Zum Abschied schauen bei Bella Block (Hannelore Hoger) Ex-Kollege Malte Schnaak (Rainer Bock, re.) und Ex-Freund Simon Abendroth (Rudolf Kowalski) vorbei. Foto: ZDF
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Abschied von "Bella Block" Mehr trinken, mehr rauchen, mehr lieben

Abschied einer kantigen TV-Ermittlerin: Hannelore Hoger hat in 24 Jahren „Bella Block“ alles ausgelebt. Fast alles.

Wenn man in den vergangenen Jahren mal wieder in der TV-Krimiflut zu ertrinken drohte, kam sie auf dem Bildschirm zurück, zuverlässig wie ein Fels in der Brandung, etwas mürrisch-feindselig schauend aber irgendwie doch immer freundlich – „Bella Block“ alias Hannelore Hoger. Und man wusste: Das ist jetzt Qualitätsfernsehen.

Es ist ja nicht oft genug festzuhalten: Jeder der 38 Filme dieser ZDF-Krimi-Reihe seit 1994 ist ein Solitär. Ungewöhnlich genug im Fernsehgeschäft, indem sich gerade, siehe „Tatort“ im Ersten, erfolgreiche Marken gerne mal Durchhänger erlauben. Bella Block jagte die Mafia, Zuhälter, korrupte Politiker und Staatsanwälte, ließ Kollegen, Verdächtige und Freunde an sich verzweifeln.

Sicher, das tun andere TV-Kommissare auch, aber hier war es markant anders. Was wohl auch daran lag, dass Schauspielerin Hannelore Hoger dieser streitbaren Figur offenbar viel von sich mit gegeben hat. Das hört ein Schauspieler im Grunde nicht gerne. Es ist ja eine Rolle von vielen. Das hat Bella Block, die am Samstag ihren Abschied nimmt, aber auch so einzigartig und unwiederbringlich gemacht.

Wobei diese 38. Folge, „Am Abgrund“, inszeniert von Rainer Kaufmann, nicht zu den allerbesten gehört. Auf Staatsanwalt Mehlhorn (Hansjürgen Hürrig), einem alten Freund, der gerade noch mit Bella Block im Restaurant saß, wird ein Anschlag verübt. Auf Mehldorns letztem Wink kommt die eigenwillige Ermittlerin einem groß angelegten Korruptionsfall sowie Amtsmissbrauch bei der Justiz der Hansestadt und einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft auf die Spur.

Da regierte noch Helmut Kohl. Bella Block (Hannelore Hoger, l. u.) in einer frühen Folge mit Peter Lohmeyer. Foto: ZDF und Marion Losse Vergrößern
Da regierte noch Helmut Kohl. Bella Block (Hannelore Hoger, l. u.) in einer frühen Folge mit Peter Lohmeyer. © ZDF und Marion Losse

So weit, so gut. Vom Rest sei hier nicht allzu viel verraten. Die Frage ist vielmehr: Geht Bella Block zu früh, zu spät? Zu weiteren TV-Plänen will Hoger nichts sagen. „Über alles, was nicht spruchreif ist, wird geschwiegen. Künstler kakeln nicht. Das bringt Unglück.“ Vielleicht konnte es nicht mehr besser werden. Im Unterschied zur Vorgänger-Folge 37, „Stille Wasser“ im Herbst 2017, Bella Blocks subtilem Kampf gegen eine verschworene Dorfgemeinschaft in der brandenburgischen Provinz, ist das hier ein recht lauter Abschiedskrimi.

Das lässt ein wenig von dem vermissen, was diese Krimi-Reihe in einem Vierteljahrhundert ausgezeichnet hat, bei all den verschiedenen Klasse-Autoren und Regisseuren (Kaufmann, Max Färberböck, Markus Imboden, Martin Enlen, Sherry Hormann): das Gespür für leise Zwischentöne. Die finale Folge wird fast erdrückt von einer überlebensgroß-bösen Figur, Raven Morlock, brutaler Anführer einer Einbrecherbande von Kindern. Der wird, reichlich sinister, gespielt von Sabin Tambrea („Ku’damm 59“) und stiehlt Bella Block/Hoger mitunter die Show.

Selten hat man die Krimiheldin so angeschlagen gesehen. Vom Weg abbringen lässt sich Bella Block natürlich auch hier nicht. Schon gar, wenn es gegen Korruption und für kleine Leute geht, die aus Häusern vertrieben werden sollen. Bella Block, die Gerechtigkeitsfanatikerin. Bella Block, die Schonungslose. Impulsiv, bis zur Unerträglichkeit beharrlich, gleichsam ironisch, rührend. Eine unmögliche Symbiose von Intellekt und Emotion. Das konnte ein Autor nicht erfinden, dafür musste man Hannelore Hoger treffen.

Bella Block (Hannelore Hoger) mit Ex-Freund Abendroth (Rudolf Kowalski). Foto: ZDF Vergrößern
Bella Block (Hannelore Hoger) mit Ex-Freund Abendroth (Rudolf Kowalski). © ZDF

Mit diesen Eigenschaften hat es Bella Block ihren Kollegen, die in der letzten Folge alle nochmal aufgefahren werden, nicht immer leicht gemacht. Ex-Freund Simon Abendroth (Rudolf Kowalski), Ex-Kollege Jan Martensen (Devid Striesow), Ex-Vorgesetzter Thorsten Müller (Max Hopp) – man liest diese Namen und ahnt, dass sich, bei all der Krimiflut im Fernsehen, sehr viel Glanzvolles in die Nähe dieser etwas anderen Krimireihe gedrängt hat.

Am besten trifft es Pit Rampelt, ZDF Redaktion Fernsehfilm: „Hogers ,Bella’ ist eine der humanistischen Aufklärung verpflichtete Psychologin, die rigoros und radikal die historisch gemeinte Formulierung Ingeborg Bachmanns ,Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar’ in ihre Ermittlungsarbeit hineinnimmt.“

Gleichsam ist von Seiten des Mainzer Senders vom „Energie und Temperamentsbündel“ Hannelore Hoger die Rede. Zwist über Drehbücher, Drehtage? Bei allem Stolz dürfte das ZDF öfters Mühe gehabt haben, diese impulsive Vorzeigefigur zu bändigen. Anders als vielleicht bei starken TV-Ermittlerinnen wie Rosa Roth (Iris Berben) Eva Maria Prohacek (Senta Berger in „Unter Verdacht“) oder Kommissarin Luca (Ulrike Kriener). All diesen hat „Bella Block“ den Weg geebnet. All diese treten – Zufall? – auch nach und nach zurück.

Ein Glücksfall für das ZDF und das deutsche Fernsehen. Hannelore Hoger, 75, Fels in der Brandung, wird all diese Lobhudeleien sowieso gar nicht so gerne hören. Drum soll die Schauspielerin in ihrer unvergleichlichen Art das letzte Wort zum Thema „Bella Block“ haben, zu einer Fernsehfigur, die dann doch aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Mitte der 1990er Jahre regierte Helmut Kohl.

Im Interview antwortete sie auf die Frage, ob es etwas gebe, was „Bella Block“ ruhig mal hätte machen sollen: „Mehr trinken, mehr rauchen, mehr lieben. Mehr Auslandseinsätze.“ In dem Sinne: Ciao, Bella Block. Oder besser: In Hamburg sagt man Tschüss.

„Bella Block - Am Abgrund“, Samstag, ZDF, 20 Uhr 15

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