Kam mit dem Kindertransport nach England und wurde zu einer der reichsten Frauen im Land: Stephanie Shirely. Foto: Robert Taylor
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Interview mit Stephanie Shirley „Ich unterschrieb meine Briefe mit Steve“

Stephanie Shirley gründete Anfang der 60er Jahre ein Softwareunternehmen, in dem nur Frauen arbeiteten. Die Multimillionärin über Nerds und Philanthropie.

Dame Stephanie, Sie sind eine IT-Legende, die erste Präsidentin der British Computer Society, wurden für Ihre Verdienste geadelt. Als Sie 1962 Ihr Softwareunternehmen gründeten, besaßen Sie selber keinen Computer.

Wir haben uns spezialisiert auf Logistik, schrieben Programme für die Fahrpläne von Zügen und Bussen, für die Kontrolle von Lagerbeständen. Damals hat man erst mal die Aufgabe mit einem Flowchart zu definieren versucht, und zwar mit Bleistift und Papier. Dafür hat man Wochen, manchmal Monate gebraucht. Das Ganze wurde dann in Codes übertragen, die an ein Datenzentrum geschickt wurden, wo sie in Karten oder Papierstreifen gestanzt wurden – und dann erst ging es zum Computer.

Ziemlich aufwendig!

Ich hatte davor jedes Mal Bauchschmerzen, weil es wahnsinnig teuer war. Pro Minute, glaube ich, ein Pfund. Das Startkapital, mit dem ich mein Unternehmen gegründet habe, betrug sechs Pfund.

Als junge Mathematikerin und IT-Expertin arbeiteten Sie bei der Royal Mail in der Statistikabteilung, dann bei einem Computerunternehmen – ohne jede Aufstiegschance. Also gründeten Sie Ihre eigene Firma, „Freelance Programmers“.

Ich wollte Frauen eine Chance geben! Es gab ja damals schon genug in der Branche.

Sie heuerten ausschließlich weibliche Kandidaten an, meist in Teilzeit und im Homeoffice. Flexible Zeiten für junge Mütter gab es damals nicht, die meisten mussten nach der Geburt ihrer Kinder aufhören zu arbeiten. Eine Revolution?

Später habe ich herausgefunden, dass es schon seit 1957 eine ähnliche Firma in den USA gab. Aber sie hatte nie mehr als 24 Mitarbeiterinnen. Schade, ich wäre gern die erste gewesen.

Waren Sie mutiger oder größenwahnsinniger?

Dickköpfiger. Ich wollte nicht, dass gut ausgebildete Frauen, die arbeiten möchten, als Mütter zu Hause rumsitzen müssen, war so getrieben von meinem Kreuzzug für ihre Akzeptanz in der IT-Branche, dass es eine Frage des Ehre wurde, zu überleben. Dabei war ich zur Zeit der Rezession, in den 70er Jahren, noch grün hinter den Ohren. Wir haben gerade so eben überlebt. Viele andere mussten schließen.

Wurden Sie als Unternehmerin endlich ernst genommen?

Man lachte mich aus, weil ich als Frau Software verkaufen wollte! Auf meine Akquiseschreiben kamen keine Reaktionen. Mein Mann schlug mir vor, statt mit Stephanie mit meinem Spitznamen Steve zu unterschreiben. Hat funktioniert.

Allerdings machte Ihnen der Anti-Discrimination Act 1975 einen Strich durch die Rechnung, Sie mussten Männer einstellen.

Wenn sie qualifiziert waren.

Von Gleichberechtigung ist die IT noch weit entfernt. „Frauen verpassen die digitale Revolution“ titelte das „Manager Magazin“ vor ein paar Jahren.

Die Branche wird nach wie vor als etwas Nerdiges, Maskulines betrachtet. Das beginnt ganz früh: Spiele richten sich alle an Jungs. Wir brauchen einen positiven Zugang zur Informationstechnologie. Alles, was wir tun in der Gesellschaft, ob im Gesundheitswesen, in der Bildung, alles, wird digitalisiert. Wenn Frauen an diesen Prozessen, etwa der Entwicklung künstlicher Intelligenz, nicht beteiligt sind, werden wir am Ende lauter Systeme haben, die auf Männer zugeschnitten sind.

Sie scheinen sich manchmal auch über Ihre Geschlechtsgenossinnen zu ärgern ...

… ich bin es satt, wenn sich Frauen über ihre Probleme beklagen, die sicher existieren, aber trivial sind im Vergleich zum Sexismus vor 50, 60 Jahren. Ich durfte nicht mal ein Bankkonto eröffnen ohne Erlaubnis meines Mannes, kein Auto mieten, keine Hypothek aufnehmen.

Sie selbst haben sich schon in jungen Jahren in Computer verliebt, so haben Sie es formuliert. Was fanden Sie so attraktiv an denen?

Die Mathematik. Dass ein Computer immer dasselbe macht, die Symmetrie und Balance gleicht der Musik: die Wiederholungen, dass man immer wieder an den Anfang zurückgeht. Und wenn ein Fehler auftritt, ist das meine Schuld, muss ich es hinkriegen, dass es richtig läuft.

Hat Ihre Faszination vielleicht auch etwas damit zu tun, dass es Zeiten gab, wo Sie keine Kontrolle über Ihr Leben hatten? Sie waren fünf, ein kleines deutsch-jüdisches Mädchen, als Ihre Eltern Sie und Ihre Schwester 1939 mit dem Kindertransport nach England schickten.

Das frühe Trauma hat mich extrem geprägt. Ich bin überzeugt, dass ich dadurch besser in der Lage bin, mit Veränderungen umzugehen. In ein fremdes Land verfrachtet zu werden, neue Sprache, neue Eltern, neues Essen, alles neu, und damit fertigzuwerden – da kann mir Veränderung nicht mehr groß Angst machen. Im Gegenteil, sie gefällt mir, ich langweile mich schnell. Dem Holocaust entkommen zu sein, hat mich so entschlossen gemacht. Mein Leben sollte es wert sein, gerettet zu werden, ich bin getrieben von dem Bedürfnis, das zu beweisen. Ich verplempere meine Zeit nicht.

Hat Sie das unter Druck gesetzt?

Es ist nicht sehr gesund für eine Sechsjährige, so zu denken: Habe ich nicht ein Glück, gerettet zu werden! Aber es hat mir auch den nötigen Dickkopf verliehen, dass ich in schwierigen Zeiten mit meinem Unternehmen nicht untergehe. Natürlich würde ich überleben!

Ein Jahr nach Gründung Ihrer Firma kam Ihr Sohn Giles auf die Welt, der als schwerer Autist diagnostiziert wurde. Mit zwei hörte er auf zu sprechen, brüllte sehr viel, schlug um sich, war immer schwerer zu bändigen. Ihr Mann und Sie schliefen in Schichten, als Teenager mussten Sie ihn ins Heim geben. Wie haben Sie, die erfolgreiche Unternehmerin, das erlebt?

Ich glaube, ich bin ein netterer Mensch, weil ich so ein verletzliches Kind hatte. Früher bin ich ein intellektueller Snob gewesen. Er hat meine Verwundbarkeit freigelegt.

Sie haben nonstop gearbeitet und sich um Ihren Sohn gekümmert, sind nicht ins Theater gegangen, auf keine Party. Ein zu hoher Preis?

Es war eine schlimme Zeit in unserem Leben. Doch man gewöhnt sich daran, nicht alle Freiheiten zu haben. Es tut mir nur leid, mein künstlerisches Interesse nicht weiterentwickelt zu haben. Aber es war, wie es war.

Wenn man in Ihrer Autobiografie von der Doppelbelastung liest, fragt man sich: Wie konnten Sie so lange durchhalten?

Ein eigenes, noch dazu so ungewöhnliches Unternehmen aufzubauen und gleichzeitig ein Kind großzuziehen, das einem so viel abverlangt – viele Jahre lang hat sich das gegenseitig ausgeglichen. Wenn ich mit Giles zusammen war, habe ich die Arbeit vergessen, und Giles habe ich nur vergessen, wenn ich gearbeitet habe. Aber als er 13 war, ist etwas in mir explodiert. Die Belastungen wurden so extrem, dass ich es nicht aushalten konnte.

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