Überraschung! Kinderpsychologe Gösta (Vilhelm Blomgren) sorgt meistens für gute Laune. Der Zuschauer selbst wird stets vor die Herausforderung gestellt, ob er wie Gösta handeln würde – und möchte. Foto: ARD Degeto/HBO Nordic AB/Memfis
© ARD Degeto/HBO Nordic AB/Memfis

Comedy-Drama aus Schweden Ein Tor, aber kein reiner

Die Serie „Gösta“ auf One zeigt das düstere Krimiland Schweden mal von einer anderen Seite.

Sind Sie ein netter Mensch? Einer, der einen irakischen Flüchtling bei sich zu Hause aufnimmt, dann seine Freundin, später noch seinen Vater. Einer, der hilft, wo und wem er kann? Selbstlos, kein Warum-Frager, auf zugewandte Art und Weise durchfeminisiert, eine Seele von Mensch? Wenn Sie selbst solch ein Samariter nicht sind, das entsprechende Profil aber gerne mit dem eigenen abgleichen wollen, dann sehen Sie sich „Gösta“ an. Ist eine zwölfteilige Serie von Memfis Film International und HBO Europe Original Series, läuft im ARD-Kanal One und in der ARD-Mediathek.

Titelfigur Gösta (Vilhelm Blomgren) ist 28, Kinderpsychologe aus Stockholm, seine erste Stelle tritt er in einer Kleinstadt in Småland an. Er hat sich ein Häuschen im Wald gemietet, das sich rasch füllt. Seine Freundin Melissa (Amy Deasismont) trifft unerwartet ein, eine Medizinstudentin, die kein Blut sehen kann, an sich selbst zweifelt und sich zur Ablenkung Dokus reinzieht, in denen sich Tiere töten und fressen („Gösta“, One, Samstag 22 Uhr 15, alle zwölf Folgen in der ARD-Mediathek).

Vater Tomas (Mattias Silvell) wurde von der Freundin rausgeschmissen. Er schwankt dahin und dorthin, ohne Ziel im Leben, ein Schwadroneur, ein Tunichtgut. Kommen noch andere dazu und treffen alle auf Gösta. Das alles kann an die Serie „Kidding“ mit Jim Carey (2018) erinnern, der darin einen netten Kerl spielt, derart überwältigt von den Aufs und Abs im Leben, dass er zutiefst deprimiert ist. Das ist Gösta nicht, er wird vielmehr von den Zynikern und Zynismen dieser Welt auf die Probe gestellt. Mag da kommen, was will, Gösta sieht das Gute in jedem. Vielleicht ein Tor, aber kein reiner.

Kreiert und inszeniert wurden die zwölf Folgen à 30 Minuten von Lukas Moodysson („Fucking Amal“ aka „Show Me Love“/1998) oder „We Are The Best“/2013). Sicherlich durch und durch schwedisch, sicherlich ist Gösta ein Musterschwede, einer, wie sich die Schweden sehen und verhalten wollen.

Naiv? Na ja, die übrigen Schwedinnen und Schweden sind nicht Gösta-like, sie sind selbstsüchtig, gemein, durchschnittliche Menschen in einer dysfunktionalen Welt halt. Ikea kann Pfusch, Pippi Langstrumpf fies sein. Alles schwedisch, oder was?

Die Schwedophilen im Publikum

Es passieren keine grausamen, niederträchtigen Dinge zwischen Gösta und der Småland-Welt, der Radius des Geschehens ist hier deutlich begrenzter. Gösta will die aus den Fugen geratene Umwelt wieder kitten, ihrem Narzissmus und Opportunismus setzt er seinen Aktionismus und seinen unbedingten Optimismus entgegen.

Was die Serie nicht klein macht, sondern den Fokus besonders. Gösta will, dass die Menschen mit sich und den anderen klarkommen, er trifft keine harte Entscheidungen, der Zuschauer selbst wird stets vor die Herausforderung gestellt, ob er wie Gösta handeln würde – und möchte. Das passiert weniger in großen, gar melodramatischen Gesten als in liebevoll ausgemalten Details und sehr überschaubaren Aktionen.

Was irritiert: Die ARD kündigt mit „Gösta“ eine Comedy an. Ich glaube, dass das ein Irrtum ist. Es gibt soapige Momente, gewiss, aber zum Brüllen komisch ist kaum eine Szene.

Es gibt Anlässe zum Lächeln, gewiss, und die ganz Eingeweihten, also die Schwedophilen im Publikum, werden Merkwürdigkeiten in den Figuren und deren Verhalten entdecken, die einem europäischen/deutschen Zuschauer entgehen werden. Macht nix, Fernsehen kann auch die Exploration in die Fernseh-Ethnologie hinein sein.

Das Tempo der Produktion ist nicht gerade atemberaubend. Das Schauspiel, insbesondere von Vilhelm Blomgren, einem Rising Star des schwedischen Kinos, ist recht ruhig und konzentriert, das Ensemble fasst seine Figuren mit feinem Gefühl an den Händen – keine Person wird in dieser Serie ausgestellt.

Ob Gösta, ob Freundin Melissa oder Vater Tomas, jeder und jede bekommt seinen argumentativen, seinen greifbaren und begreifbaren Hintergrund, Schwarz und Weiß sind aufgelöst in Schattierungen von Grau. „Gösta“ bietet entschleunigtes Fernsehen.

Die Ambivalenz des Netten/der Netten/des Nettseins, darum ist „Gösta“ über zwölf Folgen besorgt. Das sollten wir auch sein.

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