In der Verantwortung. Julia Grosz (Franziska Weisz) leitet als frisch beförderte Hauptkommissarin den Einsatz gegen einen russischen Waffenhändler. Doch die Undercover-Aktion läuft komplett aus dem Ruder. Foto: NDR/Meyerbroeker
© NDR/Meyerbroeker

Die Russenmafia im „Tatort“ Im Angesicht der Familie

Der „Tatort“ aus Hamburg durchbricht das Klischee von der Russenmafia. Herausgekommen ist eine etwas andere Fortsetzung von „Im Angesicht des Verbrechens“.

„Der Weg des Lebens ist breit. Viele kennen ihn nicht und wandeln auf dem Weg des Todes“. Es sind Aphorismen wie das von Gogol, die nicht zum gängigen Klischee der Russenmafia passen. Und auch sonst verlässt der von Niki Stein geschriebene und inszenierte „Tatort“ mit dem Titel „Macht der Familie“ viele der typischen Krimiwege – ohne allerdings die wichtigsten Spannungsprinzipien außer Acht zu lassen.

Wenn dieser Kriminalfilm nach den üblichen 88 Minuten am Sonntagabend in der ARD zu Ende geht, wundert man sich als Zuschauer, wo die Zeit geblieben ist. Eine Geschichte wie diese hätte man auch als Mehrteiler erzählen können. Oder gleich als Fortsetzung der zehnteiligen Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf – auch wenn sich das Bild der Russenmafia in diesen beiden TV-Produktionen kaum stärker voneinander unterscheiden könnte. Das Durcheinander bei den Ermittlungsbehörden ist hingegen durchaus vergleichbar.

[„Tatort: Macht der Familie“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15]

Doch zurück zum Anfang: Gerade erst wurde Julia Grosz (Franziska Weisz) zur Hauptkommissarin befördert, da bekommt sie eine Aufgabe zugeteilt, die ihr über den Kopf zu wachsen scheint. Als Einsatzleiterin soll sie Victor Timofejew auf frischer Tat überführen. Der Russe gibt vor, auf internationaler Ebene mit Landmaschinen zu handeln. Tatsächlich handelt es sich bei diesen Flugscharen um Schwerter, besser gesagt um Kriegswaffen, mit denen der Waffenhändler im großen Stil dealt.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Ein Jahr lang wurde die Aktion vorbreitet und ein verdeckter Ermittler als angeblicher Käufer von modernen Luft-Boden-Raketen für die kurdischen Peschmerga aufgebaut. Doch im entscheidenden Moment läuft alles schief. Anstelle von Victor Timofejew taucht dessen Neffe Nicolai am Treffpunkt auf und macht sich mit dem Undercover-Ermittler zunächst Richtung Regionalflughafen und dann im Jet nach Zypern auf. Doch die kleine Maschine wird die Insel im Mittelmeer nie erreichen.

Zum Glück für Julia Grosz und die Task Force hatte Nicolai noch eine Schwester – und Marija Timofejew (Tatiana Nekrasov) arbeitet für die Hamburger Polizei. Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) war sogar früher ihr Chef, hält aber wenig davon, dass sie nun als nächste ins Feuer geschickt werden soll.

Als Undercover-Prostituierte im "Lovemobil"

In ihrer ersten Szene als Undercover-Prostituierte mischt Marija Timofejew einen üblen Zuhälter in einem Lovemobil auf. Das ist deshalb bemerkenswert, weil der NDR gerade wegen der in Teilen inszenierten Dokumentation „Lovemobil“ in der Diskussion ist. Die Szene ist somit nur durch den zeitlichen Vorlauf der Dreharbeiten für den NDR-„Tatort“ zu erklären. Ansonsten müsste sich der Sender fragen lassen, ob in diesem Wohnwagen auch die nachgedrehten Einstellungen für die Dokumentation gedreht wurden.

Für Tatiana Nekrasov ist es übrigens bereits der vierte „Tatort“, den sie mit Niki Stein gedreht hat. Die Episode „Der Mörder in mir“ des SWR wartet noch auf die Ausstrahlung.

[Ein Trailer zum "Tatort: Macht der Familie" steht in der ARD-Mediathek]

Zur besonderen Machart des aktuellen „Tatort“ gehört die nüchtern-dokumentarische Darstellung der Abläufe während der verschiedenen Undercover-Aktionen. Beeindruckend an „Macht der Familie“ sind aber auch die Drehorte: die altehrwürdige Hamburger Vorort-Villa mit ihrer Holzvertäfelung, das Jagdhaus im Wald mit seinem Reetdach, oder die Stadtwohnungen von Nikolai und Marija.

Die Macht der Familie Timofejew ist groß, vor allem die des Familienoberhauptes. Ob Victor nun mit der Ex-Frau seines Bruders zusammenlebt, weil dieser Selbstmord beging oder von seinem Bruder aus dem Weg geschafft wurde, wird offen gelassen. Auf jeden Fall hat sich Victor um seinen eigenen Sohn Andrej genauso gekümmert wie um Nicolai und Marija, die Kinder seiner Ex-Schwägerin und neuen Lebenspartnerin. Doch so kompliziert die Familienbande sind – so lautete der Arbeitstitel – so unklar bleibt, wer hinter dem Flugzeugabsturz steckt. Denn Neid, Missgunst und Verrat sind nicht zwangsläufig auf die Familie beschränkt. Und Marija Timofejew muss sich entscheiden, für welche Seite sie kämpft: Das Gesetz oder das Verbrechen.

Zur Startseite