Vertrautes Bild. Die Regale in einer Kaufhalle waren mal halbvoll, mal leer, nur selten super. Foto: imago/Kai Bienert
p

Karriere des Wortes „super“ Was Nietzsche mit der Kaufhalle zu tun hat

22 Kommentare

Die Lehre Zarathustras und der Siegeszug eines Wortes mit dem Kapitalismus. Ein Über-Essay.

Am Abend des 30. Juni 1990 verließen wir die Kaufhallen. Ein letztes Mal hatten wir in den Milchtütenbehälter gegriffen, die Tüte unseres schwankenden Vertrauens misstrauisch in die Höhe gehalten und geschüttelt wie all die Jahre zuvor. Das war der Tropftest. Sie klebten fast alle, aber nicht alle tropften. Schon am nächsten Tag würden wir die kleinen und großen Einkaufstricks nicht mehr nötig haben, es war ein Abschied für immer. Über Nacht bekamen wir neues Geld, die Super-Währung.

Wir grüßten ein letztes Mal die vertrauten Regale. Sie waren wie wir: mal halbvoll, mal leer, nur selten super. Das ist die conditio humana. Kein Mensch lebt dauerhaft auf der Höhe seiner eigenen Möglichkeiten.

Am nächsten Morgen waren die Regale randvoll, über Nacht hatte sich unsere Kaufhalle in einen Supermarkt verwandelt. Und so sah er auch aus. Eine Über-Fülle.

Supermarkt. Würden wir dieses Wort je aussprechen können? Manche schafften das sofort. Sie schauten sich um und sagten: Super!

Sie sagten also: Über! Klingt nur bedingt zurechnungsfähig, aber moderne Menschen reden so: Wir nehmen das Auto! Wörtlich: Wir nehmen das Selbst! Oder: Wir gucken ein Video. Wir gucken ein Ich gucke. Wir Altphilologen.

Super-Märkte mögen keine Philosophen

Kein Mensch hätte eine DDR-Kaufhalle Supermarkt nennen können. In einer Kaufhalle gab es was zu kaufen oder auch nicht. Ein Super-Markt jedoch ist der Über-Markt, der Markt der Märkte. Der darf vieles sein, nur niemals halbleer. Super-Märkte mögen keine Philosophen, ein Kunde denkt nicht, er kauft, und trotzdem war die Suggestion des Ortes sofort spürbar: Du sollst keine anderen Märkte haben neben mir! Es war die Einflüsterung Gottes. Gott ist das Sein, das größer nicht gedacht werden kann. Dem Herrn kamen einst alle Eigenschaften zu, die mit dem Präfix „super“ begannen. Auf alles Höhere, Mächtige, Vollkommene besaß er die alleinigen Hoheitsrechte.

Die Entmachtung Gottes war die Voraussetzung für die weltliche Karriere des Wortes „super“. Und wer war schuld? Friedrich Nietzsche.

Der schrieb ein merkwürdiges Buch mit dem merkwürdigen Titel „Also sprach Zarathustra“. Die Menschen kurz vor und lange nach 1900 lasen noch keine Zeitschriften, die Titel trugen wie „Super!!“ oder „Superillu“, sie schauten keine Fernsehsender, die „SuperRTL“ heißen und auch keine Pornofilme, die Titel tragen wie „Der Super...ck“, nein, sie lasen Nietzsche. Und da stand: „Ich lehre Euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss.“ Die Leser von Zeitschriften wie „Super!!“ und „Superillu“ würden vermutlich bereits an dieser Stelle „Ähh?“ rufen, der Endverbraucher des Ich-gucke „Der Super...ck“ ist ohnehin beschäftigt. Aber das ist kein Grund zur Überheblichkeit. Kein Medium heute kann sich längere „Ähh?“-Augenblicke seines Publikums leisten.

Auch die Nationalsozialisten lasen Nietzsche

Was also sprach Zarathustra? „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, – ein Seil über einem Abgrunde.“ Oder: „Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.“ Wir verzichten an dieser Stelle darauf, uns die Reaktionen der Über!!-Leser vorzustellen. Die Amerikaner Jerry Siegel und Joe Shuster aber lasen Nietzsche, leider in der englischen Übersetzung. Und da war er schon – Superman!

Der neue Held war geboren. Bereits 1933 erschien eine erste Kurzgeschichte: „The Reign of the Superman“. Die Herrschaft des Übermenschen. Einer der erfolgreichsten Comics aller Zeiten trat seinen Siegeszug an.

Leider lasen auch die Nationalsozialisten Nietzsche. Man hat sie wie die Amerikaner noch nie wirklich als Philosophen verdächtigt, und doch griffen sie sofort zu. Der Über-Mensch wurde zum arischen Herren-Menschen.

Aber da ist noch einer, der hat wahrscheinlich keine Zeile Nietzsche gelesen und ihn trotzdem verstanden: Das ist der Erfinder des Ur-Supermarktes, der Schweizer Kolonialwarenhändler und Kaffeepflanzer Gottlieb Duttweiler. Er gilt als Urgroßvater des Supermarkts in Europa. Auch er dachte wie der Philosoph das „super“, das „über“ nicht als „über allem“, sondern im Zeichen der Brücke. Eine kürzestmögliche Brücke vom Produzenten zum Konsumenten wollte er schaffen, als er 1925 in Zürich fünf Ford-T-Lastwagen mit nur sechs Artikeln des täglichen Lebens belud: Kaffee, Reis, Zucker, Teigwaren, Kokosfett und Seife. Keine Zwischenhändler mehr, dafür 40 Prozent billiger als die Konkurrenz.

Die Schöpfung aus dem Nichts

Und doch setzte sich nicht der Brücken-Gedanke durch, sondern jener, der Anspruch erhebt auf die Prädikate Gottes: Der Supermarkt ist allwissend, er kennt sogar den Teil unserer Bedürfnisse, die wir noch gar nicht haben. Allgütig ist er auch, denn er existiert zu keinem anderen Zweck als dem, all unsere Wünsche zu erfüllen. Wer würde bei 20 Sorten Joghurt noch einwenden: Da fehlt aber eine! Und allmächtig ist er ohnehin, denn alle Güter der Erde vor uns ausbreiten zu können, deutet auf gottgleiche Potenz, ja beinahe auf eine creatio ex nihilo, auf die Schöpfung aus dem Nichts.

Ein „Super“ im Namen meldet demnach unmissverständliche Ansprüche an. So gründeten sich in England die Textilhandelskette Supergroup und die Drogeriekette Superdrug. Und bei einem Benzin, das „Super“ heißt, kann man gewiss nichts falsch machen. Oder ist es doch ratsamer, gleich „Superplus“ zu nehmen?

Das kommt darauf an. Die ersten Autos wurden mit Rohbenzin betankt, das strapazierte die Nerven des Motors mit unentwegten Fehlzündungen. Ein weniger anarchistisch gesonnenes Benzin darf also durchaus zurecht „Über-Benzin“ heißen. Die Oktanzahl misst den Grad seiner Fehlzünd-Unwilligkeit. Super hat 95, Super plus hat 98.

„Super“ ist das Gegenteil von aufrichtig

Ohne die Superzahl im Lotto keine Chance auf den Jackpot, den Supergewinn. Sie können die Wahrscheinlichkeit der Superzahl am nächsten Samstag ganz leicht berechnen, die Randbedingung für eine nichtzufällige Prognose lautet: A (PsZ) < (5). Und dann einfach immer so weiter.

Außerhalb der Welt der Kraftstoffe und des Lottos misst das Wort „super“ aber wohl doch zunehmend das Maß der Fehlzündungen. Deutet es nicht auf eine spezifische Leere? Wer „super“ sagt, ist zu viel konkreteren Stellungnahmen meist nicht fähig.

Es klingt äußerlich. Dass eine Tomate äußerlich die vollkommene Tomaten-Idee verkörpern und doch nach nichts schmecken kann, war eine schockierende Einsicht nach dem 1. Juli 1990. Und sie war nicht die einzige. Lauter unaufrichtiges Obst und Gemüse. Ist es da nicht besser, die Tomate sieht lädiert aus wie wir alle und schmeckt ganz nach sich selbst? Ich bekenne mich zu meinen Fehlern! Das wäre aufrichtig, das wäre bescheiden. Wer bescheiden ist, ist bei vollem Bewusstsein nicht super und kann das auch begründen. Das Gegenteil dessen, was „super“, was oben ist, ist nicht zwangsläufig unten.

Es verkörpert die Unvollkommenheit, die Vergänglichkeit. Die Bescheidenheit war mal eine schöne Tugend, doch in einer Marktgesellschaft deutet sie eher auf vorsätzlichen Schwachsinn. Der Supermarkt simuliert die Vollkommenheit, das ewige Leben, die ewige Jugend. Aber dieses Prädikat Gottes löst am Ende auch der Supermarkt nicht ein, wie das Verfallsdatum beweist.

Der Supermarkt hatte alles, bloß keine Ostprodukte

Es ist ebenfalls nicht wahr, dass unser neuer Supermarkt am 1. Juli 1990 alles hatte. Der hatte alles, bloß keine Ostprodukte. Wahrscheinlich dachte er, kein Ostler würde sein Westgeld für Ostprodukte ausgeben. Aber die Kühe Brandenburgs wussten nicht, dass sie Ost-Kühe waren, dass sie bloß Ost-Milch gaben. Niemand wollte mehr ihre Milch kaufen, falsch: Niemand konnte mehr Ostmilch kaufen, niemand bezahlte mehr die Melker. Ihnen blieben nur die Schlachthäuser. Sie kauften Kühe zu Dumpingpreisen. Nein, das ist keine Super-Geschichte, es ist eine andere Geschichte. Wo sehr viel oben ist, ist meist auch sehr viel unten.

Bald ist Weihnachten, das Über-Fest, das Super-Fest. Rechtzeitig vorher erscheint „Super Smash Bros. Ultimate“ bei Nintendo: Jeder prügelt jeden. Von dem alten Spiel „Mario Party“ gibt es längst auch die „Super Mario Party“. Super!, sagen selbst die alten „Mario Bros.“-Spieler.

Aber es passt doch besser zum Fest, etwas zu verschenken, was gar nicht super ist. Denn das Fest der Feste feiert im Kleinsten das Große, im Großen das Allerkleinste, das Kind in der Krippe.

Und der Stern von Bethlehem war wahrscheinlich eine Super-Nova. Ein Überstern auf dem Weg in den Untergang, das letzte große Leuchten eines schon erloschenen Gestirns.

Zur Startseite