Mittel und Wege. Volkmar Stenzel (Herbert Knaup) hat dem Kindergarten einen „Sonderkredit“ ermöglicht. Foto: ARD Degeto/Conny Klein
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ARD-Märchen "Stenzels Bescherung" Von der alten Sorte

Hier kämpft die gute alte Welt gegen die neue digitale: „Stenzels Bescherung“ mit Herbert Knaup im Ersten.

Um Punkt neun Uhr betritt Filialleiter Volkmar Stenzel sein Reich, die Stadtbank von Gutenow. Wie seit mehr als 20 Jahren, immer zur selben Minute, von montags bis freitags. Ein bisschen grau sieht Herbert Knaup in dieser Rolle aus, und das passt auf mehreren Ebenen. Sowohl die Welt, von der der ARD-Weihnachtsfilm „Stenzels Bescherung“ erzählt, als auch die Art und Weise, wie er es tut, scheinen ein bisschen angestaubt. Hier kämpft die gute, alte Zeit gegen eine beängstigend neue. In der regiert nur das Geld, na klar, und die Mitmenschlichkeit bleibt auf der Strecke.

Jetzt droht auch der Bank das böse Erwachen, also die Globalisierung. Ein Investor aus Asien hat übernommen, vertreten von Tutz (Constantin von Jascheroff), einem Schnösel, wie er im Klischeebuch steht: jung, glatt, viel zu ehrgeizig, mit englischen Vokabeln um sich werfend. Und mit dem Zauberwort der Optimierung auf den Lippen.

Der frisch aus seinem Chefbüro in ein dunkles Kämmerchen versetzte Stenzel begreift schnell, dass hier mehr auf dem Spiel steht: Die Bank soll in Wirklichkeit abgewickelt werden. Es gebe nichts, was ein paar hübsche Automaten nicht besser könnten als er und seine Mitarbeiterinnen, meint der Schnösel.

Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat schon modernere Weihnachtsfilme gemacht. Solche von gestressten Patchworkfamilien und einsamen Singles, die sich nach originellen Turbulenzen unterm Weihnachtsbaum treffen und dabei auch irgendwann ihren Glücksmoment erleben.

Solo für Stenzel

Nicht so hier. Dies ist ein Solo für Stenzel, den korrekten Mann der alten Sorte, der nur dieses eine Mal über die Stränge schlägt. Dann aber auch richtig, und ohne es seiner Frau (Johanna Gastdorf) zu sagen. Sein Lebenswerk gilt plötzlich nichts mehr, dem Städtchen droht der weitere Abstieg in die Tristesse.

Was tut er in diesem Moment, in dem er nichts mehr zu verlieren hat? Er wird, es weihnachtet sehr, zum Robin Hood für die Nachbarschaft. Verteilt heimlich Kredite an kleine Geschäftsleute, denen ein paar Tausend Euro zum Glück fehlen. Dafür benutzt er Geld, das er nicht hat, und Verträge macht er auch keine. Kann das gut gehen? Natürlich nicht.

Was genau schiefgeht und welche tiefere Traurigkeit hinter Stenzels grauer Erscheinung steckt, davon erzählen Autor Hans-Ullrich Krause und Co-Autor/Regisseur Marc-Andreas Bochert mit konsequenter Langsamkeit. Sie erzählen es für Menschen, die ihr Fernsehprogramm gerne weiterhin so hätten, als würde es die neue, unübersichtliche Zeit nicht geben. Und dieses Publikum gibt es, das sollte man nicht vergessen, wenn man von modernen Erzählweisen, Tempo und Komplexität träumt.

Nein, diese Weihnachtsgeschichte, von den Machern explizit als Märchen verkauft, gönnt denen, die es tröstet, eine Bestätigung: Genau, es ist alles so seltsam geworden in der Welt. Wer kennt sich da noch aus? Diejenigen, die mit solchen Ängsten nichts anfangen können, werden nicht lange dranbleiben oder gar nicht erst einschalten, weil sie sowieso längst in einer ganz anderen Realität leben, auch beim Filmegucken.

Die werden dann auch nicht hören, woran sie frühestens in ein paar Jahrzehnten denken wollen oder am liebsten nie: „Ich werde nicht den Rest meines Lebens da unten auf dem Sofa sitzen und dir dabei zusehen, wie du eine Altersdepression bekommst“, sagt Stenzels Frau zu ihm. Auch darin spiegelt sich eine Anerkennung realer Sorgen. Nur die Lösung ist dann eben märchenhaft. Anne Diekhoff

„Stenzels Bescherung“, ARD, Montag, 20 Uhr 15

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