Welche Folgen hat der Tabubruch von Thüringen? Anne Will und ihre Gäste diskutieren. Foto: Screenshot von https://daserste.ndr.de/annewill/index.html
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„Anne Will“ zu Thüringen Blanke Nerven und keine Erklärung für den Kontrollverlust

Anne Will und ihre Gäste diskutieren den Wahl-Eklat von Thüringen mitunter sehr laut. Schuldzuweisungen gibt es reichlich. Weidel findet vieles „unglaublich“.

Für jedes „Unglaublich“ von Alice Weidel einen Schnaps, und der Zuschauer wäre in kürzester Zeit betrunken gewesen: Bei Anne Wills Talk am Sonntagabend regierten Schuldzuweisungen und ziemlich blanke Nerven. Grund: der „Wahl-Eklat in Thüringen“.

Anne Will selbst behielt Ruhe und nordete ihre Gäste bei Bedarf wieder ein – auch wenn sie dafür ganz untypisch ihre Sendezeit überzog.

Der Sendungstitel lautete eigentlich: „Welche Konsequenzen hat der Tabubruch?“ – nämlich der, dass sich FDP-Politiker Thomas Kemmerich mithilfe der Stimmen von CDU und AfD zum thüringischen Ministerpräsidenten hatte wählen lassen. Um diese Konsequenzen deutlich zu machen, hätte es eigentlich keinen mehr als einstündigen Talk gebraucht, sie waren sofort sichtbar.

Wills Gäste diskutierten meist nach dem Motto „je lauter, desto richtiger“ – und als quasi krönende Konsequenz bekam Weidel, Bundestagsfraktionsvorsitzende der AfD, einmal mehr Sende- und Redezeit von der ARD: eine Rundfunkanstalt, die sie und ihre Partei am liebsten abschaffen würden.

CDU-Beschlüsse, „an die sich niemand hält“

Weidel beschränkte sich immerhin den Großteil der Stunde darauf, süffisant zu grinsen, „unglaublich“ zu murmeln und darauf hinzuweisen, dass durch mögliche Neuwahlen in Thüringen 25 Prozent der dortigen (AfD-)Wählerstimmen ignoriert werden würden. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass sie nicht viel mehr tun musste, um die schwelende Talk-Glut zu einem ausgewachsenen Feuer zu entfachen.

Peter Altmaier (CDU), Bundesminister für Wirtschaft und Energie, sprach am Anfang noch energisch, aber gefasst von einer „Blamage für CDU und CSU“ und einem „Vertrauensverlust“, den es wieder gut zu machen gelte.

Kevin Kühnert, Bundesvorsitzender der Jusos, brachte ihn aber in deutliche Erklärungsnot, als er anmerkte, der „CDU bröckle die Distanz zu rechts weg“. Die Union müsse von ihren Landesverbänden das Versprechen einfordern, nie in irgendeiner Weise mit der AfD zu kooperieren. Eine Haltung, die die Union bisher eher der Linkspartei gegenüber gezeigt hatte, was wiederum Sahra Wagenknecht aufregte: „Wenn die CDU so weiter macht, werden Sie bald noch mehr Thüringen haben“, warnte sie Altmaier.

Altmaier, Merkels engster Vertrauter, versuchte sich über verbindliche CDU-Parteitagsbeschlüsse aus der Affäre zu ziehen, zu denen Anne Will trocken bemerkte: „Sie beschwören Beschlüsse, an die sich niemand hält.“

Gerade die thüringische CDU scheint ein harter Brocken zu sein und weder viel auf Beschlüsse noch auf Angela Merkels und Annegret Kramp-Karrenbauers Machtworte zu geben, glaubt Melanie Amann, Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros: „Was die CDU in Thüringen macht, ist bis jetzt nicht klar. Man weiß nur, was die CDU in Berlin will.“ Der CDU-Parteivorsitzenden Kramp-Karrenbauer bescheinigte sie „keine Autorität“, und verglich sie mit einer Reiterin, die an einem Bein im Steigbügel hängt und „vom Pferd hinterhergezogen wird“.

FDP-Vize Kubicki verweist auf höhere Mächte

Wolfgang Kubicki, stellvertretender Parteivorsitzender der FDP, tat sich mit seiner Aussage ebenfalls keinen Gefallen, er hätte die Wahl an Kemmerichs Stelle vermutlich abgelehnt, weil er „mental stärker“ sei – eine Eigenschaft, die aus mehr Dienstjahren im Politbetrieb resultieren soll. Stattdessen hatte Kubicki Kemmerich am vergangenen Mittwoch per Tweet freudig zur Wahl gratuliert, obwohl er gewusst haben dürfte, mit welcher Schützenhilfe der Sieg möglich war.

„Das geht nicht“, erboste sich Kühnert, worauf Kubicki  höhere Mächte bemühte und auf einen ebenfalls gratulierenden Bischof verwies. Kemmerich habe „göttlichen Beistand auch gebrauchen können in dieser Woche“, schnappte Kühnert – und erntete dafür Lacher vom Publikum.

Und was wäre ein Talk mit der oder über die AfD, ohne nicht wenigstens einmal auf das leidige Thema „Höcke, der Faschist“ zu sprechen zu kommen? Weidel gab ihre Lieblingsvokabel „unglaublich“ kurz auf und sprach von einer Diffamierung, um danach gespielt-entrüstet zu fragen: „Ein Gericht hat auch geurteilt, dass man mich Nazischlampe nennen darf. Wie finden Sie das?“ Sollte sie auf einen „Sauerei!“-Zwischenruf aus Publikum oder Talkrunde spekuliert haben: Daraus wurde nichts. Allzu viel Mitleid hatte wohl niemand der Studiogäste.

Der Riss, den die thüringische Wahl hinterlassen hat, zieht sich möglicherweise durch ganz Deutschland; auf jeden Fall zog er sich durch Wills Studio. Es war ein selten beklemmender Talk, bei dem jeder den Schwarzen Peter für die Ereignisse dem anderen zuschieben wollte – zur Not auch dem aktuellen Koalitionspartner.

„Es schreien immer alle“, konstatierte die dauerlächelnde Weidel, bis Anne Will ziemlich deutlich konterte: „Dafür lachen sie immer.“ Nach Lachen war den anderen Gästen eher weniger zumute.

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