Im Geiste Albert Schweitzers: Im Krankenhaus der thailändischen Stadt Krabi arbeiten Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann) und die schwedische Ärztin Dr. Helen Larsson (Petra van de Voort) Hand in Hand. Foto: MDR/Saxonia Media/Tom Schulze
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20 Jahre "In aller Freundschaft" Die ewige Sehnsucht nach Heilung

Nikolaus von Festenberg

Zum 20-jährigen Jubiläum von „In aller Freundschaft“ sendet die ARD eine filmlange Special-Ausgabe. Traumschiff trifft weißen Kittel, ist das Motto.

Zwei beliebte Hauptfiguren der Ärztesoap „In aller Freundschaft“ gehen am Freitag hauptabendfüllend auf Thailandtour, den Donnerstag-Vorabend bespielen ganz neu „Die Krankenschwestern“ und das Erfurter Johannes-Thal-Ehrgeiz-Klinikum mit den „Jungen Ärzten“ macht Pause. Der MDR im Spin-off-Fieber.

Sarah, die Verwaltungsdirektorin (Alexa Maria Surholt), wallt blumig gewandet über Thailands Strände, Kris (Jascha Rust), der fidele Pfleger, amüsiert sich ballspielend in der plätschernden Brandung. Nur Roland Heilmann (Thomas Rühmann), der Klinikdirektor, findet innerlich nicht aus dem Ärztekittel und blinzelt angespannt.

Wir Aficionados dieser jetzt 20. Geburtstag feiernden erfolgreichsten deutschen Ärzteserie „In aller Freundschaft“ kennen diesen Blick – ein preußischer Pflichtmensch aus Sachsen wehrt sich gegen die Verführung asiatischer Exotik. Denn er hat die gestressten Kollegen in Leipzig für einen wegen Flugproblemen unerreichbaren Kongress in Bangkok widerstrebend verlassen, nun hindert die werbegeile Sarah ihn an sofortiger Rückkehr. Einsamer Odysseus, listige Kalypso, der Mythos ist mit auf der Dienstreise.

So ist er, unser Roland. Warum soll das unter Schlangen, Affen und Buddha-Statuen anders sein? Ostdeutsche Skepsis gegen allen Schein und Schmus steckt in seinen Genen. Er tut, was sein alter Serienchef, Professor Gernot Simoni (gespielt von Dieter Bellmann, 2017 nach 19 Jahren Seriendienst als Klinik-Zeus verstorben) immer getan hat: heilen, lenken und nicht labern.

Zum 20. Geburtstag von „In aller Freundschaft“ spendiert sich das Erste an diesem Freitag den Neunzigminüter „Zwei Herzen“ (Buch: Hagen Moscherosch, Regie: Franziska Hörisch). Danach, in der Nacht zum Samstag, gibt es eine Totenehrung: Professor Simoni verliert sein Herz an den Köter einer Patientin. Statt ihn im Tierheim abzuliefern, nimmt er ihn, jaul, bei sich zu Hause auf. Hendrikje Fitz, die 2016 verstorbene Darstellerin der Heilmanngattin Pia, zeigt in einer weiteren Nachtwiederholung, wie viel Leben in ihr steckte und wie sie fehlt.

Beliebt in Ost und West

„In aller Freundschaft“ ist ein echter Quotenhit, und zwar sowohl in Ost wie West. Auf durchschnittlich 5,24 Millionen Zuschauer kam die Reihe 2017, der Marktanteil betrug im Mittel 17,1 Prozent. In den neuen Bundesländern liegt er mit 19,1 Prozent zwar etwas höher als im Westen (16,5 Prozent), aber auch dort ist die Serie das meistgesehene Fernsehformat am Dienstag.

Die spielfilmlange Filmexkursion „Zwei Herzen“ ist die Begegnung von deutschen Unterhaltungsvorlieben: Traumschiff trifft weißen Kittel. Der pflichttreue Witwer Heilmann wird belohnt: Fern der Zivilisation lernt er eine Schwester im Albert-Schweitzerischen Geiste. Die schwedische Kollegin Helen (Petra van de Voort) hat unter Palmen ihr asiatisches Lambarene errichtet. Mit dem technischen Standard der „Sachsenklinik“ kann sich die Krankenstation nicht messen, aber mit der Hingabe an den Arztberuf schon. Helen und Roland können auf Anhieb miteinander. Sie improvisieren erfolgreich am OP-Tisch, sie raspeln das übliche Süßholz von der Vereinigung östlicher und westlicher Medizin, das Gummiwort „ganzheitlich“ wabert durch die Dialoge. Buddha grient dazu freundlich. Er kann ja nicht anders.

Ach so. Die blonde Helen ist auch schön. Roland wird schwach. Leipzig liegt plötzlich weit weg. Sie tun es. Eros, in der Leipziger Klinikheimat längst auf dem Rückzug, wacht auf. Auch Sarah muss in die Liebesschlacht. Ein notgeiler örtlicher Polizeichef (Frank Richartz) bedrängt die Verwaltungschefin. Sie tun es nicht, aber das bringt Schwierigkeiten.

Dann hat es sich ausgetechtelt und ausgemechtelt. Heilmann sagt: „Helen, ich gehöre nach Leipzig.“ Die Pflicht ruft denn auch gleich an: Heilmanns Sohn ringt mit dem Tod. Sein transplantiertes Herz streikt. Der Chirurgenvater kommt samt Begleitung sofort zurück. So endet alles im hergebrachten Leipziger Klinik-Einerlei – psst! Geheimnis: gut.

Die Thailand-Sause, besonders deren Liebeserfahrung, ist Witwer Heilmann zu gönnen. An der Figur Sarah allerdings zeigt sich die erotische Wüste, die sich über die Jahre in der „Sachsenklinik“ ausbreitet. Die Anforderungen moderner Medizin verschlingen dort die Beziehungsfähigkeit des Personals. Das Skalpell zerschneidet Liebe und Treue.

Das Skalpell zerschneidet Liebe und Treue

Das private Beziehungsschlachtfeld der Klinik ist gut bestückt, Gefallene, wohin man blickt. Einen jungen IT-Mann stieß die Blondine Sarah ohne Not von der Bettkante, weil sie sich in den Vater verknallte. Die schöne Herzchirurgin Maria Weber (Annett Renneberg) ließ sich mit dem neuen Chefarzt Kai Hoffmann (Julian Weigend) ein, der eine von einem Hirntumor herrührende Wesensveränderung der attraktiven Medizinerin zu Lustzwecken ausnutzte. Die Anästhesistin Globisch (Andrea Kathrin Loewig) trug das Kind eines Vergewaltigers aus und hängte später ihr Herz an einen jetzt einsitzenden Steuersünder. Die zuckrige Oberschwester Arzu Ritter (Arzu Bazman) bekam ein Kind vom Arzt Niklas Ahrend (Roy Peter Link) und nicht – wie vorgetäuscht – von ihrem Ehemann Philipp Brentano (Thomas Koch).

Die Neugründung „Die jungen Ärzte“ im Erfurter Johannes-Thal-Klinikum hat das Beziehungselend nicht gelindert. Da haben sich die Einser-Abiturienten im Geist neudeutschen Strebertums versammelt. Geweint wird dort, wenn man als Nachwuchskraft am OP-Tisch etwas falsch gemacht hat und nur sehr selten aus Liebeskummer, mangels Zeit für die Liebe. Die stets zwangsfröhlichen Jungsklaven opfern ihre Jugend für die Karriere, das hätte selbst ein Patriarch wie Simoni nicht verlangt. So richtig es erscheint, alte Patriarchenzöpfe abzuschneiden, so fatal wäre ein Verrat an der ethischen DNA dieser erfolgreichen Soap-Entwicklung, die noch heute – etwa in der großartigen Folge über das Problem der Organentnahme – fesseln kann: mit der Sehnsucht nach der Heilung von Seele und Körper.

Während „Die jungen Ärzte“ Pause machen, gehen vom 1. November an die „Krankenschwestern“ acht Wochen an den Start. Mit diesem neuen Klon kommen Emotionen zurück. Herz statt Kardiogramm. Eine Liebesgeschichte ohne professionelle Deformation, ohne Elitehochmut. Weiter so. Spinn, mein Sachse, spin off.

„In aller Freundschaft – Zwei Herzen“, ARD, Freitag, 20 Uhr 15

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