Leben ohne Erinnerung: Daniel und seine Lebensgefährtin Katharina versuchen, jeden Moment mit ihrem Sohn Levi voll auszuschöpfen. Später wird Daniel davon nichts mehr wissen. Bei einem Unfall erlitt er ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Foto: Radio Bremen
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Arte-Film „Leben ohne Erinnerungen“ Ein Leben für den Moment

Der beeindruckende Dokumentarfilm „Leben ohne Erinnerungen“ begleitet einen Mann, der nur im Moment lebt.

Gestern war gestern. Und heute ist heute. Für jeden Menschen bestünde zwischen dem Gestern und dem Heute ein Zusammenhang, ein kausaler Kontext. Das Gestern bedingt oft das Heute. Handlungsketten ergeben sich, Denkmuster, Gefühle, die sich auf oder abbauen. All dies, so hat es den Anschein, ist eigentlich ganz normal, ganz natürlich.

Doch nicht für alle Menschen ist das so. Auch nicht für Daniel Schmidt. Was er montags gemacht hat, weiß er mittwochs schon nicht mehr. Wie er dienstags gedacht und gefühlt hat, das ist donnerstags schon weg. Daniel Schmidt führt in Bremen ein „Leben ohne Erinnerungen“, wie der 75-minütige, sehenswerte Dokumentarfilm des Regisseurinnen-Duos Mechtild Lehning und Nadine Niemann passend betitelt ist.

Es geschieht – ausgerechnet – am Valentinstag im Jahr 2015. Daniel Schmidt, er ist da 31, fährt im Auto zu seiner Schwester, es bildet sich ein Stau. Einen Moment lang ist er der letzte Wagen am Stauende. Da rast plötzlich ein Familienkleinbus mit 130 Stundenkilometern ungebremst von hinten in seinen Wagen. Daniel Schmidt ist derart in sein Auto eingequetscht, dass es auf der Fahrerseite aufgeschweißt werden muss.

[„Leben ohne Erinnerungen“, Arte, Mittwoch, 22 Uhr 05]

Daniel Schmidt wird ins Krankenhaus gebracht, es werden einige Knochenbrüche und Verletzungen festgestellt. Das eigentliche Unheil aber ist eine andere Diagnose: Daniel erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, sein Hippocampus, jene Zone des Gehirns, die das Lang- und das Kurzzeit-Gedächtnis wesentlich mitbestimmt, ist nachhaltig schwer geschädigt.

Daniel kann sich fortan an nichts erinnern, was an Information neu hinzukommt. Er kann sich an Früheres, an die Vergangenheit erinnern, nicht aber daran, was etwa gestern war. Das betrifft auch seine Gefühle, die er anderen Menschen gegenüber hat: In wen ist er eigentlich verliebt, und wie fühlt sich das an? Denn schon morgen weiß er dies nicht mehr, er fühlt es nicht mehr.

Große Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt

In frappierender Offenheit erklärt Daniel in die Kamera, dass er Gefühle täglich neu lernen müsse. Morgen seien sie schon wieder weg. Für seine Lebensgefährtin Katharina Meinken, die den beiden Filmautorinnen ebenfalls große Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlswelt gestattet, stellt dies immer wieder eine letztlich unbeschreibliche Situation dar: Der Mann, mit dem sie zusammenlebt, kann mit ihr auf keine gemeinsamen Erfahrungen zurückblicken. Erfahrungen, die sie im Jetzt miteinander machen, sind anderntags für ihn für immer entschwunden. Doch für sie bleiben diese Erfahrungen da und werden zu Erinnerungen, die sie mit ihm nicht teilen kann, mit denen sie alleine ist.

Die Kamera begleitet Daniel Schmidt, den Mann ohne Gedächtnis, und auch seine Lebensgefährtin Katharina, über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren. Beide lassen sie die Dokumentaristinnen sehr nahe an sich heran. Das erfordert Mut. Und dem gebührt zugleich Respekt. Keinen Moment lang erscheint dies unangenehm oder deplatziert.

Seine Kraft bezieht dieser ebenso beeindruckende wie bewegende Dokumentarfilm aus der Authentizität seiner beiden Protagonisten, die sich zu keinem Zeitpunkt vor der Kamera verbiegen. Man glaubt ihnen jedes Wort. Man glaubt Daniel seine Positivität, mit der er seit jenem schicksalhaften 15. Februar 2015 durch sein neues, sein ganz anderes Leben geht. Man glaubt ihm auch, wenn er im Café sitzt und sagt, dass er so nicht mehr kann, dass das alles zu viel für ihn sei, dass es unendlich viel Energie koste, jeden Tag neu zu erlernen, was mit dem Gestern ins Vergessen abgerutscht ist.

Daniel Schmidt hat nach dem künstlichen Koma, in das er nach dem schweren Unfall versetzt wurde, mehrere Jahre in Rehabilitationszentren verbracht, er hat wieder neu gelernt zu laufen und zu sprechen. Er hat einen ehrenamtlichen Verein gegründet, hält Vorträge über Schädel-Hirn-Traumata, besucht Schulen und Universitäten.

Er hat, als Katharina den gemeinsamen Sohn Levi zur Welt bringt, eine ganze Zeit lang versucht, Vater und Ehemann zu sein und ein Familienleben zu führen. So wie alle anderen Menschen auch. Nicht alles wird gelingen, leider, wie erst im Abspann zu erfahren ist. „Leben ohne Erinnerungen“ ist ein Dokumentarfilm – schmerzlich, schön, wichtig –, der einem die Augen öffnet für das Wesentliche.

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