Wiedersehen nach über siebzig Jahren. Zvi Spielmann (Dov Glickmann, links) und Elisabeth Behrend (Monika Lennartz, rechts) streiten vor Gericht um die Eigentumsverhältnisse eines Mietshauses, in dem sie als Kinder einst zusammen spielten. Foto: RBB/Maor Waisburd
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Adam allein in Cottbus So war der erste RBB-„Polizeiruf“ ohne Maria Simon

Bevor Kommissar Raczek im RBB-„Polizeiruf“ einen neuen Partner bekommt, löst er in der Episode „Hermann“ einen bemerkenswerten Fall fast ohne Hilfe.

Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski wird mit keinem Wort erwähnt. Im Januar war Schauspielerin Maria Simon ein letztes Mal im „Polizeiruf 110“ in die Rolle der Brandenburger Polizistin geschlüpft, die mit ihrem polnischen Kollegen Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) in der gemeinsamen deutsch-polnischen Dienststelle in Swiecko zu viele Fälle gelöst hat, die ihr – wie in der letzten Episode „Monstermutter“ – schlicht zu nahe gingen.

Kriminalgeschichten sind für mich nicht mehr richtig“, begründete Maria Simon ihren Ausstieg aus dem „Polizeiruf“ in einem Interview mit dem Tagesspiegel – und Olga Lenski hätte die Richtigkeit dieser Entscheidung sicherlich durch die neue Episode „Hermann“ am Sonntag bestätigt gesehen. Doch da muss Kommissar Raczek diesmal allein durch, fast allein jedenfalls.

Direkt an der Oder kippt bei einem Verkehrsunfall ein Kleinlaster um, dabei fallen die Abraumsäcke mit dem Asbest-Abfall herunter und die Leiche einer jungen Frau wird sichtbar. Bauingenieurin Daniela Nowak arbeitete für den Immobilienentwickler Karl Winkler (Sven-Eric Bechtolf), der in Cottbus gerade ein 50-Millionen-Objekt realisieren will.

Dem Erfolg dieses Projektes steht allerdings eine ungeklärte Eigentumsfrage im Wege. Wem gehört das heruntergekommene Haus, ohne das es kein Luxus-Karree geben wird: dem ehemaligen KZ-Insassen Zvi Spielmann (Dov Glickman), dessen Vater das Haus gebaut hat, in dem er und seine Familie vor der Deportation 1944 ins Konzentrationslager gelebt haben, und der nun zur Klärung der Besitzfrage aus Israel erstmals wieder nach Deutschland gekommen ist? Oder Elisabeth Behrend (Monika Lennartz), die in dem Haus ebenfalls seit Kindertagen lebt?

Mehr noch als diese beiden inzwischen über 80 Jahre alten ehemaligen Nachbarn drängen deren Kinder Maya Spielmann (Orit Nahmias) und Jakob Behrend (Heiko Raulin) auf die Klärung. Und beide Parteien berufen sich auf vertragliche Beweise, die ihnen die Bauingenieurin angeboten haben soll. Nach deren Tod sind sie nicht mehr aufzufinden.

Bedeutet Recht auch Gerechtigkeit?

Wer hat Recht? Und bedeutet Recht auch Gerechtigkeit? Die Antworten auf diese Fragen, die weit über die Aufklärung des Mordes und die Eigentumsfrage hinaus gehen, befinden sich in Cottbus. Dort ist Adam Raczek nur teilweise willkommen. Cottbus ist eine schöne Stadt, da stimmt der Kommissar seinen Kollegen in Swiecko zu und erwidert: „die Stadt schon“. Auch diese Geschichte scheint eine Vergangenheit zu haben. Immerhin unterstützt ihn seine ehemalige Cottbusser Kollegin Alexandra Luschke (Gisa Flake) nach Kräften, was man von Dienststellenleiter Markus Oelßner (Bernd Hoelscher) nicht sagen kann.

Team auf Zeit: In Cottbus erhält Kommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) tatkräftige Unterstützung von seiner ehemaligen Kollegin Alexandra Luschke (Gisa Flake). Foto: rbb/Maor Waisburd Vergrößern
Team auf Zeit: In Cottbus erhält Kommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) tatkräftige Unterstützung von seiner ehemaligen Kollegin Alexandra Luschke (Gisa Flake). © rbb/Maor Waisburd

Der mehrfach ausgezeichnete Regisseur Dror Zahavi, der diverse „Tatort“- und „Polizeiruf“-Folgen in Szene gesetzt hat, setzt die Mordermittlungen als Klammer für die eigentlichen Themen der Episode ein. Eines ist die Rückerstattung geraubten jüdischen Eigentums nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Restitution im Westen verlief nicht zuletzt auf Druck der Amerikaner deutlich erfolgreicher als im Osten. Die DDR wollte als neuer sozialistischer Staat lange Zeit keine Verantwortung für Nazi-Deutschland übernehmen und verweigerte Zahlungen auch mit dem Argument, jüdische Immobilienbesitzer seien „in erster Linie Kapitalisten und damit Ausbeuter der Arbeiterklasse“, zudem seien „Kapitalismus und Faschismus untrennbar miteinander verbunden, so dass ein Kapitalist im Prinzip nie Opfer des Faschismus sein könne“, wie es in einem RBB-Text zum „Polizeiruf“ heißt. Drehbuch-Autor Mike Bäuml stellt mit dieser Episode die berechtigte Frage, ob die jüdischen Eigentümer und deren Nachkommen bei solchen Verfahren heute nicht oftmals ein zweites Mal beraubt werden.

[Alle Folgen des True-Crime-Podcasts Tatort Berlin des Tagesspiegels finden Sie hier]

Mindestens genauso interessiert Bäuml und Zahavi, wie sich Deutschland seit damals verändert hat. Was bekommt ein Jude zu hören, wenn es um Geld geht? Und was ist mit den zwischenmenschlichen Narben? Besonders bewegend ist das Aufeinandertreffen von Elisabeth Behrend mit Zvi Spielmann, der Hermann hieß, als sie noch Kinder waren.

Seinen neuen Kollegen lernt Raczek übrigens Anfang kommenden Jahres kennen. In der Episode „Hildes Erbe“ wird er erstmals mit Vincent Ross (André Kaczmarczyk) zusammenarbeiten – dann in einem rein polnischen Ermittlerteam.

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