Selbst zu Fuß kehrten viele aus den Städten in die Andendörfer zurück – wie hier nach Pampas de Leque. Foto: Florian Kopp
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Kein Corona auf 3600 Metern Wie es in den Anden gelang, die Pandemie im Zaum zu halten

Boliviens Gesundheitssystem ist sehr fragil. Dennoch bleibt die Region vom Coronavirus verschont – eine Erfolgsgeschichte aus den Anden.

Die Nachricht vom Ausbruch der Pandemie erreichte Pampas de Leque spät und löste Ungläubigkeit und Panik aus. Wie sollte eine Krankheit aus dem fernen China denn hierher kommen, in dieses abgelegene, bitterarme Dorf in den bolivianischen Anden, auf 3600 Metern Höhe, sechs Stunden Autofahrt von der Hauptstadt Sucre entfernt? Das fragten sich viele der 188 Familien, die in dieser unwirtlichen Gegend mehr schlecht als recht überleben von dem, was sie auf kargen, steinigen Böden anbauen.

Doch dann schloss die Regierung landesweit Geschäfte und Schulen und verhängte eine Ausgangssperre. Just diese Maßnahmen, gedacht zum Schutz der Bevölkerung, verbreiteten das Coronavirus in dem Ort wie eine Streubombe.

„Das Problem waren die Rückkehrer. Tausenden waren in den Städten die Einnahmequellen weggebrochen. Sie hofften, auf dem Land bei ihren Familien wenigstens nicht verhungern zu müssen“, erzählt Javier González, leitender Arzt des Gesundheitspostens in Pampas de Leque.

Die Welle begann mit öffentlichen Bussen, als diese Verbindungen eingestellt wurden, kamen sie mit Privatautos, Motorrädern, auf Eseln oder zu Fuß. Die Rückkehrer waren nicht willkommen, ihnen schlug Feindseligkeit entgegen.

Die Dorfbewohner errichteten Straßensperren und riegelten sich ab. „ Wir mussten Quarantäneunterkünfte organisieren und brachten die Neuankömmlinge in Schulen und die mit Symptomen ins Hospital“, erzählt Ricardo Miranda, 54, Chef des regionalen Gesundheitsamtes mit Sitz in der Kleinstadt Tarvita. Doch auch das besänftigte die Bürger nicht. Einige zogen mit Fackeln vor die Unterkünfte und wollten Feuer legen, erinnert sich Miranda schaudernd.

Hilfe aus der Schweiz

Aus den umliegenden Dörfern funkten die Gesundheitsstationen ähnliche Probleme nach Tarvita. Es fehlte außerdem an Schutzanzügen, an Tests, an Masken, an Alkohol, an Benzin für Ambulanzen, die in dieser Region so lebenswichtig sind. Alleine von Pampas de Leque bis nach Tarvita sind es zwei Stunden Fahrt, auf einer Schotterpiste über halsbrecherische Serpentinen, immer am Abgrund entlang. Das Hospital in Tarvita hatte nicht ein einziges Beatmungsgerät. Miranda sah eine Katastrophe auf sich zukommen.

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Er suchte Hilfe beim Schweizer Roten Kreuz (SRK), das vor zwei Jahren mit einem Gesundheitsprogramm in der Region begonnen hatte. Am anderen Ende der Telefonleitung saß Eduardo Lambertin, Landesdirektor des SRK. „Mir war klar, dass ein Covid-19-Ausbruch in einer gesundheitlich so unterversorgten Region eine humanitäre Katastrophe auslösen würde“, erzählt der 58-Jährige. „An den Gesundheitsposten gibt es selten mehr als zwei Ärzte und zwei Krankenschwestern. Wenn sie sich infizieren, bleiben ganze Dörfer ohne Versorgung.“

Schutzmasken, Handschuhe, Tests

Sofort war ein Krisenstab gebildet. Einmal die Woche versorgten Wissenschaftler und Fachärzte aus der ganzen Welt per Zoom die bolivianischen Kollegen mit den neuesten Informationen über die Pandemie. Die Gesundheitsstationen der Dörfer – vor kurzem dank dem SRK mit Computern und Internet ausgestattet – gaben ihren Bedarf durch und informierten täglich über den Verlauf der Krankheit am Ort.

Lambertin besorgte Schutzmasken, Anzüge, Handschuhe und Tests. Die Preise dafür hatten sich über Nacht verzehnfacht. Er musste vergleichen und feilschen, seine internationalen Kontakte spielen lassen. Der bolivianische Staat hatte noch nicht die erste Ausschreibung herausgegeben, da brachte Lambertin schon die erste Ladung nach Tarvita. „Ich weiß nicht, was wir ohne das SRK gemacht hätten. Von der Regierung kam kein Geld und kein Material“, sagt Miranda.

Doch nicht nur Geld und Schnelligkeit waren Erfolgsfaktoren, sondern auch Transparenz und eine effiziente Organisation. Über das vernetzte Computersystem konnten immer alle Gesundheitsstationen einsehen, was vorhanden war. Für die in Bolivien so verbreitete Korruption und Vetternwirtschaft gab es keinen Raum.

Auch die präventive Gesundheitsarbeit auf den Dörfern zahlte sich nun aus. In Gegenden wie Pampas de Leque, wo die Menschen mehrheitlich Quechua sprechen und zu traditionellen Heilern gehen, hatten die Ärzte in den vergangenen zwei Jahren Gesundheitskomitees gebildet und Brücken geschlagen zwischen traditioneller und Schulmedizin. Lokale Gesundheitspromotoren waren schnell mobilisiert und konnten auch in der letzten Hütte Seifen und Mundschutz verteilen und die wichtigsten Hygienemaßnahmen auf Quechua erläutern.

Situation verbessert, trotz Pandemie

„Das hat uns ungemein beruhigt“, sagt Hugo Mendoza, ein 41-jähriger Bauer aus Pampas de Leque. Sicherheit gab ihm auch das Wissen, dass er seine Frau und die fünf Kinder durchbringen würde. Zusätzlich zum Mais und den Kartoffeln, die er traditionell auf einem halben Hektar anbaut, hatte er seit kurzem ein Gewächshaus und einen Gemüsegarten.

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Auch am Honigprojekt der Gemeinde nahm er teil. Alle Entwicklungsprojekte entstanden aus dem Gesundheitskomitee heraus, das an der Ernährungssicherheit arbeitete und in der Hauptstadt Gelder dafür locker gemacht hatte. „Es klingt vielleicht komisch, aber unsere Situation hat sich trotz der Pandemie verbessert“, erzählt Mendoza. „Wir essen gehaltvoller. Ich habe mehr Energie für die Feldarbeit, die Kinder sind weniger krank.“

Die Zahl der unterernährten Familien in der Region hat sich verringert. „Die Widerstandskraft ist dadurch größer“, betont Lambertin. Miranda nickt. „Wir hatten bislang 34 positiv Getestete und nur einen Todesfall“, resümiert er und hofft, auch die zweite Welle einigermaßen glimpflich zu überstehen.
[Dieser Text entstand auf einer Reise im Auftrag des Schweizer Roten Kreuzes.]

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