An den Alpaka-Haaren herbeigezogen. So wirken derzeit viele Twitter-Kommentare zur Schauspieleraktion #allesdichtmachen, an der auffallend viele "Tatort"-Kommissare teilgenommen haben. Jan Josef Liefers - hier in seiner Rolle als Karl-Friedrich Boerne - gehört zu ihnen, Axel Prahl, der im Münster-Tatort Kommissar Frank Thiel spielt, nicht. Foto: WDR/Martin Valentin Menke
© WDR/Martin Valentin Menke

Update Der „Tatort“ bei Twitter Alles wie immer – und doch ganz anders

Jan Josef Liefers ist der prominenteste Verfechter von #allesdichtmachen. Den „Tatort“ aus Münster sehen 14 Millionen Zuschauer. So wurde dazu auf Twitter diskutiert.

Anfang der 2010er Jahre wurde der „Tatort“ zum gesellschaftlichen Großereignis, mit „Tatort“-Kneipen und „Tatort“- Gottesdiensten. Der Lagerfeuer-Effekt hat sich seither abgeschwächt, den Status als beliebtester TV-Krimi hat er behalten. Mit 14,22 Millionen Zuschauern sahen die Folge „Rhythm and Love“ so viele wie zuletzt 2017 – die Episode „Fangschuss“ stammte seinerzeit auch aus Münster.

Das Allzeit-Hoch seit Beginn der Quotenmessung im vereinigten Deutschland haben jedoch zwei andere Schauspieler erreicht. „Stoevers Fall“ mit Manfred Krug und Charles Brauer schalteten am 5. Juli 1992 15,86 Millionen Zuschauer ein.

„Tatort“-Boykott und Grabenkampf

Nach der umstrittenen Schauspieler-Aktion #allesdichtmachen stellte sich am Sonntag die Frage: Welche Richtung nimmt die Twitter-Diskussion diesmal, wo doch Jan Josef Liefers als einer der prominentesten Teilnehmer und Verfechter von #allesdichtmachen in seiner Paraderolle als Münsteraner Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne zu sehen war? Achtet überhaupt noch jemand auf die aktuelle Folge und die Albernheiten der Münsteraner Krimi-Komödien? Oder wird nur der Grabenkampf nach den Schauspielervideos fortgesetzt?

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Für einige Twitter-Nutzer stand schon vor Sendungsbeginn fest, dass sie diesen „Tatort“ meiden. „Ich trenne gerne Person und Rolle. Bei dem was sich @JanJosefLiefers und Konsorten #geLIEFERT haben gelingt mir das nicht. Mir würde das Lachen im Halse stecken bleiben. Deshalb #TatortBoykott“, kündigte ein Nutzer an und war damit nicht allein.

„Der erste Münster-Tatort, den ich wegen eines der Hauptdarsteller nicht mehr anschauen werde. Weitere werden folgen“, heißt es in einem anderen Tweet. Daneben gab es den Boykott des Boykotts. „Ich erlaube mir diesem #TatortBoykott Blödsinn nicht zu folgen. Und ich behalte mir vor, den #Tatort aus Langeweile abzuschalten.“ Ein Effekt des Boykotts war offenbar, dass der Hashtag #Tatort am Sonntagabend nicht trendete, dafür aber #AxelPrahl. „Schade für Axel Prahl“, wurde vielfach bedauert.

Analogien zwischen dem aktuellen Fall und der Causa #allesdichtmachen ließen sich schwerlich finden. Aus dem Plagiatsvorwurf gegen Professor Boerne und der Medienkritik von Jan Josef Liefers sicherlich nicht. Auch der Blick auf den „Tatort“-Stab brachte nichts: Kein Dietrich Brüggemann oder Thomas Bohn als Regisseur weit und breit. Regie bei „Rhythm and Love“ führte Brigitte Maria Bertele, das Drehbuch stammt von Elke Schuch. Und von Freier Liebe zur Meinungsfreiheit – „man kann alles sagen, aber nicht ungestraft“ – war es doch ein ziemlicher weiter Weg.

"Tatort"-Verweigerer contra Maßnahmen-Kritiker?

Entsprechend blieben die Befürworter und Gegner von #allesdichtmachen in der Diskussion um den aktuellen „Tatort“ in der Minderheit. Das Für und Wider der Schauspieleraktion wurde jenseits des Boykottaufrufs kaum diskutiert.

Die große Mehrheit der Twitter-Nutzer kehrte unter dem Hashtag #tatort sehr schnell zum üblichen Meinungsaustausch zurück. Besonders bewegten offenbar Details wie die Gummistiefel-Box, polyamore Beziehungen, Haarspalterei in der Pathologie, der Katholizismus in Münster sowie Dauerkarten für Beichten. Szenenapplaus gab es für „Vaddern“ alias Claus D. Clausnitzer, Staatsanwältin Klemm aka Mechthild Großmann und das Alpaka-Paar.

Und immer wieder wird gefragt: Warum ist Thiels ehemalige Assistentin Nadeshda Krusenstern alias Friederike Kempter nicht mehr dabei. Nach dem Action-Ende am Fischteich dürfte künftig wohl eher gefragt werden, was die Kniescheibe des neuen Assistenten Mirko Schrader (Björn Meyer) macht.

Auffällig viele Tweets versuchten es mit Humor. So wie mit „Sagt Börne zu Alberich eigentlich nach der Obduktion auch ,Alles wieder dicht machen?‘“ oder mit „Immerhin kann sich niemand auf Boernes Tisch beschweren.“ Auch „Trommeln und Hirn ausschalten. Kenn ich von den Querdenkerdemos“, war zu lesen. Ausdrückliches Lob gab es übrigens für den Soundtrack zum Krimi.

Sechs weitere Münster-Folgen bestellt

Das Fazit vieler Twitter-Nutzer deckte sich mit der Rezension unseres TV-Kritikers, der einen eher durchschnittlichen Münster-„Tatort“ gesehen hatte. Um die Zukunft des Münster-„Tatort“ muss sich ohnehin niemand sorgen: Der WDR hat sechs weitere Folgen mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl bestellt.

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