Zum Abreißen. Die Flut hat die Stadt Rheinbach stark getroffen. Foto: ZDF / Axel Vogel/Generalanzeiger Bonn
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Arte-Doku zum Ahr-Hochwasser Mehr als nur Wetter

„Die Nacht, als die Flut kam“: Eine Arte-Doku folgt den dramatischen Bildern des Ahr-Hochwassers.

„Unser Flüsschen macht sich gerade ziemlich dick und breit und fett“, kommentiert Manuela ihr Handyvideo. Draußen stapft ihr Freund Oliver in Gummistiefeln durch den Garten, dahinter rauscht die bedrohlich angeschwollene Ahr in rasendem Tempo vorbei. Wenige Stunden später wird ihr Haus von der Gewalt des Wassers zerstört, auch davon gibt es Bilder.

Beide überleben, was angesichts der Aufnahmen an ein Wunder grenzt. Oliver Grieß wird, nur mit einem Bademantel bekleidet, gegen einen Baum gespült, klammert sich fest und wird schließlich von einer Hubschrauberbesatzung gerettet. Insgesamt sterben bei der Hochwasserkatastrophe im vergangenen Jahr im Ahrtal und an der Erft sowie in Belgien mehr als 200 Menschen. („Die Nacht, als die Flut kam“, Arte, Dienstag, 20 Uhr 15)

Der Jahrestag nähert sich und damit auch ein umfassender Rückblick auf allen Kanälen rund um den 14. Juli. Autor Matthias Fuchs konzentriert sich in „Die Nacht, als die Flut kam“ auf die Ereignisse an der Ahr in Rheinland-Pfalz, wo es die meisten Opfer zu beklagen gab – an einem „Flüsschen“, dessen Pegel in der Regel nicht höher als 70 Zentimeter liegt. Allerdings ist das letzte Hochwasser dort nicht allzu lange her.

2016 war das, Oliver Grieß spricht heute von einem „Warnschuss“. „War das einfach nur Wetter oder ist das der Klimawandel?“, fragt Autor Fuchs zu Beginn und resümiert am Ende im Einklang mit dem Stand der Klimaforschung: „Die globale Erwärmung wird Katastrophen wie an der Ahr häufiger geschehen lassen. Wir werden lernen müssen, mit diesen extremen Ereignissen umzugehen – überall auf der Welt.“

Er folgt der Flutwelle das Tal hinab, erzählt beispielhaft an mehreren Einzelschicksalen, welche Dramen sich an den beiden Tagen abspielten. Dieser Katastrophen-Thrill ist eine zweischneidige Sache. Einerseits wird die Schaulust in uns allen geweckt, andererseits ist Wegsehen angesichts der Folgen der Erderwärmung keine Alternative. Fuchs bewahrt Abstand. Allerdings wäre größere Zurückhaltung auch bei der musikalischen Untermalung besser gewesen.

Erläutert werden die Ergebnisse der Attributionsforschung

Zugleich liefert der Film im Wechsel mit der Chronologie der Ereignisse an der Ahr wissenschaftlichen Hintergrund, Interviews mit Expertinnen und Experten sowie Beispiele von Extremwetter-Ereignissen rund um den Globus. Erläutert werden die Ergebnisse der Attributionsforschung, die versucht zu errechnen, wie sich das Leben auf dem gegenwärtig um 1,2 Grad erhitzten Planeten von dem auf einer Erde ohne aufgeheizte Atmosphäre unterscheidet.

Allerdings ist die Flut vom Juli 2021 kein Ereignis, das nur durch den Klimawandel zu erklären wäre. Auch im Juli 1804 gab es ein Hochwasser an der Ahr, bei dem eine ähnliche Wassermenge durchs Tal rauschte. Die viel dichtere Besiedelung sorgte 217 Jahre später nicht nur dafür, dass mehr Menschen betroffen waren, sondern dass sich das Wasser auch viel höher aufstaute.

Intensive Landwirtschaft und die Begradigung von Flüssen gelten ebenfalls als lokale Hochwasserfaktoren. Ausschlaggebend für die Sommerflut 2021 sei „ganz einfach die schiere Masse an Niederschlag“ gewesen, sagt der Geograf Jürgen Herget.

Am Ende blickt Fuchs in die Niederlande, wo das Hochwassermanagement Alltagsaufgabe ist, auf Ideen für das Leben mit Folgen der Erderwärmung. In Japan lernen Schulkinder mittels Virtual-Reality-Brillen, was zu tun ist, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. In Deutschland sollte man froh sein, wenn Behörden Flutwarnungen von Wissenschaftlerinnen wie Hannah Cloke ernst nehmen.

Sie arbeitet beim Europäischen Flutwarnsystem in Reading, das am Wochenende vor der Katastrophe eine Warnung an die Behörden im Einzugsgebiet ausgesandt habe. Fuchs hat nicht herausgefunden, wo diese Warnung „im Dickicht der deutschen Zuständigkeiten“ untergegangen ist.

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