Mit Fliegerbrille auf dem Kreuzzug gegen Drosten und die Corona-Politik: "Bild"-Chef Julian Reichelt. Foto: dpa
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Die „Bild“-Zeitung im Kampfmodus Was hinter der Anti-Drosten-Kampagne von Julian Reichelt steckt

Deutschlands größtes Boulevard-Blatt fährt seit Wochen eine Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten. Der Chefredakteur führt einen Stellvertreter-Krieg.

So eine „Zeitung muss man mit Liebe machen, nicht mit Hass“. Diesen Satz hat der langjährige „Bild“-Politikchef Georg Streiter kürzlich im Gespräch mit dem ORF in Zusammenhang mit der Berichterstattung seines alten Arbeitgebers über den Charité-Virologen Christian Drosten gesagt. Streiter ist derzeit nicht der einzige, der findet, dass die Zeitung mit den großen Buchstaben zu viel Schaum vor dem Mund und zu viel Wut auf dem Titel hat.

Einem Bericht der „Berliner Zeitung“ des für gewöhnlich gut informierten Medienkolumnisten Kai-Hinrich Renner zufolge soll sich Verlegerin Friede Springer zuletzt vor Vorstandsmitgliedern über den aggressiven Kampagnenjournalismus von „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt beschwert haben. Explizit widersprochen hat die Springer-Pressestelle der Darstellung nicht.

Was ist da los an der Axel-Springer-Straße, was treibt die Zeitung in diesen Tagen unter der Führung von Julian Reichelt in den Kampfmodus?

Rückblick auf vergangenen Montag: Kurz nach 16 Uhr erscheint ein Artikel auf bild.de, der mit dem knalligen Titel „Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch – Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?“ überschrieben war. In dem Artikel fasst ein Redakteur die Kritik von vier anerkannten Statistikern an einer Ende April erschienenen Studie von Drosten zusammen. Die einzelnen Kritikpunkte hatte sich der Autor in Fachforen und bei Twitter zusammengesucht.

Der Vorwurf an Bild: Zitate verzerrt dargestellt

Peinlich für die Zeitung: Alle vier Forscher distanzierten sich schon wenige Stunden nach Erscheinen des Artikels von der Berichterstattung. Dass Studienergebnisse debattiert würden, sei normales wissenschaftliches Vorgehen und kein Aufhänger für einen Skandal. Der Tenor unisono: Sie wollten nicht Teil einer Kampagne sein. Außerdem habe „Bild“ sie nicht angefragt und die Zitate verzerrt dargestellt.

Hinzu kam: Die Schulschließungen, für die Drosten laut „Bild“ verantwortlich sein sollte, wurde schon ab Mitte März beschlossen. Die Studie erschien, wie die Zeitung selbst in dem Artikel schreibt, aber erst Ende April.

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Ein weiterer handwerklicher Fehler: In der Studie heißt es, dass Kinder „genauso infektiös sein könnten, wie Erwachsene“. Aus dem „könnten“ machte der Autor kurzerhand im Zitat ein „können“. Aus einer Vermutung Drostens wurde so ein Fakt.

Zudem hatte der Redakteur in einer E-Mail dem Virologen nur eine Stunde Reaktionszeit auf Fragen zugestanden, das ist ungewöhnlich kurz für ein Thema, bei dem nicht offensichtlich ist, warum es drängt. Die Informationen waren schließlich schon vorher öffentlich verfügbar. Drosten machte die betreffende E-Mail auf Twitter öffentlich.

Da war also einiges durcheinandergeraten, auch was das journalistische Handwerk angeht.

Hintergründe zum Streit zwischen Bild und Drosten:

Hinzu kam, dass der Redakteur des Drosten-Artikels im Februar 2018 schon einmal mit einer falschen Geschichte in die Schlagzeilen geraten war: Er hatte vermeintlich aufgedeckt, dass Kevin Kühnert für seine Anti-GroKo-Kampagne Hilfe aus Russland bekommen hatte. Dumm nur: „Bild“ fiel dabei auf eine Aktion von „Titanic“ herein.

„Team Wissenschaft“ vs. „Bild“

Für Julian Reichelt und die „Bild“ war das Desaster am Montag aber kein Grund, ihre Berichterstattung zu überdenken. Die Zeitung legte im Laufe der Woche mit zwei Drosten-kritischen Texten nach. Wieder distanzierten sich die zitierten Experten. Gegen „Bild“ formierte sich ein „Team Wissenschaft“, wie es der Bonner Virologe Hendrick Streeck bezeichnet.

Zwar bestreitet der Chefredakteur, dass es eine Kampagne gegen den Virologen Drosten gibt. Im aktuellen Spiegel sagt er: Dass „Bild“ eine Anti-Drosten-Kampagne fahre, sei „Quatsch und frei erfunden“.

Wer seine Zeitung liest, kann zu einem anderen Schluss kommen.

Seit Wochen wird dort über die Debatten unter den deutschen Virologen berichtet wie über einen Hahnenkampf, häufig kommt auch Christian Drosten darin vor. Der Tenor: Die Forscher wissen auch nicht, was sie sagen. Heute so, morgen so.

Abrechnung mit der Coronapolitik

Reichelt schrieb in einem Kommentar Ende April dazu: „Nahezu alle Experten, denen wir uns in dieser Krise anvertrauen (müssen), lagen mit nahezu jeder Einschätzung so falsch, dass unser Glauben an sie sich nur noch mit Verzweiflung erklären lässt.“ Es ist also nicht nur eine Anti-Drosten-, sondern auch eine Anti-Wissenschaftskampagne, die „Bild“ fährt.

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Wer nach dem Warum fragt, wird in eben jenem Kommentar von Reichelt fündig: Der Text ist eine Abrechnung mit der Coronapolitik, die Deutschland, laut Reichelt, in den Ruin treibt. Die Anti-Corona-Maßnahmen hält er für überzogen. Der „Bild“-Chef vergleicht die aktuelle Situation mit der Flüchtlingskrise: Auch die habe das Land gefährlich tief gespalten.

Dazu passt, was Reichelt in einem aktuellen Interview mit dem Branchenblatt „Horizont“ sagt: Er glaubt, dass Menschen, die die Corona-Maßnahmen kritisch sehen, keine politische Anlaufstelle hätten; sie – auch von den Medien – nicht gehört würden. In der Flüchtlingskrise seien diese Menschen zu Pegida und dann zur AfD gegangen. Nun gehen sie zu den Coronademos zusammen mit den Verschwörungstheoretikern.

Die Kampagne gegen Drosten ist also nur ein Baustein einer größeren Mission Reichelts gegen das, wovon er glaubt, dass es das Land spaltet.

Aber nicht nur um Deutschland scheint er sich zu sorgen, sondern auch um die Zukunft seines Blattes. 2016 hatte Reichelt auf einer Tagung des Deutschlandfunks gesagt: „Nichts hat uns ganz nachweislich wirtschaftlich in der Reichweite so sehr geschadet wie unsere klare, menschliche, empathische Haltung in der Flüchtlingskrise.”

Das Kalkül: Massiv neue Leser gewinnen

Damals, das klingt an, sah er diese Berichterstattung noch positiv. Das änderte sich, vor allem, seit Reichelt 2018 Gesamtchef der „Bild“-Zeitung wurde – zuvor war er Chefredakteur von bild.de. Die Berichte wurden deutlich asylkritischer.

Wer die Schlagzeilen in dieser Zeit las, musste zu dem Schluss kommen, dass es keine so gute Idee war, mehr als einer Million Flüchtlingen Schutz zu gewähren. Da war von Asylbetrug die Rede, von Gewalttätern, die sich in Massen nach Deutschland eingeschmuggelt hätten, von versagenden deutschen Behörden im Angesicht dieser Probleme.

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Den Fehler der Flüchtlingsberichterstattung will Reichelt offensichtlich nicht noch einmal machen. Reichelt twitterte zur Drosten-Debatte, dass „Bild“ durch ihre Berichterstattung über den Virologen massiv neue Leser gewinnen werde.

Gestoppt hat Reichelts Kurs zumindest den Auflagenschwund nicht: Allein im Vergleich mit dem vergangenen Jahr verlor die Zeitung fast zehn Prozent ihrer Leser. Online scheint sein Kurs aber zu fruchten: 6,3 Millionen tägliche Nutzer hatte Bild.de im Januar 2020, ein Jahr zuvor waren es noch rund 5,5 Millionen.

In der Redaktion spaltet Reichelts Kurs. Viele langgediente „Bild“-Leute sind unzufrieden. Auch Jüngere kündigen wegen der neuen, aggressiven Strategie.

Es gibt aber auch eine verschworene Gemeinschaft von Reichelt-Gefolgsleuten, die den Kurs unbeirrt mitgehen, auch wenn journalistische Standards und die Wahrheit dabei auch mal unter die Räder kommen. Einer, der zu dieser Gruppe gehört, ist der Autor des Artikels über Christian Drosten.

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