Weitertelefonieren. Der Terminservice der Kassenärztlichen Vereinigungen unterstützt bei der Suche nach einem Kinderarzt. Foto: imago/Niehoff
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Kolumne: Der Kinderdok Nutzt Vitamin B!

Alle Praxen abtelefoniert und keinen Platz bekommen: Was können Eltern tun, die verzweifelt nach einem Kinderarzt suchen?

Unser Kolumnist betreibt eine Praxis in Süddeutschland, bloggt unter kinderdok.blog und schreibt ab sofort alle vier Wochen an dieser Stelle.

Neulich rief in unserer Praxis eine Familie an, die bereits seit zwei Monaten nach einem Kinderarzt für ihr noch ungeborenes Kind suchte. Sie hatten alle Praxen im Landkreis abtelefoniert und waren überall abgewiesen worden. Der Grund war stets der gleiche: Überfüllung.

Als ich mich vor mehr als 17 Jahren niederließ, konnte ein junger Arzt nur eine Niederlassung übernehmen, wenn ein älterer Kollege aufgehört hatte. Heute ist das Gegenteil eingetreten: Viele Kinder- und Jugendarztpraxen finden keine Nachfolger mehr, vor allem im Osten Deutschlands, aber auch in vielen ländlichen Regionen im Westen. Familien müssen ihr Glück bei Medizinern in der Stadt suchen – die dadurch ihre Kapazitätsgrenzen überschreiten.

Also wird gefiltert. Manche Ärzte nehmen nur noch Kinder aus demselben Postleitzahlenbereich, manche nur Neugeborene, manche blockieren den Zugang komplett – höchstens Geschwisterkinder haben eine Chance. Dies ist hart für die Eltern, für die Praxen aber unausweichlich: In der ambulanten Kinderheilkunde fehlt schon jetzt die Zeit, um die kleinen Patienten mit Muße und Geduld zu versorgen.

Wo bleiben Medizinabsolventen?

Der Run auf das Medizinstudium ist ungebrochen, ohne Einser-Abitur keine Chance. Nach grundsätzlich empathischer Eignung wurde nie gefragt, es gab immer genug Bewerber. Aber wo bleiben die Absolventen? Studienabbrecher gibt es in der Humanmedizin so wenige wie in kaum einem anderen Fach. Die Wechsler ins Ausland sind zu vernachlässigen. Die meisten Mediziner werden heute im Krankenhaus gebunden, dort ist der Nachwuchsmangel genauso zu spüren wie in der Niederlassung. Den Schritt, sich selbstständig zu machen, scheuen die meisten: Zu viel Bürokratie, zu viel Administratives, zu viel Betriebswirtschaftliches.

Die Niederlassungssperre für Kinder- und Jugendärzte in allen Gebieten wurde gelockert, so wird es demnächst über 400 neue Niederlassungsmöglichkeiten geben. Doch es fehlen Interessenten. Viele Ärzte, in der Kinder- und Jugendheilkunde überwiegend Frauen, ziehen eine Anstellung im ambulanten Bereich einer eigenen Praxis vor. Dies lässt sich nicht zuletzt mit der Familie besser vereinbaren.

Schließlich hilft Vitamin B

Was können Eltern tun, die einen Kinderarzt brauchen? Weitertelefonieren, mehr bleibt ihnen nicht. Über die Terminvergabestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen, die über eine zentrale Rufnummer rasch Termine bei Fachärzten vergeben, sind auch Haus- und Kinderärzte suchbar, die noch Behandlungsvakanzen haben (Telefon bundesweit: 116117, Mo–Fr 9–15 Uhr).

Schließlich hilft Vitamin B: Eine befreundete Familie fragen, ob sie als Gatekeeper fungieren kann. Ein persönliches Gespräch erreicht manchmal mehr als das frustrierende Telefonat mit den freundlichen Medizinischen Fachangestellten, die nur den Aufnahmestopp verkünden können.

Die Eltern mit dem Ungeborenen baten wir, sich nach Niederkunft noch einmal bei uns zu melden. Einer anderen Familie aus der Nachbarschaft, die „mal so“ bei uns vorbeikam, hatte es in unserer Praxis „nicht so“ gefallen. Jetzt wäre wieder ein Platz frei.

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