Hier macht man sich gegenseitig das Leben zur Hölle

Stur. Ein Esel will nicht weiter. Foto: Barbara Schäfer
Leben unter dem Vulkan Glühende Leidenschaft auf Stromboli

Sind es Schwefeldämpfe aus dem Inneren des Vulkans, die die Atmosphäre vergiften? Warum so viel Neid, Missgunst, Niedertracht?

„Terra di Dio“ nannte der Regisseur Roberto Rossellini seinen Stromboli-Film im Original, in dem die kühle zugereiste Karin, gespielt von Ingrid Bergman, von den Einheimischen fast in den Selbstmord auf dem Vulkan getrieben wird – und in dem bei der Mattanza, dem traditionellen Abschlachten der Thunfische, monoton gebetet wird. „Terra di Dio“: Gottes Land? Von wegen, hier macht man sich gegenseitig das Leben zur Hölle.

Seit 2004 ragt vor Ginostra eine Mole ins Meer hinaus, seitdem können hier Schiffe anlegen. Vorher wurden Menschen und Waren von den Fähren ausgebootet, auf ein kleineres Boot umgeladen. Wenn das Meer mal wieder unruhig war, wurden Waren mit dem Helikopter angeliefert, aber auch den Heliport gibt es erst seit 1999. Davor wurden die Güter per Seilwinde heruntergelassen. Ein Segen also, diese Mole. Oder?

Gianluca, der Ladenbesitzer, kann sich ein höhnisches Lachen nicht verkneifen. Ja, schon. Aber über die Frage, wo genau der Hafen gebaut werden soll, habe sich das Dorf komplett zerstritten. „Bis heute“, sagt er, „gibt es Menschen, die einander nicht grüßen, wenn sie sich in den engen Gassen aneinander vorbeidrücken.“

Warum nur ist an diesem Ort mitten im Meer, wo Reisende den Versprechen von Ruhe, Einsamkeit und Idyll Glauben schenken möchten, das Miteinander so schwierig? Man müsse sich das Leben hier wie die Zustände in einem großen Mietshaus in der Stadt vorstellen, sagt Gianluca. „Du hast mit deinen Nachbarn zu tun, und es gibt immer irgendwas, das Ärger macht. Mal ein Wasserschaden von oben, mal landet deine Asche auf dem Balkon des unteren. So ist das eben auch in einem kleinen Dorf. Nur hier kannst du nicht weg, du siehst dieselben Leute jeden Tag.“

Wer behauptet, der Vulkan sei ihm gleichgültig, der lügt

Einfach abhauen – das wäre für ihn nichts. „Der jüngeren Generation gelingt es besser. Wir wollen das Leben genießen. Aber die ältere Generation hat sich das Gestreite so sehr zu eigen gemacht, dass sie fast nicht mehr anders können.“

Und dann ist da noch der Vulkan. Der Stromboli ragt knapp 1000 Meter aus dem Meer empor, er ist der einzige Vulkan der Welt, der regelmäßig Gestein ausspuckt. Jeden Tag bringen Wanderführer Urlauber zum Kraterrand hinauf, meistens in den frühen Abendstunden. Aus einem Loch schießen Feuersäulen in den Himmel, Funken regnen herab.

Der Vulkan bedroht auch die Bewohner. So brach 2002 der Stromboli mehrfach aus. Der Lavafluss riss Teile des Vulkankegels mit sich, alles rauschte ins Meer, ein Flutwelle erreichte das zweite Dorf Stromboli. Zwei Monate lang war die Insel evakuiert, die meisten Bewohner zogen auf die Nachbarinsel Lipari.

Wer behauptet, der Vulkan sei ihm gleichgültig, der lüge. Sagt Gianluca. Wer die Ereignisse von 2002 mitbekommen hat, dem könne es nicht gleichgültig sein: „Man hat Angst. Keine allzu große, aber sie ist doch da. Du hoffst, dass dir nichts auf den Kopf fällt.“

Es gibt nur einen einzigen Weg, das Dorf zu verlassen

Haben die Menschen auf Stromboli immer einen gepackten Koffer zu Hause? Gianluca wehrt entsetzt ab. Nein. „Das wäre kein Leben. Man kann nicht täglich auf dem Sprung sein. Ich denke mir immer: Mit dem Auto auf der Autobahn zu fahren, ist sicher gefährlicher, als hier zu leben. Und wenn es denn passiert, dann lieber der Tod durch den Vulkan als durch einen Verkehrsunfall.“

Wie ist es für seine Frau aus der Slowakei? „Ich habe ja eine Hornhaut, auch innerlich, doch für sie ist es schwer. Vor allem im Winter, quando siamo in quattro gatti, wenn wir nur vier Katzen sind, wie man hier sagt.“

Ciao Ginostra. Es gibt nur einen einzigen Weg, das Dorf zu verlassen: Mit dem Tragflügelboot. Es ist die einzige Verbindung zur Außenwelt. Man sollte meinen, der Fahrplan gehöre zur DNA der Einheimischen. Sagen Sie, Immacolata Petrusa, wann geht morgen die Fähre? „Keine Ahnung“, antwortet die Wirtin. Ihre Tochter kommt dazu: „Die fährt immer um neun Uhr morgens.“

Sie fährt um zehn Uhr.

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