Eine Lösung? Keine Lösung! Ein leeres Talkshowstudio wie bei "Anne Will" macht das Fernsehen nicht besser. Foto: NDR
© NDR

"Anne Will", die SPD und der Wähler Was die Talkshow kann, kann nur die Talkshow

"Anne Will" am Sonntag hat gezeigt; was das Fernsehformat leisten kann, warum das Fernsehen darauf nicht verzichten darf

Zur besten Sendezeit. Ja, zur besten Sendezeit konnten sich Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans dem Fernsehpublikum präsentieren. Die neuen SPD-Parteichefs waren Gäste und Thema in der ARD-Talkshow "Anne Will". Ihre Wahl war da schon längst bekannt, das Ergebnis hatte am frühen Samstagabend vorgelegen. In diesen beschleunigten Medien-Zeiten eine Ewigkeit. Aber was eine Ewigkeit ist, das bestimmen nicht die (Online-)Medien - das bestimmt jeder für sich. Und das waren im Fall von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans - wo endet da eigentlich der Vor-, wo beginnt der Nachname? - 3,53 Millionen. Diese Zuschauerzahl markiert ein weiteres Jahreshoch für die Talkshow "Anne Will" im Ersten.

Die Live-Sendung befriedigte jedenfalls fürs Erste die menschliche Neugier - wer sind die beiden eigentlich? - und die (partei-)politische - was wollen die beiden eigentlich? Es gab Antworten, der Zuschauer konnte sich je nachdem ein vorläufiges Urteil und ein vorschnelles Vorurteil bilden. Welches andere Fernsehformat als die Talkshow hätte das leisten können? Klar, da ist der "Bericht aus Berlin" am frühen Sonntagabend, der aber richtet sich an die avancierten Interessierten des politischen Betriebs, zudem fehlt hier die Zeit für ein ausgiebiges Doppelgespräch. Die Talkshows kann eben das leisten: Dass sich jemand vorstellt, sich darstellt, insbesondere im Für und Wider der anderen Gäste sein Profil herauskristallisiert (oder auch nicht). Im besten Fall nimmt der Moderator/die Moderatorin wie Anne Will die Zuschauerrolle ein, stellt die naheliegenden Fragen wie auch die tiefergehenden Nachfragen. Die übrigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschärfen mit.

Risiko und Chance

Eine Talkshow zur besten Sendezeit ist im besten Ereignisfall ein Forum, eine öffentliche Verhandlung, bei der wenig versteckt werden und keiner sich verstecken kann. All das Negative und all das Positive wird dreidimensional, im Reden, Zeigen, im Fragen und Antworten, im passgenauen Einspielfilm. Für jede Botschaft, für jede Botschafterin, für jeden Boschafter ein Beschleuniger in Echtzeit. Es liegt eine Gnadenlosigkeit darin, ein Risiko mindestens so groß wie die Chance.

Ja, hier soll der Talkshow ein Loblied gesungen werden. Vielleicht bringt das die nicht wenigen Kritiker auf die Palme. Diese sollten sich vor der Erfahrung von "Anne Will" am Sonntag mal überlegen, ob sie ihren TV-Masochismus nicht andernorts ausleben wollten. Wer die Talkshow nicht nur aus dem Ersten Deutschen Fernsehen entfernt haben möchte, der macht das Fernsehen sofort ärmer. Die Talkshow ist ein niedrigschwelliges Angebot für jene Millionen Zuschauer, die sich für Politik auch oberhalb der "Tagesschau" und unterhalb des Seminars interessieren. Die politische Talkshow ist Wählerfernsehen.

Und: Die ARD kann Information. Hoffentlich? Sicherlich? nicht zu ihrer eigenen Überraschung

Zur Startseite