Nadja Brunckhorst als Christiane F. Foto: arte
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Arte-Themenabend rund um „Christiane F.“ Mit fühlbarer Wucht

Manfred Riepe

Das Heroin, die Stadt und der Tod: Ein Arte-Themenabend erinnert an die berühmteste Fixerin Deutschlands.

  Vor vierzig Jahren kam „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in die Kinos. Ungeschönt, aber auch mit suggestiven Bildern, erzählt der Film von einer minderjährigen Heroinabhängigen aus Berlin. Arte wiederholt den Kassenerfolg von 1981. Im Anschluss laufen gleich zwei Dokumentationen. Eine rekonstruiert das Schicksal der Lost Generation. Die andere blickt zurück auf die Dreharbeiten und die Entstehungsgeschichte der Buchvorlage von Kai Hermann und Horst Rieck.

  Die beiden Reporter sprechen monatelang mit dem Berliner Junkie-Mädchen Christiane Felscherinow. Basierend auf ihrer Artikel-Serie im „Stern“, erschien 1978 der biographische Roman über eine junge Frau am Abgrund. Das Buch gab erstmals Einblicke in die Parallelwelt der Drogenszene: „Unter den Augen der Behörden“, so erinnert sich Rieck, „konnten 12-jährige Mädchen mit ihren Freiern Pensionen aufsuchen – mitten auf der Kurfürstenstraße“ . (Themenabend „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, Mittwoch, Arte, ab 20 Uhr 15)

  Die Faszination des Romans rührt daher, dass eine junge Frau nicht einfach nur als Opfer beschrieben wird. Sie ist auch eine handelnde Person. Sie schildert, wie sie sich auf dem Autostrich durchschlägt: Bloß nicht zu „jungen Typen mit Sportwagen“ einsteigen. Denn das sind Zuhälter. Stattdessen: „Ältere Typen mit Hut“. Am besten „mit Kindersitz“. Das seien nämlich brave Familienväter, die „mehr Schiss haben als die Mädchen“.

  Abschrecken sollte das Buch, gewiss. Doch die schillernden Einblicke in den Alltag einer Abhängigen erweckte auch ein doppelbödiges Interesse. Weibliche Leser identifizierten sich mit Christiane F. Sie wurde zur Ikone. Zur Kunstfigur. Eine Kollegin schrieb einmal, als junge Frau habe sie den Leiter eines Supermarktes bedrängt, er möge das berühmte „Quarkfein“-Pulver wieder ins Sortiment aufnehmen, das Christiane während ihrer Drogenexzesse zu sich nahm.

Dank solcher Bilder vermittelt sich der Horror der Drogenszene heute noch

  Der Erfolg dieses Buchs, das 95 Wochen auf Platz eins der „Spiegel“-Bestseller-Liste stand, machte eine Verfilmung unausweichlich. Eine Mischung aus „...denn sie wissen nicht, was sie tun“ und „Der Exorzist“, die Regisseur Uli Edel ursprünglich im Sinn hatte, ist die Adaption glücklicherweise nicht geworden. Eher ein „semifiktionaler Gruselschocker der Mittelschicht“.

Da setzt sich ein leichenblasser Junkie in der Damentoilette vor den entsetzten Augen einer älteren Frau einen Schuss in den Hals. Dank solcher Bilder vermittelt sich der Horror der Drogenszene heute noch.

  Einblicke in die Dreharbeiten gibt Silvia Palmigianos Dokumentation „Kino im Rausch“. Unveröffentlichte Casting-Aufnahmen zeigen einen schüchternen Teenager mit Babyspeck: Nadja Brunkhorst, damals erst 13-jährig, wurde das Gesicht von Christiane F. Mehr als fünf Millionen Besucher lockte sie ins Kino. Schlagartig bekannt wurde damit das Thema Drogensucht, das im spießigen Idyll der frühen 80er Jahre bis dahin niemand auf dem Schirm hatte.

  Den Gründen für das Abdriften in die Sucht spürt Claire Laborey in ihrer Dokumentation nach. Der Blick der französischen Journalistin richtet sich auch auf jene Hochhaustristesse, in der Christiane F. aufwuchs. Zitiert wird ein skurriler Werbefilm über die Bauphase der Gropiusstadt, wo „selbst die modernsten Fassaden noch so richtig gemütlich wirken“. Zum Beweis fährt ein Pferdegespann durch die öde Betonwüste. Mehr Verlogenheit geht nicht.

  Die Eltern jener „Lost Generation“, zu der auch Christiane F. zählt, haben den Krieg noch erlebt. Sie haben ihn tot geschwiegen und ihre Kinder alleine gelassen. Das Abdriften in Drogen sei, so eine These der Dokumentation, eine Fortsetzung des RAF-Terrors. Nur nach Innen gewendet.

In Uli Edels Verfilmung hängt im WG-Zimmer von Christianes Freund nicht zufällig ein Bild von Ulrike Meinhof: Die Fahndungsplakate, mit denen seinerzeit nach den Mördern von Hans-Martin Schleyer gesucht wurde – haben sie nicht die gleiche Schwarzweiß-Ästhetik wie die Porträtfotos von Christianes Drogen-Kumpane in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“?

  Nicht jede These in dieser zuweilen soziologisch überfrachteten Dokumentation überzeugt. Eins aber vermittelt sich mit fühlbarer Wucht: „Wie Scheiße eine Kindheit in Westdeutschland sein konnte“.

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