Reise in die Finsternis. Was die britischen Nazijäger Anton Walter Freud (Franz Hartwig, links) und Hanns Alexander (Robin Sondermann) bei ihren Recherchen und Vernehmungen erfahren, ist ungeheuerlich: Im KZ Neuengamme wurden zwanzig jüdische Kinder für bestialische Menschenversuche missbraucht. Foto: NDR/Spiegel TV/Michael Ihle/bishara.design/Nelli Röd
© NDR/Spiegel TV/Michael Ihle/bishara.design/Nelli Röd

Dokudrama "Nazijäger - Reise in die Finsternis" Horror vor dem Mann in Weiß

Manfred Riepe

Ein ARD-Dokudrama erinnert an jüdische Kinder, die Nazi-Ärzte für Menschenversuche missbrauchten. Und an die Briten, die die Ärzte fanden

„Mir ist kalt“, sagt der Junge auf dem OP-Tisch. Der freundliche Onkel Doktor redet beruhigend auf das Kind ein: „Ich weiß, aber es dauert nicht lange.“ Sergio, so der Name des verängstigten Siebenjährigen, ist eines von zwanzig jüdischen Kindern. Dr. med. Kurt Heißmeyer hat sie im April 1944 aus Auschwitz angefordert und ins Hamburger Konzentrationslager Neuengamme bringen lassen.

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Hier hat der Mediziner sie dann mit Typhusbakterien infiziert und ihnen ohne Betäubung Lymphknoten herausgeschnitten. Diese Menschenversuche waren nicht nur grausam. Sie waren medizinisch sinnlos. Denn Heißmeyers Hypothese, er könne durch Infektionen an Versuchspersonen einen Impfstoff gegen Typhus produzieren, galt seinerzeit schon als widerlegt.

[„Nazijäger – Reise in die Finsternis“, ARD, Sonntag, 21 Uhr 45]

Raymond Leys ARD-Dokudrama „Nazijäger – Reise in die Finsternis“ zeichnet das Leid dieser Kinder nach, die wegen eines skrupellosen und fachlich inkompetenten Nazi-Mediziners ihr Leben lassen mussten. Ley, bekannt durch dokufiktionale Formate wie „Schuss in der Nacht – Die Ermordung Walter Lübckes“, spannt in seinem neuen Film einen weiten thematischen Bogen.

Im erweiterten Fokus steht die War Crimes Investigation Unit, eine Spezialeinheit, die gegründet wurde, nachdem die Briten im befreiten KZ Bergen-Belsen auf schockierende Zustände gestoßen waren. Zu den Fahndungserfolgen dieses Teams zählen die Ergreifung des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß sowie die Überführung von Dr. Bruno Tesch, dem Geschäftsführer jener Hamburger Firma „Tesch & Stabenow“, die mit der Entwicklung und Lieferung des Massenvernichtungsmittels „Zyklon B“ maßgeblichen Anteil am Holocaust hatte.

Überlebende helfen Nazijägern

Berichte von Überlebenden aus Neuengamme bringen die britischen Nazijäger auf die Spur der bedauernswerten zwanzig Kinder. Im April 1945 – also nur wenige Tage vor der Kapitulation des Hitler-Regimes – versuchten SS-Schergen ihre Gräueltaten zu kaschieren, indem sie diese Mädchen und Jungen im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren an Heizungsrohren strangulierten.

Verantwortlich für ihr grausames Schicksal ist Heißmeyers Untergebener, der KZ-Arzt Alfred Trzebinski. Im Verhör gesteht er, dass er die Kinder vor ihrer Ermordung mit einer Morphiumspritze betäubt habe: Das sei „eine humane Tat, der ich mich nicht zu schämen brauche“.

Die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte stützt sich auf Verhörprotokolle von Anton Walter Freud. Der Enkel des Psychoanalyse-Begründers Sigmund Freud war 1938 gemeinsam mit seinem Großvater vor den Nazis nach London geflüchtet. Ab 1945 unterstützte Anton Walter die War Crimes Investigation Unit.

In die Dialoge des Films fließt ein markanter Satz aus dem berühmten Essay „Massenpsychologie und Ichanalyse“ ein, in dem Sigmund Freud schon im Jahr 1921 die Gräueltaten der Nazis vorauszuahnen schien: „In der Masse erlangt das Individuum ein Gefühl unüberwindlicher Macht, welches ihm gestattet, Trieben zu frönen, die es alleine gezügelt hätte.“

Zwei disparate Teile

Wie beim Format des Dokudramas üblich zerfällt auch „Nazijäger – Reise in die Finsternis“ in zwei disparate Teile. Überzeugend sind die dokumentarischen Szenen, in denen Andra und Tatjana Bucci zu Wort kommen. Als Vier- und Sechsjährige wurden beide nach Auschwitz deportiert. Ihr Cousin Sergio de Simone fiel den Ärzten im KZ Neuengamme zum Opfer. Eingebettet sind diese dokumentarischen Rückblicke in fiktive Szenen. Gezeigt wird, wie Kinder in der KZ-Baracke unbekümmert Fangen spielen. Bald darauf werden sie im Heizungskeller umgebracht. Ein Mann mit Theaterschminke und in einem SS-Kostüm aus dem Fundus hängt sich mit all seinem Körpergewicht an ein Kind, um es zu strangulieren. In solch naturalistischen Szenen, die dem Zivilisationsbruch nicht gerecht werden, stößt das gestalterische Geschick des Regisseurs an Grenzen.

Immerhin bemüht sich der Film, den fiktiven Charakter dieser Nachinszenierungen mit Brüchen kenntlich zu machen. „Nazijäger – Reise in die Finsternis“ ist ein heterogener, zugleich aber vielschichtiger Beitrag zu einem Thema, das nie in Vergessenheit geraten darf.

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