Irgendwann würde er auffliegen

Oskar lief am Heiligen Abend immer durch Wedding und schaute in die erleuchteten Fenster. Foto: imago/epd
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Oskar lief am Heiligen Abend immer durch das Viertel und schaute in die erleuchteten Fenster. Er konnte es kaum fassen, dass er schon drei Jahre mit dieser Nummer durchkam. Reklamationen waren selten, noch seltener vermutete man den Fehler bei ihm. Meistens waren die Absender der Pakete freudig überrascht von der Reaktion der Beschenkten und hielten den Mund. In anderen Fällen vermuteten die Firmen eine Verwechslung in ihrer Versandabteilung. Er lag nicht immer richtig, nicht bei jedem Tausch, darüber war er sich im Klaren. Aber er kannte die Leute hier, ein bisschen Fingerspitzengefühl gehörte dazu. Irgendwann würde er auffliegen, dann würde der Paketdienst ihn feuern. Egal. Zwei Jahre bis zur Rente.

Natürlich vertauschte er nicht alle Pakete, nur ein paar, schließlich machte das eine Menge Arbeit. Auspacken, nachsehen, nachdenken, sorgfältig neu einpacken, den Absender und die Adresse so austauschen, dass es nicht auffällt, Letzteres war das Schwierigste. Da kam er sich manchmal vor wie ein Restaurator, wenn er mit Pinzette und Dampf Etiketten ablöste, Buchstaben vorsichtig mit dem Kuli nachzog und hauchdünn Leim auftrug. Drei Stunden pro Paket, ja, das konnte vorkommen. Es war auch wichtig, dass die Geschenke bereits als Geschenk verpackt waren, damit der Tausch erst bei der Bescherung aufflog. Und natürlich musste er recherchieren.

Die Sache mit dem Ferienklub in Griechenland war knifflig

Wilhelm hatte er mal bei Ernst, dem Wirt, kennengelernt, in einer der letzten Kneipen, die so waren wie früher. Da war Wilhelm noch besser zu Fuß, und zu später Stunde hatte er ihm von seinem Vater und den Bierseideln erzählt. Er trug einen Pullover, den seine Frau ihm geschenkt hatte, die schenkte immer praktisch. Ein bisschen knifflig war die Sache mit dem Ferienklub in Griechenland, auf den Fotos im Internet waren am Pool und in der Bar ausschließlich gut aussehende junge Männer zu sehen. Oskar hatte extra angerufen, angeblich wegen seiner Tochter, und gefragt, ob auch alleinstehende Damen mit Kind willkommen seien. Der Mann am Telefon zögerte kurz und sagte dann, das ließe sich einrichten. Svenja würde es guttun, mal ein paar nette Jungs kennenzulernen. Die war immer allein.

Er schenkte Freude

Die Bierseidel waren ursprünglich für Major von Schmalstieg bestimmt, von seiner ehemaligen Kompanie, aber dem konnte er mit Kochtöpfen aus Edelstahl auch nicht kommen. Der Major war vor drei Jahren zum Esoteriker geworden, und wenn er in seinem Sarong die Wohnungstür öffnete und ein Paket entgegennahm, schwallten Wolken von Räucherstäbchen, ein Duft nach grünem Tee und tibetanische Gesänge ins Treppenhaus. Zum Glück hatte Oskar in einem Paket eine Buddhafigur entdeckt. Solche Dreieckskombinationen waren eine Herausforderung.

Irgendwie muss der Mensch sich beschäftigen. Und dies hier kam ihm sinnvoll vor. Er schenkte Freude, und zwar in der Regel beiden, dem Schenkenden und dem Beschenkten. Die wichtigste Regel besteht darin, dass du dich in den anderen hineinversetzt, nicht jeder kann das. Kinder, hatte er gelesen, lernen erst mit vier Jahren, sich in andere hineinzuversetzen, da können sie schon längst reden. Vorher denken sie, dass jeder andere Mensch genauso ist und genauso denkt wie sie selber.

Oskar machte sich auf den Weg zu Ernst, vielleicht hatte der noch offen, dann würde er ein Bier trinken. Danach würde er nach Hause gehen und sich vor den Fernseher setzen, wie jedes Jahr am Heiligen Abend.

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