck: Ein Lieferbote fährt im Regen Essen aus. © Felix Zahn/photothek

CDU/CSU und der Vertrauensverlust in die soziale Marktwirtschaft

Nun ist eine Vermögenssteuer vom Bundesverfassungsgericht 1995 kassiert worden, da Immobilienvermögen gegenüber anderen Vermögen nicht besser behandelt werden dürfen.

Bei der Erbschaftssteuer wird seit Jahren über Reformen diskutiert, Schätzungen zufolge werden in Deutschland bis zu 400 Milliarden Euro pro Jahr verschenkt oder vererbt, nur ein Bruchteil wird an den Fiskus abgeführt. Auch hier ist die große Hürde der Umgang mit Betriebsvermögen, wenn Unternehmen vererbt werden. So blieben Versuche, über Steuern die Kluft zu mindern, oft stecken - auch weil die Eliten eine andere Lobby haben.

Friedrichs vermisst heute im deutschen Wahlkampf Ideen für eine Rückkehr zum Versprechen „Leistung muss sich lohnen“, gerade bei der Union von Kanzlerkandidat Armin Laschet. Es sei ja eigentlich eine konservative Politik zu sagen: Wollen wir nicht allen Menschen ermöglichen, voranzukommen, Regisseur des eigenen Lebens zu sein? „Das sind urkonservative und liberale Grundsätze. Und dass diese so getreten werden, finde ich schon bitter“, konstatiert Friedrich im Zapfhahn. „Wir wollen saubere U-Bahnhöfe. Wir wollen, dass die Kinder unterrichtet werden. Aber wir sind nicht mehr bereit, das vernünftig mit Arbeitsverträgen so auszustatten, dass die Leute das Gefühl haben, wir können in Sicherheit leben.“ Die Politik drehe an einigen Stellschrauben, aber der Mut zum großen Wurf fehle hier.

Für viel reicht der Verdienst nicht, gerade bei den hohen Mieten in vielen Städten. Foto: Thomas Trutschel/potothek Vergrößern
Für viel reicht der Verdienst nicht, gerade bei den hohen Mieten in vielen Städten. © Thomas Trutschel/potothek

„Auch alles, was Arbeit vor allem in den unteren und mittleren Lohngruppen entlastet, müsste befördert werden. Sozialabgaben für die Leute runter, das Steuersystem verändern.“ In Deutschland fuße alles auf Abgaben. „Arbeit trägt alles. Vermögen trägt kaum etwas in diesem Land. Ich finde, das ist eine Riesenunwucht. Und man muss sich überlegen, wie auch Menschen, in deren Familien kein Vermögen aufgebaut werden kann, wie können die wieder Immobilien kaufen? Wie können die wieder was ansparen in einer Zeit, in der es kaum Zinsen gibt“, fragt Friedrichs. Interessant sei zum Beispiel das Modell des Mietkaufs: Der Staat baut ein Haus und die Menschen kaufen über ihre Miete Stück für Stück sich die Wohnung. So könnten auch Menschen ohne Eigenkapital Immobilieneigentümer werden, „was ja in einer Stadt wie Berlin ohne Erbschaft in den Familien sonst kaum mehr möglich ist.“

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Dass die Berliner U-Bahnstationen so aussehen verdanken die Bürger Reinigern wie Said. Foto: Doris Spiekermann-Klaas/TSP Vergrößern
Dass die Berliner U-Bahnstationen so aussehen verdanken die Bürger Reinigern wie Said. © Doris Spiekermann-Klaas/TSP

Der U-Bahn-Reiniger Said: Nie wieder SPD

Immer wieder hat Friedrichs den U-Bahn-Reiniger Said getroffen. Er reinigt seit 18 Jahren die Berliner U-Bahnhöfe. Er tut das vor allem, weil er seinen Kindern Vorbild sein will, geht jeden Morgen um 6:30 darunter und wischt den Dreck weg. „Ich habe ihn dabei begleitet. Das ist ein harter Job. Der wird auch, wie er sagt, immer härter. Das heißt, er ist immer mehr mit aggressiven Menschen konfrontiert“, erzählt Friedrichs. Seine Arbeit wurde Mitte der 90er ausgegliedert, bis dahin hatten das BVG-Beschäftigte gemacht. „Die haben Ekel-Zulagen bekommen, wenn sie Urin oder Kot entfernt haben, bekommt er alles nicht.“ Sie bekamen kostenlose Fahrkarten, Said muss selbst ein Ticket bezahlen, wenn er nach getaner Arbeit nach Hause fährt. „Die hatten Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Erholungsheim und BVG-Kleidung. Also das Gefühl., Teil eines Teams zu sein. Er arbeitet bei einer Fremdfirmen, die einfach eine Linie reinigt und die sagt, wir brauchen weniger Zeit pro Bahnhof und den Druck spürt er dann.“

Wahldashboard

Er habe ein wahnsinniges Durchhaltevermögen, mache einen Job, ohne den diese Stadt nicht funktionieren würde. „Man sieht sofort abends, ob er da war oder nicht.“ Aber er habe das das Gefühl hat, es komme nichts zurück. „Das gute Leben heißt für ihn: Ich kann auch mal mit meiner Frau essen gehen. Wir können in Urlaub fahren und wir haben vor allem das Gefühl, es wird Stück für Stück alles besser. Und das hat er nicht“, berichtet Friedrichs.  Er macht sich ganz, ganz große Sorgen, dass es für seine Kinder alles noch weiter den Bach runtergeht, obwohl die besser gebildet sind als er.“

Mit den Arbeitsmarktreformen wuchs die Unsicherheit

Das einzige positive Erlebnis in seiner Berufslaufbahn sei die Einführung des Mindestlohns gewesen. „Aber das hat diese Wunden, die vorher gerissen wurde, nicht geschlossen, sondern es war halt ein Pflaster, was man draufgeklebt hat, besser als nichts.“ Die SPD könne er heute nach den Deregulierungs- und Arbeitsmarktreformen unter Gerhard Schröder nicht mehr wählen. „Man hat erlebt, wie gerade unter der SPD der Niedriglohnsektor gewachsen ist, wie der Arbeitsmarkt liberalisiert wurde und die SPD nicht mehr die Schutzmacht der Working Class war, wie sie es hätte sein müssen.“

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