Süchtig nach Erfolg. Nico (Dennis Schigiol), der Sänger aus der Castingshow. Foto: HR/Bettina Müller
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Arte-Komödie über Größenwahn Fake in der Provinz

„Größer als im Fernsehen“: Ein gescheiterter Showkandidat findet in der Arte-Komödie das richtige Leben im falschen.

„Las Vegas, Disneyland und – Körstel.“ Am Ende seiner durchgeknallten Präsentation erntet der Vizepräsident von „Sunlight Parcs“ – Schauspieler Nic Romm gibt wirklich alles – helle Begeisterung. Jedenfalls bei Körstels Bürgermeister Schulz (Gustav Peter Wöhler) und Gastwirtin Lisa (Janina Fautz). Schulz hofft, groß raus-, Lisa, bald wegzukommen aus dem hessischen Kaff, in dem nun also ein Freizeitpark gebaut werden soll. Um das Projekt puren Größenwahns zu realisieren, müssen die Betreiber noch zwei Grundstücke erwerben: Die junge Lisa würde liebend gerne verkaufen, die alleinstehende Seniorin Eleonore (Marie Anne Fliegel) schüttelt jedoch nach der Präsentation nur stumm den Kopf.

Die Aufgabe in „Größer als im Fernsehen“ lautet also: Wie können Lisa, Schulz, die drei Stammgäste der Kneipe „Zum kühlen Grund“ und am Ende das halbe Dorf die störrische Witwe umstimmen? Den klassischen Komödienstoff hat Drehbuchautor Benjamin Hessler mit einem Hauch Mediensatire gewürzt, denn zwischen die Fronten gerät nun der abgehalfterte Sänger Nico Hölter (Dennis Schigiol), der einst bei einer Castingshow zu bescheidener Prominenz gekommen war. Letztlich wird er auch noch in einer Art Dschungel-Show landen, wie die erste Szene des Films ahnen lässt. Da sitzt Nico mit einem anderen Herrn am Lagerfeuer und wird aufgefordert, seine Geschichte zu erzählen. „Es war einmal in Körstel“, beginnt Nico märchenhaft, aber es dauert seltsamerweise eine ganze Weile, bis er selbst in der Geschichte auftaucht, denn in Wahrheit erzählt der Film aus Lisas Perspektive. Die hatte die Gastwirtschaft von ihrem Vater geerbt und erst nachträglich von den vielen Schulden erfahren. Obwohl ihr Berlin fremd geblieben war und es mit dem Studium auch nicht geklappt hatte, will Lisa unbedingt wieder dorthin zurück.

Richtig zündet die Komödie nicht

Autor Hessler und Regisseur Christoph Schnee haben schon bei der erfolgreichen Serie „Mord mit Aussicht“ zusammengearbeitet, aber so richtig zünden will die Komödie diesmal nicht. Stimmig sind Figuren und Geschichte nur so halbwegs, und im Bemühen um frechen, schrägen Humor geht manches schief. Von Eleonore, die nach dem Tod ihres Mannes auf Reisen ging, heißt es, sie habe einen Hai mit bloßen Händen erwürgt und mit Muammar al-Gaddafi geschlafen. Woraufhin sich Lisa ebenfalls fest vornimmt, Haie zu erwürgen und mit Diktatoren zu schlafen. Sex mit Gaddafi als Synonym für Freiheit und Abenteuer? Das soll wohl hübsch unkorrekt sein, aber wo ist der Witz?

Wen die abstruse Grundidee nicht stört, für den wird es im temporeicheren Mittelteil der Komödie immerhin unterhaltsam: Weil Eleonore so vernarrt in Nico ist, dass sie tagein, tagaus das Video von seinem Castingshow-Auftritt sieht, findet Lisa doch noch einen Weg, wie man Eleonore zur Unterschrift bewegen könnte. „Ein Konzert nur für mich – nackt“, fordert Eleonore. Dann gilt es, Nico nach Körstel zu locken.

Den schwierigsten Part hat wohl der Musical-erfahrene Dennis Schigiol, der, weil er halt einen erfolglosen Castingshow-Barden spielt, leidlich vorgetragene Coverversionen von „Unchain My Heart“, „Don’t You Worry Child“ und Leonhard Cohens „Halleluja“ zum Besten geben muss. Hier gewinnt die Komödie sogar eine tragische Fallhöhe: Sänger Nico ist derart glücklich über den unerwarteten, aber von A bis Z vorgetäuschten Erfolg in Körstel, dass Lisa Skrupel bekommt. Zuvor war Nicos Selbstmitleid eher nervtötend, jetzt hat er sich ein bisschen Mitgefühl verdient. Das Ende ist dann wieder zwiespältig: Nicos Auftritt in der Show „Abgestürzt“ stellt vordergründig die falschen Inszenierungen des (Privat-)Fernsehens bloß, bedeutet aber zugleich seinen persönlichen Befreiungsakt. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, wie sein Mitkandidat behauptet? Offenbar doch. Thomas Gehringer

„Größer als im Fernsehen“, Arte, Freitag, 20 Uhr 15

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