Frank Schirrmacher, Feuilletonchef und Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", gestorben 2014. Foto: dpa
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Buch zur „FAZ“-Geschichte Sie nannten Frank Schirrmacher „Nero“ und „Caligula“

Die „Frankfurter Allgemeine“ wird 70 Jahre alt und gönnt sich zum Geburtstag ein Buch. Ein Abschnitt ist einem früh verstorbenen Herausgeber gewidmet.

Eine bemerkenswerte Zeitung feiert einen bemerkenswerten Geburtstag: Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ wird 70. Kanzlerin Angela Merkel kam schon zum Gratulieren, die einst mit einem Gastbeitrag den CDU-Übervater Helmut Kohl vom Sockel stürzte, ein Umzug in Frankfurt ist im Gange, ein neues, luftigeres Layout für November angekündigt, weitere und weite Wege für die digitale „FAZ“ werden genommen.

Und die Zeitung hat ihre eigene Geschichte von der Gründung bis zum „Epilog im Internet“ aufschreiben lassen. Der Würzburger Historiker Peter Hoeres hat für sein Buch „Zeitung für Deutschland“ ausgiebig im Hausarchiv recherchiert, mit vielen Zeitzeugen nicht nur in der Redaktion gesprochen. 600 Seiten, davon allein 150 für den Anhang, sind im Benevento Verlag erschienen, en gros et en détail, so akribisch wie im weiten Bogen wird die „FAZ“-Geschichte ausgebreitet. Es ist die Arbeit eines Historikers, nicht die eines Hagiografen.

Schlaglichtartig deutlich wird dies im Abschnitt über „Schirrmachers Debatten- und Zukunftsfeuilleton“. Frank Schirrmacher, geboren 1959 und 2014 plötzlich gestorben, trug redaktionsintern Spitznamen wie „Nero“, „Caligula“ oder „Karlsson vom Dach“. Hoeres dekliniert Schirrmachers „aufbrausendes Temperament, seine Maßlosigkeit und Rachsucht, seine Lügen und Hochstapeleien“ über dessen Jahre als Literatur-, dann Feuilletonchef und Herausgeber durch. Drei Fluchtwellen aus der Redaktion habe er ausgelöst. Aber so sehr dieser Publizist in seiner Erscheinung erratisch, bei Entscheidungen rätselhaft, in seinen Themen getrieben gewesen sein mag – Hoeres breitet es mit einigem Genuss aus –, so steht Schirrmacher nicht nur für die berühmte Feuilletonseite mit der finalen Sequenz des menschlichen Genoms, sondern für einen Debattenmacher sui generis. „Er wurde zum Gesicht der FAZ, über ihn redete man, um ihn beneidete die Konkurrenz die FAZ“, heißt der Schlusssatz.

Die Zeitung für Deutschland hat ihren Claim gewechselt, von „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ zu „Freiheit beginnt im Kopf“. Oder bei der Recherche, wofür Peter Hoeres beredtes Zeugnis für die Zeitung aus Frankfurt ablegt.

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