Grande Dame: Helga Stödter (1922-2011) Foto: Helga Stödter-Stiftung
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Konservative, Juristin, Frauenrechtlerin Wie Helga Stödter für Alleinerziehende kämpfte

Bei den Rastatter Prozessen vor 75 Jahren verteidigte sie noch Kriegsverbrecher, später engagierte sich Helga Stödter für Frauen.

Am Anfang war die Empörung. Die Studentin mochte nicht glauben, was sie da im Seminar erfuhr: dass allein der Mann Anspruch auf Schmerzensgeld als „vermögensrechtlichem Schaden“ erheben konnte, selbst wenn es die Frau war, die die Treppe runtergefallen war! Eine solche Ungerechtigkeit mochte Helga Kloninger, so ihr Geburtsname, nicht hinnehmen. Also schloss die promovierte Volkswirtin noch ein Jura-Studium ab.

Die Empörung – neben der Begeisterung bezeichnete die Frauenrechtlerin sie als wichtigsten Motor ihres Lebens. Wenn sie sich über die Zeitung ärgerte, schrieb sie Leserbriefe, wenn sie sich über die Benachteiligung alleinerziehender Mütter und derer Kinder erregte, machte sie sich daran, die entsprechenden Gesetze zu ändern, wenn sie fand, dass zu wenig Frauen in Führungspositionen waren, gründete sie eine Stiftung, hielt Vorträge vor Jung-Managern. Ja, selbst wenn sie auf einer Familienreise einen verwahrlosten jüdischen Friedhof in Masuren sah, ging sie zu den Verantwortlichen in der Stadt und fragte, was sie denn dagegen zu tun gedenken. Widerstand ließ sie nicht gelten.

Gegen Unrecht hat sie protestiert

Schließlich waren ihre Vorfahren Hugenotten, was ihre Affinität zur französischen Kultur, aber auch ihre Passion für Freiheit und Unabhängigkeit erklärt. Protestantin zu sein, hieß für die Lutheranerin, gegen Unrecht zu protestieren. Die spätere Grande Dame der Hamburger Gesellschaft war gebürtige Berlinerin mit entsprechend großer, schneller Klappe, wie sie sagte, aus bildungsbürgerlicher Familie. Aus ihrer Abneigung gegen den Nationalsozialismus machten ihre Eltern kein Geheimnis.

Noch 1939 schickten sie die Tochter, im Unterschied zu ihren Klassenkameradinnen nie BDM-Mitglied, nach London: Demokratie und den Duft der Welt schnuppern. Der Vater war Ingenieur, die temperamentvolle Mutter – schon über 40, als sie ihr einziges Kind bekam – Handelslehrerin. Deren Motto: „Ich bin eine Frau – ich kann das.“ Helgas selbstbewusste Lehrerinnen am Lyzeum in Zehlendorf, der späteren Droste-Hülshoff-Oberschule, stärkten diese Haltung. Mit knapp 17 hatte sie ihr Abitur.

Sie wollte aus ihrem Leben was machen

Vielleicht, vermutet ihre älteste Tochter heute, war ein bisschen Druck im Spiel. Nicht nur einziges Kind, sondern auch einziges Enkelkind, lag die ganze Aufmerksamkeit auf ihr. Wenn schon kein Junge, wollte sie zeigen, dass man als Mädchen alles schaffen kann. Und noch etwas, glaubt Birthe Böckel-Stödter, hat sie angetrieben: Viele der jungen Männer, mit denen sie in der Tanzschule war, sind gefallen. „Sie hatte das Bedürfnis, ihr Leben ganz voll zu leben, etwas daraus zu machen.“

„Attempto – Ich wag’s“, lautet das Motto ihrer Alma Mater, der Uni Tübingen. Helga Kloninger machte es sich zu eigen. Sie sagte zu, als sie, noch Referendarin, 1946 von den Franzosen zur Pflichtverteidigerin bei den Kriegsverbrecherprozessen im badischen Rastatt ernannt wurde. Als erste und einzige Frau unter lauter Männern. Ihre guten Französischkenntnisse und ihre politisch reine Weste sprachen für sie. Zudem hatte sie schon in Tübingen Angeklagte gegenüber der Besatzungsmacht verteidigt.

Immer im Einsatz: Die Frauenrechtlerin Helga Stödter Foto: Helga Stödter-Stiftung Vergrößern
Immer im Einsatz: Die Frauenrechtlerin Helga Stödter © Helga Stödter-Stiftung

Von den bisher kaum erforschten Rastatter Prozessen erzählt nun ein Film, in einer Mischung aus Spiel- und Dokumentarmaterial, der sich maßgeblich auf die Akten von Helga Kloninger, verheiratete Stödter, stützt. Nach ihrem Tod, 2011, hatte die Familie ihre Unterlagen aus den Rastatter Prozessen dem Kreisarchiv übergeben: 45 Aktenordner. „Eine wissenschaftliche Sensation“, wie die Lokalzeitung titelte. Denn zu der Zeit waren die Unterlagen der Franzosen noch unter Verschluss.

Die junge Juristin, schon damals eine überzeugende Rednerin mit schauspielerischem Talent, immer bestens vorbereitet, erreichte ihr Ziel: all ihre Mandanten vor der Todesstrafe zu retten. Sie wusste, dass die Angeklagten eher früher als später aus dem Zuchthaus entlassen werden würden.

Sie hat ihren Job gut gemacht. Der Film hinterlässt den Eindruck: etwas zu gut. Denn im Rastatter Schloss standen Mitarbeiter, in einigen Fällen sogar Leiter verschiedener NS-Lager in der Region vor Gericht. Trotzdem sprach Helga Stödter auch später nur über das, was sie als Unrecht, Rache und Willkür der französischen Besatzer empfand, als Siegerjustiz – unverhältnismäßige Strafen, grausame Behandlung in den Lagern. Es war vielleicht das einzige Mal, dass ihre Empörung sie blind gemacht hat. Die Opfer ihrer Mandanten und deren Leid waren für sie in diesem Zusammenhang kein Thema.

Als Alleinerziehende ging sie nach London

Dabei hat sie sich genau damit bald und mit Nachdruck beschäftigt, an der Deutschen Botschaft in London. Als sie 1952 die Ausbildung für den auswärtigen Dienst begann, war sie wieder die einzige Frau, unter 22 Männern. Und alleinerziehende Mutter. 1949 war Tochter Birthe auf die Welt gekommen, mit deren Vater, ihrem ersten Mann, hat sie nie wirklich zusammen gelebt, die Ehe wurde geschieden.

Als stellvertretende Leiterin der Rechtsabteilung hat Kloninger sich in London vor allem mit der Wiedergutmachung dessen beschäftigen, was sich ihrer Überzeugung nach nicht wiedergutmachen ließ. Sie half jüdischen Emigranten bei der Todesfeststellung, oft ganzer Familien.

Während dieser Zeit lernte sie ihren zweiten Mann, Rolf Stödter kennen, Reeder und Jurist. 1960 zog sie zu ihm nach Hamburg, bekam zwei weitere Töchter. Und begann noch mal ein ganz neues Leben. Drei Säulen bräuchte dieses, um glücklich zu sein, hat Stödter gerne erklärt: Familie, Beruf und Ehrenamt. Nach ihrem Umzug nach Hamburg hat sie kaum noch als Anwältin gearbeitet, sich umso mehr ins Engagement geschmissen.

Sie bemühte sich um praktische Lösungen

Wer sich mit der Wahlhamburgerin beschäftigt, bekommt das Gefühl, dass sie in mehr Verbänden rühriges Mitglied, wenn nicht gleich Gründerin war, als das Alphabet Buchstaben hat. Als Vorstand des Deutschen Juristentages setzte sie sich für die Chancengleichheit ein, stand im Juristinnenbund an vorderster Front, führte internationale und nationale Managerinnen-Netzwerke an.

Als Ehrenpräsidentin des Verbandes alleinerziehender Mütter sowie Vorsitzende des Hamburger Landesverbandes alleinstehender Mütter (die Väter kamen erst später dazu) kämpfte sie für ihr Herzensthema. Stödter gilt als „Mutter der Unterhaltsvorschusskasse“, ein Hamburger Modell, das später bundesweit eingeführt wurde, so dass Frauen, wenn Väter nicht zahlten, vom Staat Unterstützung bekommen. Mit dem Verband setzte sie die Anerkennung Alleinerziehender und ihrer Kinder als Familie durch, wodurch sich auch deren Wohnungssituation verbesserte.

Sie wusste schließlich, was es hieß, alleinerziehend und berufstätig zu sein. Dabei gab es neben den eigenen Erfahrungen und ihrem Gerechtigkeitsgefühl einen weiteren Motor für ihr Engagement: Helga Stödter, Jahrgang 1922, war gegen Abtreibungen. Aber statt moralische Predigten zu halten, bemühte sie sich um praktische Lösungen, die Verbesserung der Lebenssituation, kämpfte auch für die Reform des Scheidungsrechts.

Eine konservative Progressive

Stödter war eine konservative Progressive. Ohne je Mitglied einer Partei zu sein – sich deren Disziplin zu unterwerfen, erschien ihr wenig verlockend –, stand sie doch der CDU nahe. Zweimal war sie in deren Hamburger Schattenkabinett. Sie wäre gerne Justizsenatorin geworden.

An Parteigrenzen freilich machte sie nicht halt. Helmut und Loki Schmidt gehörten ebenso zu Stödters Freunden wie ihre langjährige Mitstreiterin Lore Maria Peschel-Gutzeit, die dann tatsächlich Justizsenatorin wurde, in Hamburg und Berlin – für die SPD. „Wir konnten uns gut aufeinander verlassen“, erzählt die heute 88-Jährige. „Und viel miteinander lachen. Gott sei Dank über dieselben Witze.“ Mit denen bauten sie sich auf, wenn es beim Kampf um die Gleichstellung von Frauen oder nichtehelichen Kindern mal wieder nicht weiterging.

Manches dauerte Jahre, ja, Jahrzehnte. Seit den 60ern kannten die beiden sich, knüpften Netzwerke („Lore, Du musst in den Überseeclub!“), Stödter hatte die zehn Jahre jüngere Kollegin auch kurzerhand für den Notvorstand des Juristinnenbundes rekrutiert, als diesem in Hamburg die Spitze fehlte. „Wenn sie Probleme sah“, so Peschel-Gutzeit, „hatte sie schnell eine Lösung zur Hand, während andere noch jammerten.“

Die Referendarin, als Pflichtverteidigerin bei den Rastatter Prozessen Foto: Kreisarchiv Rastatt Vergrößern
Die Referendarin, als Pflichtverteidigerin bei den Rastatter Prozessen © Kreisarchiv Rastatt

Stödter, deren Mann sie unterstützte im Engagement, war eine diplomatische Rebellin, lebhaft, herzlich und elegant. Trotz aller Entschiedenheit und klaren Worte stieß sie niemanden vor den Kopf, konnte mit Männern wie Frauen. Ihre gesellschaftliche Stellung und die finanzielle Unabhängigkeit öffneten ihr Türen, als Gastgeberin wie als Rednerin liebte sie die Bühne. Mangelnde sprachliche Brillanz riss sie mit Charisma heraus. „Was sie sagte, glaubte man ihr“, erzählt Lore Peschel-Gutzeit. Sie sprach aus Überzeugung.

Regelmäßig meldete Stödter sich auch beim Präses der Handelskammer an – ein Amt, das ihr Mann, frühes Mitglied in NSDAP und SS, in den 60er Jahren innehatte. Sie wollte hören, was die Kammer getan hatte, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Ihre Gesprächspartner, erzählt die langjährige Geschäftsführerin Corinna Nienstedt, „nahmen Haltung an: Sie wussten, da muss man sich gut vorbereiten.“ Sonst erklärte Stödter ihnen, dass es so nicht weiterging.

Ihre Botschaft: Zeigt Euch!

Sie wollte einfach nicht begreifen, dass man das Potenzial der Hälfte der Bevölkerung einfach brach liegen ließ, Frauen an wichtigen Entscheidungen nicht beteiligte. Und so gründete sie 1988 ihre Stiftung zur Förderung von Frauen in Führungspositionen – damals oft noch null Prozent. Sie wollte jungen Frauen Mut machen, Selbstbewusstsein vermitteln. Ihre Botschaft: Zeigt Euch! Stellt Fragen, sagt was. Ihr müsst gesehen werden. Dafür sorgte sie schon durch ihre Kleidung. Rot leuchtete ihr Jackett bei den „Versammlungen des Ehrbaren Kaufmanns“ zwischen all den dunklen Anzügen hervor.

Von ihrer Mentorin habe sie einiges gelernt, erzählt Corinna Nienstedt, was sie immer noch nützlich findet. Zum Beispiel, wie man auf einen Machospruch in einer Männerrunde reagiert, wenn einem gerade keine schlagfertige Antwort einfällt. Einfach den Ball zurückwerfen: ,Können Sie das noch mal wiederholen?’ Dann merkt er selbst, dass das daneben war.“

Lieber unerschrocken als demütig

Bis heute vergibt die Hamburger Handelskammer alljährlich in Zusammenarbeit mit der Stiftung den Helga-Stödter-Preis an Unternehmen, die das Prinzip der „Mixed Leadership“ auf besondere Weise praktizieren. Die Stiftung betrachtete Stödter – die sich mit über 80 noch Nieren transplantieren ließ, weil sie die Dialyse, vor allem auf Reisen, lästig fand – als ihr Lebenswerk, ihr Vermächtnis. Vorstandsvorsitzende ist ihre Enkelin, Henriette Rebhan, 39, selber Managerin und Mutter, die liebevoll von ihrer rastlosen, auch leicht chaotischen Großmutter erzählt, der Freiheit, die sie ihren Enkeln ließ, wie sie sie ermutigte.

Das Verhältnis ist sicher leichter gewesen als das zu ihren drei Töchtern, die sehen mussten, wo sie ihren Platz fanden. Die Tatsache, dass sie allen dreien den Namen Helga mit auf den Lebensweg gab, sagt einiges. Wann sie denn promoviere, fragte sie die Älteste, Juristin, als diese gerade mit dem fünften Kind schwanger war. Die Erwartungen sind hoch gewesen.

Kein Zweifel, Helga Stödter wollte was. Rastatt, sagte sie später sei eine harte Schule gewesen. Aber sie habe dort gelernt, dass Unerschrockenheit weiter bringe als Demut.

Fernsehausstrahlung: Der Film „Die Raststatter Prozesse“ wird am 4. Mai um 20.15 Uhr auf Arte in einer langen, am 17. Mai in der ARD in einer kürzeren Version ausgestrahlt. Im Vorstand der Helga Stödter-Stiftung sitzt auch Ulrike Teschke, Geschäftsführerin des Tagesspiegels.

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