121 Zellen stehen Gästen offen

Viel Grün. Vor den Klostermauern der Ermita Victoria haben die Franziskanermönche Pflanzentöpfe aufgestellt. Foto: Veronica Frenzel
Kloster-Pensionen Stilles Mallorca

Dort hat Antoni schon wieder zu lange in seinem Bürostuhl gesessen. Diese Bücher sind schuld, die ihn so fesseln, diese Geschichten über den heiligen Wald Lucus, in dem sich die Inselbewohner vor der Christianisierung für spirituelle Exerzitien anderer Art getroffen haben, und der sich genau dort befand, wo heute das Kloster von Lluc steht, sein Zuhause. „Fast schon Blasphemie, dass ich das lese“, sagt er grinsend und stemmt seine über 100 Kilo an den Armlehnen hoch. Auch der Stuhl ächzt. Die späten Gäste sind ein guter Anlass für einen Spaziergang. Gern zeigt er ihnen die Kirche, deren Inneres sich Antoni Gaudí ausgedacht hat, und auch das Hinterzimmer mit der schwarzen Gottesmutter, die sie hier liebevoll „Sa Moreneta“ nennen – die kleine Dunkelhaarige, die Flämin ist. Ein mallorquinischer Kaufmann hat sie im 16. Jahrhundert in Belgien gekauft und später dem Kloster geschenkt.

Antoni ist Fratre, ein Ordensbruder der Kongregation von den Heiligsten Herzen Jesu und Marien, die den Wallfahrtsort Lluc seit Ende des 19. Jahrhunderts verwaltet. Die Aufgabe des Rezeptionisten hat er gerade erst übernommen. Davor war er in der Küche beschäftigt, hat Zicklein, Lammbraten, mallorquinische Brotsuppe, gefüllte Auberginen zubereitet und den riesigen Kamin befeuert, denn in den dicken, alten Klostermauern hat sich die Kälte eingenistet.

Den neuen Job mag er lieber. Wenn er die Bücher nicht weglegen will, nennt er einfach die Zimmernummer und schiebt die Schlüsselkarte über den Tresen, mit der die Gäste die komfortablen Zimmer öffnen, die bis auf die gewölbte Decke und die kleinen Fenster wenig mit den früheren Zellen gemein haben. Die Böden sind gefliest, jedes Zimmer hat ein eigenes Bad und sogar einen Fernseher. Das Bett müssen die Gäste aber auch hier selbst beziehen. Immer schon beherbergte Lluc Pilger, seit einigen Jahren stehen die 121 Zellen auch Gästen ohne spirituelle Motivation offen.

"So muss der heilige Wald ausgesehen haben"

Der heilige Wald, über den Antoni so gern liest, wurde für den steinernen Quaderbau fast ganz abgeholzt. Vor Jahren musste ein Teil der übrig gebliebenen Bäume einem Expansionsvorhaben der Brüder weichen: einem riesigen Parkplatz, zu dem Reisebusse jeden Tag Hunderte pilgernde Spanier karren, die sich ebenso ungern bewegen wie Antoni.

Der schlurft jetzt durch fast leere Gänge, durch die einsame Kirche bis zur dunklen Gottesmutter. Am Abend ist es im Kloster still. Mehr als von der Jungfrau erzählt Antoni auf dem Weg von dem Wald und den Hexen, die sich hier getroffen haben sollen, und in deren Welt er gerade noch versunken war. Der Gipfel Puig Tomir, der hoch über Lluc liegt, soll an Vollmondnächten ein Treffpunkt der früheren Inselbewohner gewesen sein. Bis nach ganz oben hat Antoni es noch nie geschafft, zu steil. Dafür kennt er die Wanderwege, die die Hochebene um das Kloster durchqueren. Sie führen durch schmale Täler voller hundertjähriger Steineichen, Zwergpalmen und wilder Olivenbäume. „So muss der heilige Wald ausgesehen haben“, sagt er.

Vom Talaia d’Alcúdia genießt der Wanderer nach dem Aufstieg ein beeindruckendes Panorama über die gleichnamige Halbinsel. Foto: Veronica Frenzel Vergrößern
Vom Talaia d’Alcúdia genießt der Wanderer nach dem Aufstieg ein beeindruckendes Panorama über die gleichnamige Halbinsel. © Veronica Frenzel

Nicht weit von hier leuchten die ockerfarbenen, haushohen Steinmauern der Ermita de la Victoria im dichten Wald. Es duftet nach Nadelgehölzen und Meer. Heute ist in der früheren Einsiedelei ein Aparthotel untergebracht. Fiola hat nur einmal selbst dort übernachtet, als sie den Job als Managerin angefangen hat. Sie dachte damals an den ersten Eremiten, der hier wohnte. Der hieß Diego und war Alchimist, er machte Wasser zum Allheilmittel. Das glaubte zumindest der damalige König von Katalonien, Alfons V. und ließ sich das Wasser aus der Einsiedelei liefern. Fiola fand die Nacht in der Einsiedelei eher unheimlich als magisch.

Fiola mag lieber den Trubel als die Einsamkeit

Stockdunkel ist es in dem Wald am Kap von Alcúdia, sobald die Sonne untergeht, und totenstill. Kein Auto verirrt sich hierher, die nächste Siedlung liegt wenige Kilometer entfernt. Dort lebt Fiola, zusammen mit Urlaubern aus ganze Europa, viele davon kommen aus Deutschland. Den Trubel mag sie lieber als die Einsamkeit.

Hinter der schweren Holztür der früheren Einsiedelei liegen jetzt elegante Holzdielen und Möbel, im Boden eingelassene Badewannen und steinerne Decken, eine moderne Küche. Gleich oberhalb von La Victoria beginnt ein breiter Forstweg, auf dem tagsüber Hunderte Urlauber zum 445-Meter-Gipfel Talaia d’Alcúdia pilgern.

Von hier schieben sich der Puig de Maria und das Tramuntana-Gebirge ins Bild, irgendwo dürfte auch Lluc sein – und die Reste des heiligen Waldes.

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