Höchstdekoriert: Der Literaturkritiker Dennis Scheck wurde auch mit dem Sonderpreis des Hanns-Joachim-Friedrich-Preis für Fernsehjournalismus ausgezeichnet. Foto: picture alliance / dpa
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Adolf Nazi und der Anti-Kanon Scheck lass nach

Das Buch im Fernsehen ist ein Problemfall. Was es braucht, ist mehr Literaturkritik und weniger Animation, mehr Orientierungshilfe, weniger Gags. Ein Kommentar.

Auf der Homepage von SWR2 steht: „Dieses Video wurde offline gestellt.“ Das Verdikt trifft Adolf Hitler und Denis Scheck. Ersterer war der größte Massenmörder aller Zeiten, der zweite ist Literaturkritiker. Scheck hatte Hitlers Machwerk in seinen „Anti-Kanon“ aufgenommen, publizistisch vernichtet und schließlich mit einem Blitzschlag in einer Rauchschwade aufgehen lassen.

Wer in solcher Aktion, die auch Christa Wolfs Roman „Kassandra“ ereilte, eine Anspielung auf eine Bücherverbrennung (der Nazis) sah, der schaute nach Ansicht des Südwestrundfunks in die falsche Richtung, zugleich beschloss der öffentlich-rechtliche Sender, das Hitler-Scheck-Video zu verbannen und die Animation im „Anti-Kanon“ zu überarbeiten.

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Alles gut, alles schlecht? Nicht wenige Sender der ARD offenbaren gerade ein gestörtes Verhältnis zur Literatur, zur Literaturkritik. Sendungen werden gekürzt, überarbeitet, eingestellt, in Radio, Fernsehen, online. Das Buch, ob Fiktion oder Sachbuch, wird zum Problemfall.

Im Strom der Novitäten braucht es einen Kompass

Papier, E-Book, Hörbuch, die intellektuellen, die poetischen Expeditionen der Autorinnen und Autoren animieren, fesseln und verstören unverändert. Und in dem gewaltigen Zustrom an Novitäten braucht es den Kompass der Kritikerinnen und Kritiker, ihre Rezensionen sind Wegweiser, die glänzenden Quickies eines Denis Scheck in seiner In-und-Out-Liste für diese Zeitung raten zu und sie raten ab.
Ist das ungenügend, braucht es den Zugang im Gag-Format, einen Kanon wie einen Anti-Kanon? Viel, zu viel davon ist Schauwerk, Redakteurs überbordender Protz, Kritikers raumgreifende Eitelkeit.

Bloß den Leser nicht unterschätzen

Ein Buch ist autonom, eigen, seine Qualitäten sträuben sich gegen eine Inflation an Eingriffen, gegen Übergriffigkeit, schlicht gegen die Misshandlung. Wer Zeitung macht, Fernsehen, Radio oder Online, der sollte penibelst überlegen, wie er mit einem Buch umgeht. Es wird nicht Liebe noch Devotion erwartet, doch in jedem Falle Respekt. Der kann sich genauso in einem vernichtendem Verriss äußern wie in einem überschießenden Lob.

Doch muss eine Anstrengung dahinterstehen und keine Animation. Was jeder Leser hasst: wenn er unterschätzt wird – vom Autor, vom Kritiker, vom Redakteur.

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