Geräuschlos. Wenn Kinder untergehen, halten sie den Mund instinktiv geschlossen, um kein Wasser zu schlucken. Foto: imago/Westend61
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Kolumne: Der Kinderdok Kinder ertrinken still

Unser Kolumnist erklärt, warum Schwimmflügel allein nicht reichen und was „Sekundäres Ertrinken“ ist, vor dem alle Angst haben.

Der Autor betreibt eine Praxis in Süddeutschland, bloggt unter kinderdok.blog und berichtet hier alle vier Wochen von seiner Arbeit.

Neulich kam eine Familie in die Notdienstambulanz, deren dreijährige Tochter beim Spielen im Garten kopfüber in die Regentonne gefallen war. Der Vater stand daneben und zog sie sofort heraus. Sie hatte gleich geschrien und sich nicht verschluckt, dennoch war den Eltern ängstlich zumute. Schließlich höre man viel über das „Sekundäre Ertrinken“.

Kinder in Deutschland können immer seltener sicher schwimmen. Darüber klagt seit Jahren die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft. Nur vier von zehn Grundschülern haben das bronzene Schwimmabzeichen, welches überhaupt erst Fähigkeiten vermittelt, die echtem Schwimmenkönnen gleichkommen. Das „Seepferdchen“ ist dagegen nur eine Geste, eine Motivation. Es ist das Bobbycar hin zum Autofahrenlernen.

Hintergrund des Problems: Es gibt immer weniger echte Schwimmmöglichkeiten. Vielerorts werden Bäder aus Kostengründen geschlossen. Kinderkurse sind teuer und überfüllt, der Unterricht in der Schule ist nicht zum Schwimmenlernen gemacht und fällt oft aus. Zudem ist vielen Eltern nicht mehr bewusst, welches Risiko es bedeutet, wenn ihre Kinder nicht schwimmen können. Auf Nachfragen bei den Vorsorgeuntersuchungen der Grundschüler ernte ich regelmäßig Schulterzucken. Eltern meinen, sie bringen ihren Kindern das Schwimmen im Spaßbad selbst bei.

Erwachsene breiten die Arme aus, Kinder kippen nach vorne und gehen unter

Sehen Sie sich beim nächsten Badbesuch um: Wie viele Kinder sind im Becken, zu denen weit und breit kein Elternteil zu sehen ist? Schwimmflügel oder -reifen sind keine ausreichende Sicherung. Oder Kleinkinder in der Brandung am Meer, fröhlich glucksend ins Sandeln vertieft: Wellenbewegungen kommen plötzlich und unerwartet, Unterströmungen ziehen die leichten Körper weg. Man sieht auch keine hilfeschreienden, panisch mit den Armen winkenden Kids, auf die David Hasselhoff zustürzen kann. Kinder ertrinken oft still. Sie halten den Mund geschlossen, um kein Wasser zu schlucken, kippen nach vorne und gehen unter. Erwachsene breiten die Arme aus, um auf dem Wasser zu bleiben, sie schaffen es gar nicht zu winken. Sie bleiben senkrecht, sodass gerade noch der Mund herausschaut, und schnappen nach Luft.

Was ist nun dieses „Sekundäre Ertrinken“, vor dem alle Angst haben? Ein sehr seltenes Ereignis, bei dem kleine Mengen Wasser in die Lunge gelangen, was noch nach Tagen zu Entzündungen oder Schwellungen führen kann. Sogar im hüfthohen Wasser, in Badewanne oder Planschbecken droht diese Gefahr schon, wenn der Kopf nur kurz unter Wasser gerät und die Kleinkinder hustend und prustend wieder auftauchen. Eltern achten daher auch nach Bagatellunfällen auf Symptome: Unwohlsein, viel Husten, Atemnot. Dies zeigte die Dreijährige aus der Regentonne zum Glück nicht.

Es bleiben die bekannten Baderegeln. Nie mit vollem Magen ins Wasser gehen, nie überhitzt ohne vorherige langsame Abkühlung, etwa unter der Dusche. Nie Kleinkinder unbeobachtet lassen. Den Nachwuchs sollte man früh ans Wasser gewöhnen, durch Babyschwimmkurse, durch regelmäßiges Schwimmen- (nicht Planschen-!) Gehen mit der ganzen Familie. Noch etwas: Gartenteich und Regentonne kann man abdecken.

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