Prachtvoll ausgestattes Fernsehmärchen: In „Bridgerton“ spielen Hautfarben keine Rolle mehr. Daphne Bridgerton (Phoebe Dynevor) und Lord Hastings (Regé-Jean Page) stehen vor ganz anderen Problemen. Foto: LIAM DANIEL/NETFLIX
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„Bridgerton“ auf Netflix Kostümfest mit Tiefgang

Jan Freitag

Oberflächlich macht „Bridgerton“ Pilcher-Fernsehen auf Englands Heiratsmarkt vor 200 Jahren. Doch darunter steckt in der Netflix-Serie kluge Kritik am Boulevard der Eitelkeiten.

Die Pandemie des Rassismus ist nicht schon besiegt, wenn es keine Rassisten mehr gibt, sondern erst ohne Rassen. Wenn andere Hautfarben also gleichgültig sind, statt bloß toleriert zu werden. Wenn sich Toleranz, diese leicht gönnerhafte Akzeptanz der Andersartigkeit, folglich ins Belanglose verflüchtigt. Eine Gesellschaft ohne Rassismus wäre demnach erst dann Wirklichkeit, wenn „Bridgerton“ nicht so seltsam verstören würde.

Dabei ist die Netflix-Serie eigentlich das Gegenteil von irritierend. Showrunner Chris van Dusen schildert darin acht prachtvoll ausgestattete Episoden lang die englische High Society zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

In dieser Zeit geht es um nichts, aber auch gar nicht anderes, als Töchter aus gutem Haus vorteilhaft an Männer aus besserem Haus zu bringen. Beste Chancen hat dabei Daphne Bridgerton (Phoebe Dynevor), entzückendste von vier Töchtern der verwitweten Lady Violet, Fixstern einer Romantic Comedy von derart zuckriger Kulissenschieberei, dass man sich im Heimatfilm der harmoniesüchtigen Nachkriegszeit wähnt – gäbe es da nicht erwähnte Irritation („Bridgerton“, Netflix, acht Folgen, ab Freitag).

Londons Geld- und Blutaristokratie anno 1813 ist schließlich durchsetzt mit Personen dunkler Hautfarbe, und zwar nicht nur als Dienstboten. People of Colour, wie sie mittlerweile politisch korrekter heißen, sind hier vielfach Edelleute jeder Couleur, auf Augenhöhe mit dem weißen Mainstream, wenn nicht gar ein bisschen darüber wie der mit Abstand begehrteste von allen: Duke of Hastings (Regé-Jean Page), ein prächtiger Single mit Sixpack, Macht und Dreitagebart, dem jedes heiratsfähige Mädchen der heiratswütigen Upper Class hinterherschmachtet.

Zur Zeit des British Empire jener vorpluralistischen Tage, ist solcher Multikulturalismus natürlich blanker Unsinn. Im Rahmen der Puppenhausästhetik einer Stadt ohne Elend und Alltag aber, holt er „Bridgerton“ unmerklich aus der künstlichen Märchenwelt eskapistischer Fernsehhistorie in die Realität der heutigen Mediengesellschaft.

„Und alle Junggesellen hätten nur Augen für Sie“

Aus dem Off wird das Balzgeschehen nämlich von einer Unbekannten – im Original: Julie Andrews – kommentiert, die zugleich Herausgeberin eines Klatschmagazins ist, das den Regenbogenjournalismus von heute gewissermaßen auf Büttenpapier vorwegnimmt.

Ihr „Society Paper“ kritisiert den menschlichen Viehmarkt ebenso wie es ihn befeuert und bildet damit eine Art analoges Instagram des Spätklassizismus. Die geheimnisvolle Lady Whistledown, zu Deutsch „Runterflüstern“, degradiert Daphne darin vom „Juwel der Ballsaison“, das sie dank einer königlichen Würdigung war, zur unvermittelbaren Jungfer.

Weil sie 139 Jahre vor Erfindung der „Bild“ im Fahrstuhl des Boulevards also erst auf-, dann abwärtsgefahren wird, schließt sie mit Lord Hastings – der einst gelobte, niemals zu heiraten – ein Bündnis: sie geben vor, verlobt zu sein. „Mütter würden ihre Augen von mir lassen“, erklärt er ihr den Pakt, „und alle Junggesellen hätten nur Augen für Sie“.

Dass sich die Zweckgemeinschaft bald näherkommt als geplant, liegt auf der Hand des handelsüblichen Historytainments so opulenter Machart. Bis dahin allerdings entlarvt es das Ränkespiel oberflächlicher Umgangsformen mit sorgsam verstecktem Tiefgang. Für alle Beteiligten geht es nämlich ausnahmslos um Heirat, Kleider, Bälle und Renommee, als Begleiteffekt aber eben auch um Zwänge, Neurosen, Dünkel oder Prunksucht.

Hinter Lord Hastings Paarungsverweigerung zum Beispiel steckt in Rückblenden offenbarter Vaterhass, hinter der generellen Paarungsfixierung dagegen meist fortgesetzte Realitätsflucht. So richtig ehrlich ist hier niemand. Social Media Baujahr 1813.

Weil „Bridgerton“ das System dieser Scheinromantik zum bildgewaltigen Liebesreigen aufplustert und nebenbei den Regency genannten Übergang von der kommunalen Agrar- zur merkantilen Industriegesellschaft thematisiert, ist die Serie weit mehr als quietschbuntes Kaugummifernsehen für Pilcher-Fans. Sie hält uns bei aller Leichtigkeit den bleischweren Spiegel der eigenen Oberflächlichkeit vor, die damals – so lautet Chris van Dusens Arbeitsthese – ihren Ursprung hatte.

Klingt wahnsinnig verkopft und theoretisch, zugegeben. Doch Bauchmenschen unter den Fernsehzuschauern aufgepasst: wie sonntagabends im ZDF zelebriert „Bridgerton“ abseits kritischer Metaebenen ein furioses Kostümfest mit viel Gefühl, etwas Sex, saftigem Humor und sogar ein paar Happyends. Hach…

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