Ankunft. Detective Ariki Davis (Dominic Ona-Ariki, links) muss mit seinem neuen Vorgesetzten Stephen Tremaine (Joel Tobeck) den Todesfall an der berüchtigten Selbstmörder-Brücke One Lane Bridge aufklären. Foto: dpa
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Crime-Serie auf Arte Das zweite Gesicht

Crime und Übernatürliches: In der Arte-Serie „One Lane Bridge“ aus Neuseeland ist irgendwann jeder und jede verdächtig.

„Es wird behauptet, die Brücke sei eine Verbindung ins Jenseits. Sie weckt Matakite, das Zweite Gesicht.“ Die Brücke, das ist die One Lane Bridge, unweit der am Lake Wakatipu gelegenen Kleinstadt Queenstown, auf der Südinsel Neuseelands. Es ist ein Ort, der für seine vielen Selbstmörder traurige Bekanntheit erlangt hat. Hierher verschlägt es den Maori Ariki Davis (Dominic Ona-Ariki), der seine neue Stelle als Police Detective im lokalen Kommissariat antritt. Sein Vorgesetzter Stephen Tremaine (Joel Tobeck, BBC-Serie „The Doctor Blake Mysteries“) holt ihn ab.

Bereits auf einer ihrer ersten gemeinsamen Fahrten in Tremaines Wagen müssen sie, wie so oft noch, über die One Lane Bridge. Als sie darüber fahren, sieht Detective Ariki entsetzt all die Toten, die unten im Wasser oder am Ufer liegen, ein junges Paar, ein einzelner Mann, eine sehr junge Frau. Doch ihr Tod ist Jahre schon her („One Lane Bridge“, Arte, Donnerstag, 21 Uhr).

„One Lane Bridge“ – kreiert und geschrieben von Pip Hall und Philip Smith, in Szene gesetzt von Peter Burger und Danny Mulheron – erzählt davon, wie der junge maorische Detective in eine ihm unbekannte Kleinstadt kommt. In Queenstown, diesem Idyll vor betörender Landschaft, wo jeder jeden kennt, ist Ariki Davis zunächst der Fremde.

Er ist derjenige, der sich in die Gegebenheiten integrieren, sich über die Geflechte dieser beschaulichen Stadt informieren muss, und der gleich am ersten Arbeitstag mit einem neuerlichen Todesfall konfrontiert und gemeinsam mit Stephen Tremaine zur One Lane Bridge gerufen wird.

Der Tote ist der Farmer Andrew „Grub“ Ryder (Dean O´Gorman) des Ryder-Clans, der in den Hügeln und Wiesen vor Queenstown eine Farm führt, die sehr bald schon ihr hundertjähriges Bestehen feiern soll. Sein Tod erschüttert die ganze Stadt, denn „Grub“ war überaus beliebt, hatte keine Feinde, und so kann sich denn auch niemand vorstellen, wer die abscheuliche Tat begangen haben soll.

Lange geht Arikis Vorgesetzter Tremaine von Selbstmord aus, da keinerlei Spuren äußerer Gewalt zu finden sind und letztlich alles nach einem Sturz von der Brücke auszusehen scheint. Wären da nicht die Erscheinungen, die Ariki nun auch von „Grub“ hat, der mal frontal auf der One Lane Bridge steht, über die Ariki gerade fährt, oder noch immer am Ufer auf den schroffen Felsen liegt, wo man ihn längst weggeschafft hat.

In beiden Serien kommt ein Fremder in einen geschlossenen Mikrokosmos

Diese erste Staffel von „One Lane Bridge“ – 2020 auf Neuseelands TVNZ erstausgestrahlt – hat sechs Teile, ist in der Narration betont langsam gehalten, kommt ohne jede Action aus und taucht von Folge zu Folge tiefer in die einzelnen Biographien des Haupt-Casts ein, darunter des ganzen trauernden Ryder-Clans.

Darin, und in vielem mehr, mag „One Lane Bridge“ sehr an „Broadchurch“ erinnern, wo es DI Alec Hardy ist, der neu in die gleichnamige Gemeinde an Englands Südküste kommt und gleich mit der Aufklärung des Falls um den ermordeten elfjährigen Danny betraut wird.

So, wie in „Broadchurch“ die Ermittler Hardy und Miller – famos gespielt von David Tennant und Olivia Colman – in zwei denkbar konträren Welten leben und doch miteinander auskommen müssen, so verhält es sich auch bei Ariki und Tremaine.

In beiden Serien kommt ein Fremder in einen geschlossenen Mikrokosmos, der nicht nur durch einen Mord, sondern auch durch das Eindringen des neuen Ermittlers aus den Fugen gerät. Die kleine Gesellschaft gerät aus dem Gleichgewicht, hier wie dort, ist nicht mehr austariert.

Irgendwann ist jeder, ist jede verdächtig. Nicht zuletzt erinnern in „One Lane Bridge“ die feine elliptische Struktur der Erzählung, das scheinbar malerische Setting einer Küsten-Kleinstadt bis hin zum sphärischen Soundtrack, hier von Claire Cowan, dort von Ólafur Arnalds angelegt, an die drei herausragenden ITV-Staffeln von „Broadchurch“.

Doch die sehenswerte „One Lane Bridge“ ist trotz aller Parallelität natürlich kein zweites neuseeländisches „Broadchurch“, sie steht vollkommen eigenständig da, und wären da nicht die zu oft bemühten supranatürlichen Fähigkeiten Arikis, der das zweite Gesicht hat, wäre die Neugier auf die bereits fertig produzierte zweite Staffel mit ihren fünf Folgen noch größer.

Denn das Ende der ersten Staffel, die letzten zehn Minuten der vorläufig finalen Folge, in der der Täter – oder die Täterin – offenbart wird, bleibt dennoch offen: Ariki sieht, als er wieder die One Lane Bridge passiert, diesmal vom Gewässer aus, wie sich jemand erhängt hat.

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