Unglaublich. Bastian erzählt, wie er den Kindergarten betrogen hat. Foto: SWR
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ARD-Dokumentation "Betrug" Die Bekenntnisse des Hochstaplers Bastian

David Spaeths sehenswerter Dokumentar-Langfilm zeigt Höhen und Tiefen bei Opfern und Tätern auf. Bei letzteren halten sich Mitleid und Bewunderung die Waage.

Ein Kindergarten in einem von Münchens schönsten Vierteln. Das „Kinderhaus Schwabing e. V.“, gegründet 1973 von einer Eltern-Kind-Initiative. 45 Kinder werden hier betreut. Hier stellt sich eines Tages Bastian vor. Bastian ist verheiratet und Vater eines behinderten Sohnes. Ursprünglich kommt er aus dem ostdeutschen Halle, wurde 1983 in der DDR geboren und lebt seit 1999 in München. Was für ein Gegensatz: Halle und München. Die Gegensätze im Leben des Bastian werden im Schwabinger Kinderhaus noch zunehmen.

In Davis Spaeths Dokumentar-Langfilm „Betrug“ sitzt Bastian auf der Kante eines grauen Sofas und erzählt. Wie er zum Hochstapler wurde und sich in das auf Vertrauen, Sicherheit und Miteinander aufbauende System des kleinen Mikrokosmos dieses Münchner Kindergartens einschlich.

Bastian, ein arbeitsloser Kaufmann, spielsüchtig und Sozialhilfeempfänger, will ein anderes Leben leben als das mit Frau und Kind. Dafür braucht er Geld, viel mehr Geld. Mit der Zeit gewinnt er im „Kinderhaus Schwabing“, wo er seinen Sohn anmeldet, das Vertrauen der anderen Eltern. „Der Basti“, wie sie ihn in diesem Film alle nur nennen, ist halt immer da, umgänglich und nett, hat für alle und jeden ein Ohr, scheint alles unter einen Hut zu bringen: seine Familie, seinen Beruf und die viele Zeit im Kindergarten. Der Basti steigt schnell auf der sozialen Leiter auf. Es kommt der Tag, da wird er vom Vorstand der Elterninitiative zum Kassenwart und Finanzvorstand des Kinderhauses ernannt.

Der Kindergarten finanziert das Doppelleben

Bastian beginnt Gelder des Kinderhauses zu veruntreuen. Anfangs sind die Summen unauffällig. Bald nimmt Bastian mehr. Die Rücklagen des Schwabinger Kindergartens, in den die saturierte Mittelschicht ihren Nachwuchs schickt, sind frappierend hoch. Bastian spricht offen von sechsstelligen Beträgen. Keiner der von David Spaeth interviewten Elternteile bekennt, etwas bemerkt zu haben. Erst als alles zu spät ist, fliegt Bastian auf. In der Zeit davor dreht er die Spirale immer weiter, least teure Sportautos, kauft Möbel, bestellt sich am Ende sündige Escort-Damen. Bastian lebt ein Doppelleben, finanziert vom Kindergarten. Wäre es nicht real, die Geschichte müsste erfunden werden.

„Betrug“ setzt sich ausschließlich aus Interviewpassagen zusammen, eine formale Reduktion auf das Wesentliche, das Gespräch. Die Gespräche werden jeweils zu Hause geführt, alle Elternpaare sitzen auf großen Sofas in hellen, lichtdurchfluteten Altbauwohnungen. Bei den einen erzählt nur einer der beiden Partner, der andere schweigt meist. Mitunter gleichen sich die Elternpaare in Gestik und Habitus, bei zweien sehen sich die Designersofas verblüffend ähnlich. Klischees werden unfreiwillig bedient.

Ohnehin ist es einer der Vorzüge dieses Dokumentarfilms, dass das entlarvende Moment nicht nur den Betrüger betrifft, der zwischen Reue und Amüsement, zwischen Nonchalance und Charme seine unglaubliche Geschichte erzählt, sondern auch die bourgeoisen Mittelschichtseltern decouvriert. Die Sympathie des Zuschauers schwankt permanent zwischen dem unmoralisch handelnden Bastian und den moralisch korrekten Eltern: Es wird in „Betrug“ seitens der Eltern sogar formuliert, dass sich für diesen Hochstapler, der sich eine zweite Biografie zugelegt hat, Mitleid und Bewunderung die Waage halten. Die Bekenntnisse dieses modernen, ganz realen Felix Krull entwickeln ihre ganze Kraft aus den Erzählungen. Thilo Wydra
„Betrug“, Mittwoch, ARD, 22 Uhr 45

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