Der nobelste Grund, einen Ausflug anzutreten

Bielefeld hat gelernt das Boot allein zu segeln. Foto: Marc Bielefeld
Liebeserklärung ans Segeln Ein Mann, ein Boot

Es gibt meines Erachtens nicht viel Schöneres, als mit einem Segelboot eine kleine Reise anzutreten. Und der nobelste Grund, einen solchen Ausflug zu machen, ist dieser: keiner.

Es war ein Sonntagmorgen, als ich die Leinen löste und hinausglitt. Von der Hohwachter Bucht vor Kiel legte ich einen Kurs nach Norden an. Vor dem Bug entrollte sich von Westen nach Osten ein ungestörter Bogen blauen Meers, Sommerwolken lagen darin wie zerfranste Daunenkissen.

Das Boot war vollgepackt mit Proviant. Spaghetti, Zwiebeln, Bananen, Avocados, Zitronen, jede Menge Dosen, dazu Bücher, Rum, ein iPod mit 6000 Songs. Das Boot und ich fuhren durch den Großen Belt und in die erste Nacht. Neun Stunden Dunkelheit lagen vor uns, neun Stunden Schwärze, durch die das Boot mit sechs bis sieben Knoten flog wie eine Raumkapsel.

Nachts segeln ist aufregend

Nachts zu segeln ist etwas anderes, etwas Aufregendes. Nur noch die hell aufgeworfenen Gischtteppiche leuchten links und rechts, wenn der Rumpf durch die See geht und das dunkle Wasser immer wieder aufs Neue zur Seite schaufelt. Wie weiße Schatten stehen die Segel über dem Meer.

Manchmal schaust du nach oben. Und manchmal ist der Himmel sternhagelvoll.

Ich ließ die Dänische Südsee und Fünen links liegen, zog weiter Richtung Kattegat, mit guten achterlichen Winden. Der Südoster pustete das Boot nur so davon, und in der Ferne sah ich einige befeuerte Tonnen und die Vektoren der fernen Leuchttürme in der Nacht.

Ich steuerte die Insel Samsø an und sah in den Lagunen einen Seehund. Den größten, den ich je in der Ostsee erblickt habe. Sein Kopf war so groß wie ein glänzender Globus.

Am nächsten Morgen setzte ich im Lee der Landzunge die Segel und ging weiter auf Kurs nach Norden. Es kamen zwei, drei Kaps, dann lag vor dem Bug die Seestrecke übers offene Kattegat.

Das Meer wurde stetig grüner. Keine blasse, graublaue Ostsee mehr, sondern durchsichtig leuchtendes Wasser. Die klare und frische Farbe eines echten Meeres. Die Insel Laesø näherte sich auf der Karte. Aber das Fleckchen Erde in der See war zu weit weg, ich würde es nicht einmal zu sehen bekommen.

Das Meer als Museum

Das Skagerrak nahte bald, und der Wind nahm weiter zu. Machtvoll blies er aus Südsüdwest, und ich konnte sehen, wie die Schaumkronen sich in Luv und Lee erhoben und ihr Spray in der Sonne flirrte wie fliegender Staub. Rundherum weiß gespicktes Meer. Der Wind riss alles davon, was ihm im Weg hing. Die Tampen am Baum, die Zeisinge an der Reling, alles wehte und flatterte in der Horizontalen. Ich blickte lange in die hellgrünen Wellen, sah ihre unendlichen Faltenwürfe und die Schaumbahnen, die sich durch ihre Täler zogen.

Unten in der Kajüte hing die Petroleumlampe schräg, das Bild hing schräg, die am Bullauge festgeknoteten Bändsel baumelten hin und her, derweil das Boot mit 30 Grad Krängung durchs Wasser rauschte. Ich blickte von innen durch die Fenster. Da lief das Salzwasser, schwappte im Bullauge.

Dann peilte ich in der Ferne einen Leuchtturm und prüfte meine Position. Ich überlegte. Wohin könnte ich nun segeln, wohin fahren? Und wo – ankommen?

Im Nordwesten lag Skagen, das Ende Dänemarks. Im Osten Schweden. Eine weitere Nachtfahrt, und ich würde im Schärengürtel nördlich Göteborgs herauskommen. Tausende kleine Inseln ruhten dort oben vor der Küste. Dann blickte ich mich um. Sah das Wasser, die Bühne des weiten und leeren Meeres um mich.

Und ich sah, was ich nicht sah. Was hier draußen nicht mehr existierte. Die große Hatz. Das Gedränge, der Irrsinn.

Ich sah die unendlichen Kräuselungen in den resedagrünen Wellentälern. Überall Zeichnungen, Radierungen, winzige Kabbelungen zwischen groben Verwerfungen. Ein verrücktes Relief, das lebte und floss, frisiert von feinen und feinsten Zerknitterungen, rundherum brachen sich die Wellen und zogen in silbrigen Hügeln von West nach Ost. Was für ein Meisterwerk. Weiß durchschäumtes Perlmuttmeer, zerfetzt vom Wind. War fast wie im Museum; doch kein Mensch versuchte, die Bilder in einen Rahmen zu quetschen.

Dann korrigierte ich leicht den Kurs. Ging auf 40 Grad und fuhr nur noch weiter auf offenes Meer hinaus. Ein kleiner Mensch auf einem kleinen Boot, ein wenig müde, aber durchaus das Gemälde vor dem Bug bestaunend: ein grenzenlos zerzauster Farbtopf, der dem Himmel seine Freundschaft anbot.

Selten habe ich die Welt so schön vergessen.

Autor Marc Bielefeld lebt bis auf die Wintermonate auf seinem Schiff. http://www.loretta-berlin.de/ Vergrößern
Autor Marc Bielefeld lebt bis auf die Wintermonate auf seinem Schiff. © http://www.loretta-berlin.de/

GLOSSAR

NOOR:

Flache, vom Meer abgetrennte Bucht

WANTEN: Seitliche Drähte zum

Abspannen des Masts

FALLEN: Taue, um die Segel aufzuheißen, also hochzuziehen

AUFKLAREN: Aufräumen

BILGE: Tiefste Stelle im inneren

Bootsrumpf, wo sich eindringendes Wasser sammelt

LOGGE: Geschwindigkeitsmesser

VORDERSTEVEN: Vordere überhängende Verlängerung des Unterwasserschiffs

ACHTERLICHER WIND: Wind, der

von hinten kommt

TAMPEN: anderes Wort für Tau

(Landratten sagen: Seil)

BAUM: Querstange zum Mast, an der das Großsegel angeschlagen ist

ZEISINGE: Kleine Bändsel, um

die geborgenen Segel zusammenzubinden

KRÄNGUNG: Schräglage

Marc Bielefeld, 49, ist freier Autor und lebt, bis auf die Wintermonate, auf seinem Segelboot, einer Lion Class von Arthur Robb, Baujahr 1964, 36 Fuß lang. Zuletzt erschien von ihm: „Gebrauchsanweisung fürs Segeln“ bei Piper. Als nächstes erscheint im Oktober: „Den Wind

im Gepäck“ (Ludwig Verlag).

Bielefelds neues Buch erscheint im Oktober Foto: Ludwig Verlag Vergrößern
Bielefelds neues Buch erscheint im Oktober © Ludwig Verlag
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