Unverändert faszinierend: Venedig, die Stadt, die immer untergeht. Foto: Arte/Christophe Trarieux
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Doku über Kunst und Künstler in Venedig La Serenissima

"Stadt der Sehnsucht": Arte-Dokumentarfilm über das sinnenfrohe, künstlerische Venedig des 18. Jahrhunderts.

Wohl nur wenige andere Orte dieser Welt sind eine solche Projektionsfläche für Träume und Sehnsüchte, wie es Venedig ist. Aber die norditalienische Hafenstadt hat akute Probleme, die Zahl der Einwohner zeigt steil abwärts – aktuell sind es im historischen Zentrum noch etwa 58 000 –, die fatale Verbindung aus globalem Massentourismus und internationalem Immobiliengeschäft macht aus Venedig eine Art Disneyland.

Im 18. Jahrhundert, als die Welt sich noch wesentlich langsamer drehte, hatte La Serenissima den Status einer unabhängigen Republik in einer Welt, die von der Monarchie geprägt war. Venedig stand für Freiheit, für moralische und politische, als eine Stadt des Karnevals, der frivolen Sinnesfreuden und als Schauplatz skandalöser Liebschaften. Hier waren sie zu Hause, die Verführer und die Verführten. Die Stadt avancierte zugleich zur europäischen Hochburg der Musik- und Opernwelt. „Wenn ich ein anderes Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig“, sagte Friedrich Nietzsche. In dieses längst untergegangene Venedig führt die neue Dokumentation des französischen Filmautors Laurence Thiriat: „Venedig, Stadt der Sehnsucht“.

Kunst und Künstler im Eiltempo

Der Film unternimmt den Versuch, ein ganzes Jahrhundert zu durchschreiten. Dies geschieht zwangsläufig im Eiltempo und tut Sujet und Doku nicht nur gut. Historische Aufnahmen werden neben neue Ansichten der Stadt gestellt, neu inszenierte Reenactments wechseln mit abgefilmten Bühneninszenierungen von Stücken Carlo Goldonis und anderer venetianischer Künstler. Ohnehin, all die vielen Künstler, sie geraten zu einer Art Namedropping: Jede der Künstlerbiografien wird nur kurz angerissen, häppchenweise, hier ein paar wenige Minuten für Antonio Vivaldi, dort ein paar Minuten für Canaletto, einige Momente für Goldoni, einige für Tiepolo und natürlich auch einige für den unverwüstlichen Verführer par excellence, Giacomo Casanova. Profunde, tiefer gehende Einblicke bleiben da notgedrungen aus. So kann gerade die Abhandlung der Werke und Vitae so vieler Musiker, Maler und anderer Persönlichkeiten nichts anderes als einen oberflächlichen Eindruck erwecken.

1797 schließlich, und damit endet auch Laurence Thiriats Dokumentation über die untergehende Serenissima, besetzte Napoleon Venedig und verkaufte die Stadt an Österreich. Nach tausend Jahren verlor Venedig seine Unabhängigkeit, auf die es stets so stolz blickte. Die symbolisch aufgeladene Schluss-Sequenz zeigt einen jener Kreuzfahrtschiffriesen, die dabei sind, dieses städtebauliche Juwel unwiderruflich zu zerstören. Dann gibt es auch keine millionenfachen, austauschbaren Selfies auf dem Markusplatz mehr. Dann tragen die Gondeln wirklich Trauer. Thilo Wydra

„Venedig, Stadt der Sehnsucht“, Mittwoch, Arte, 21 Uhr 50

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