Spannungsverhältnis. Sofern sie nicht verfallen sind, befinden sich in Synagogen wie von Horodenka/Ukraine heute Turnhallen, Kinos und sogar eine Schnapsfabrik. Foto: Radio Bremen/Christian Herrmann
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Arte-Doku über jüdische Kultur Was die Augen nicht sehen …

Manfred Riepe

Eine ARD-Dokumentation erinnert an Reste jüdischer Kultur in Osteuropa und protokolliert den trostlosen Zustand verfallener jüdischer Gotteshäuser.

Eine Welt ohne Juden – das war das Ziel der Nazis. Allein im Osten Europas fielen dem Rassenwahn zwei Millionen Menschen zum Opfer. Bevor die Auslöschung in Vernichtungslagern wie Auschwitz begann, schlachteten Nazi-Sonderkommandos in der Ukraine die Menschen in einem „Holocaust durch Kugeln“ dahin. Zu den wenigen Zeitzeugen dieses bestialischen Schlachtens gehört Rivka Yoselevska.

In einem Interview aus dem Jahr 1981 berichtet sie von einem Massaker, dass die SS im August 1942 in Zagrodski anrichtete, einem Dorf in der Nähe der weißrussischen Stadt Pinsk: „Ich fiel in die Grube, immer mehr Körper fielen auf mich. Ich hatte das Gefühl, ich ertrinke. Ertrinke im Blut der eigenen Leute.“

In ihrer Reisedokumentation aus der ARD-Reihe „Geschichte im Ersten“ protokollieren Susanne Brahms und Rainer Krause Spuren dieser Vernichtung, sie reisen zu den letzten noch existierenden Schauplätzen einer ehemals reichen jüdischen Kultur, aber auch eines monströsen Verbrechens.

Um an die zahlreichen Massenerschießungen osteuropäischer Juden durch die Nazis zu erinnern, fahren die beiden Autoren von Lwiw aus, dem früheren Lemberg, durch Galizien und die Bukowina bis nach Kamjanez-Podilskyj, eine westukrainische Stadt in der Region Podolien. Mit der bis dahin größten Massenexekution überschritt die SS hier 1941 erstmals die Grenze zum Völkermord. ( „Geschichte im Ersten: Osteuropa nach dem Holocaust – Vom Verschwinden der Schtetl“, ARD Mediathek)

Brahms und Krause konzentrieren sich auf das Verschwinden jener Schtetl, der kleinen Städtchen, in denen osteuropäische Juden ihr traditionelles, religiös geprägtes Leben führten. Verblasste Schriftzüge über Schaufenstern erinnern an jüdische Geschäfte und Cafés.

Mit der Kamera begleitet sie Christian Herrmann, ein Fotograf aus Köln, der in seinen Büchern seit zwanzig Jahren dokumentiert, was vom jüdischen Leben in Osteuropa übrig geblieben ist. Besonderes Augenmerk richtet die Dokumentation dabei auf jene Synagogen, die von den Nazis – deren Kriegsziel die reichen Kornkammern der Ukraine waren – während ihres Vorrückens zu Hunderten gesprengt wurden.

Turnhallen, Kinos und sogar eine Schnapsfabrik in Synagogen

Die Dokumentation protokolliert den trostlosen Zustand verfallener jüdischer Gotteshäuser, von denen teilweise nur noch Ruinen übrig sind. Sofern sie nicht verfallen sind, befinden sich in Synagogen heute Turnhallen, Kinos und sogar eine Schnapsfabrik.

Der unaufgeregte Duktus des Films, der an eine geruhsame Kulturdokumentation aus dem Nachmittagsprogramm erinnert, steht im extremen Spannungsverhältnis zu seinem beklemmenden Thema. In ein paar Jahren werden weitere Synagogen und historische Häuser der jüdischen Bevölkerung verschwunden sein. Auf Schritt und Tritt stoßen die Dokumentaristen auf mehr oder weniger vergessene Massengräber, die von Bäumen und Sträuchern überwuchert werden.

Viele dieser Orte, an denen Juden massenhaft dahingemetzelt und verscharrt wurden, sind bis heute nicht entdeckt worden. Was die Augen nicht sehen, tut dem Herzen nicht weh. So lautet eine ukrainische Redewendung.

„Die Menschen“, so Magdalena Waligórska, Expertin für osteuropäische Geschichte, „leben auf den Knochen. Sie leben buchstäblich auf diesem Blut, das dort vergossen ist, und leben auch oft mit dem Wissen, dass ihre Eltern oder Großeltern da mitgemacht haben. Dass sie womöglich in einem jüdischen Haus wohnen, dass sie womöglich jüdische Möbel haben, einen jüdischen Tisch oder eine jüdische Decke.“

Nach dem Einmarsch russischer Truppen, die ukrainische Städte systematisch in Trümmerwüsten verwandeln, wird jüdische Geschichte weiter mit untergepflügt. Das macht diese Dokumentation, die vor Kriegsausbruch gedreht wurde, nur umso trauriger.

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