"Ohne Schonfrist: Gelingt der Ampel-Start in der Corona-Krise?", dieses Thema diskutierten am Sonntag bei "Anne Will" FDP-Chef Christian Lindner und Annalena Baerbock von den Grünen. Foto: NDR/Wolfgang Borrs
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Ein Fernseh-Sonntag, der deprimiert Ernsthafte Debatten sucht man in Talkshows vergebens

Erst sprach Virologe Drosten Klartext, dann schwurbelte FDP-Chef Lindner, ehe Flaßpöhler und Precht den Gesellschaftsrand bespielten. Ein Kommentar.

So werden nicht alle am Sonntag ihren Abend vor dem Fernseher verbracht haben: Erst das "heute-journal" im ZDF, dann rüber zur ARD mit "Anne Will", um 23 Uhr 45 weiter ins Finale mit dem Talk "Precht" im ZDF. Aber die Zeiten sind so und so extrem, dass nahezu jedes Format sich mit Covid-19 beschäftigt.

Die Fiktion interessanterweise fast gar nicht und der "Tatort" schon gar nicht. Also Information und Talk. Anchorman Claus Kleber hatte den Charité-Virologen Christian Drosten im Interview, Thema war natürlich die Omikron-Variante des Coronavirus.

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Christian Drosten also stellte fest: „Wir müssen so schnell es irgend geht boostern. Denn unser eigentliches Problem ist ja weiter die Delta-Variante, die wir jetzt haben.“ Dagegen sei die Omikron-Variante, die jetzt aus Südafrika kommt, „ein Mini-Problem“. 

Und es müssten die Impflücken geschlossen werden. „Unbedingt. Das ist ganz entscheidend, denn wenn man gar nicht geschützt ist, möchte man auch die Omikron-Variante nicht treffen.“ Klare Worte des führenden und "schon ziemlich besorgten" Virologen, wie er selber sagte.

Lindner stagniert vor sich hin

Aus seinem Petitum muss unzweifelhaft eine Handlungsanweisung für die Politik in Bund und Ländern folgen. Bei "Anne Will" waren beide Ebenen vertreten: Annalena Baerbock (Die Grünen) und Christian Lindner (FDP) für die künftige Bundesregierung, Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, für die Länderchefs.

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Schwesig war in ihrem Pragmatismus. welche Maßnahmen nun gefragt seien, felsenfest. Christian Lindner erneut windelweich. Er wolle erst mal von den Verfassungsrechtlern hören, ob eine Impfpflicht rechtlich vertretbar sei. Lindner stagniert in Haltung und Ideologie vor sich hin, in seiner Person, Partei und Politik manifestieren sich die weiter und weiter steigenden Infektionszahlen.

Flaßpöhler/Precht im Borderline-Talk

Svenja Flaßpöhler im Talk bei Gastgeber Richard David Precht beim ZDF. Anschauungsunterricht, warum sich Flaßpöhler und Precht immer mehr von der bürgerlichen Mitte an die Ränder der Gesellschaft bewegen. Vielleicht fühlen sich die Borderline-Talker da wohler und besser verstanden. Für eine ernsthafte Debatte über notwendiges Handeln in der und für die von der Pandemie geplagten Gesellschaft taugen sie nicht, und Biologie ist ihre Sache nicht. Vielleicht will das Duo in einer weiteren Gesprächsrunde die Spielregeln für ein kommunikatives Miteinander ausverhandeln?

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Ein bemerkenswerter und in seinem Ende ein deprimierender Fernsehabend. Das ist nun nicht die Schuld des Mediums, die Gesamtsituation ist verquer, die angebotenen Lösungen passen nicht immer zu Einstellung und Erwartungen des Einzelnen.

Was sich auf jeden Fall zeigt: Jede Zuschauerin ist wie jeder Zuschauer besser beraten, jene TV-Formate zu nutzen, die auf Aufklärung und Information setzen. Die Talks sind aufgrund der Gästelisten nur bedingt dazu in der Lage, und dass der "Tatort" das Covid-19-Thema ausspart, kann vor diesem Hintergrund nur als Glücks-Booster gefeiert werden.  

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