"Christoph Waltz ist ein echter Gentleman"

Christoph Waltz spielt in "Downsizing" den serbischen Playboy Dusan Mirkovic. Foto: imago/Cinema Publishers Collection
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2014 haben Sie schließlich Ihre erste kleine Kinorolle ergattert – als Prostituierte in Paul Thomas Andersons schrägem Krimidrama „Inherent Vice“.

Ja, und ich platzte schier vor Freude. Mein erster Drehtag war eine Autoverfolgungsjagd in einem Canyon außerhalb von L.A., ein Nachtdreh, der bis zum Morgengrauen dauerte. Als ich danach heimfuhr, war ich vor lauter Glück so berauscht, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben wegen überhöhter Geschwindigkeit angehalten wurde. Der Polizist fragte: „Wo kommen Sie denn um diese Zeit her?“ Ich erwiderte stolz: „Von der Arbeit – ich bin Schauspielerin!“

Hat er Ihnen das abgenommen?

Nun ja, ich trug grünen Lidschatten und eine verrückte Frisur, und auf meinem Beifahrersitz lag ein Haufen Zeug, das ich vor lauter Nervosität mitgeschleppt hatte, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Essen, Papiertücher, Schlappen, Jacken ... Ich denke schon, dass der Cop mir geglaubt hat. Nur ich selbst habe mir nicht geglaubt.

Wie meinen Sie das?

Ich sah mich immer noch nicht als Schauspielerin. Das gelang mir erst ein Jahr später. 2015, nach „Inherent Vice“, drehte ich bloß einen Werbespot für Autos und einen für Kartoffelchips, bekam jedoch kein einziges Film- oder TV-Angebot. Ich war schon kurz davor, den Beruf aufzugeben, als ich für die Uraufführung von Annie Bakers Theaterstück „John“ in New York engagiert wurde, meine erste wirklich gehaltvolle Rolle. Wissen Sie, vor der Kamera und beim Schnitt können Sie eine Menge tricksen und auch Minderbegabte gut aussehen lassen. Aber ein dreieinhalbstündiges Vier-Personen-Stück überzeugend auf die Bühne zu wuchten, das kriegt nicht jeder Dahergelaufene hin. Nun hatte ich endlich das Selbstvertrauen, zu sagen: Ich bin Profi und bereit für neue Herausforderungen.

Zum Beispiel für die Rolle in Alexander Paynes Kinofilm „Downsizing“. Wie kam sie zu Ihnen?

Alexander gehört seit Jahren zu meinen Lieblingsregisseuren, und als ich hörte, er wolle eine Sci-Fi-Satire drehen, bat ich meinen Agenten, mir das Drehbuch zu organisieren. Ich hoffte auf eine kleine Rolle für mich, vielleicht eine Labortechnikerin mit ein paar Dialogsätzen. Was man eben so hofft als Schauspielerin mit vietnamesischen Wurzeln. Bei der Lektüre bin ich fast vom Stuhl gefallen: Heilige Scheiße! Eine Hauptrolle für eine Asiatin! Und dann auch noch eine so fein gearbeitete, vielschichtige, faszinierende Figur wie diese Ngoc Lan. Eine mutige, hitzköpfige Dissidentin mit künstlichem Bein, vietnamesischem Akzent, frecher Schnauze und großem Herzen. Sie ist witzig, hilfsbereit und herrisch zugleich, wie eine Kombination aus Charlie Chaplin, Mutter Teresa und einem Diktator. Toll!

Aber Sie mussten die Rolle erst einmal bekommen.

Zunächst musste ich bei einem Casting Director vorsprechen; er nahm Szenen mit mir auf Band auf und meinte, ich würde frühestens zwei Monate später von ihm hören. Doch schon am übernächsten Tag rief er mich an und sagte, Alexander habe mein Video gesehen und wolle mich auf einen Kaffee treffen. Tatsächlich trafen wir uns eine Woche später, wobei es keinen Kaffee gab, sondern Linsensuppe. Danach hatte ich das Gefühl, ich hätte mich um Kopf und Kragen geredet, weil ich ja völlig akzentfrei Englisch spreche und wie eine typische Amerikanerin wirke. Und weil Alexander, dem Authentizität sehr wichtig ist, eigentlich eine waschechte Vietnamesin suchte.

Was war denn auf Ihrem Casting-Band zu sehen?

Im Grunde genommen das, was man jetzt auch im Film sieht: die komplett durchgestaltete Figur. Das gab wohl den Ausschlag. Alexander meinte, niemand außer mir hätte den Sprachrhythmus des vietnamesischen Akzents begriffen. Das fiel mir leicht, weil ich ihn genau im Ohr hatte, nachdem ich in New Orleans in einer Gemeinschaft aufgewachsen war, wo alle so sprachen, auch meine Eltern. Mich verblüffte, dass Alexander offenbar auch ein Gespür für diese Feinheiten besaß, ich musste an den Drehbuchsätzen kaum eine Silbe ändern.

Wie war Ihre Zusammenarbeit mit Matt Damon und Christoph Waltz?

Ein Traum. Mit Matt habe ich viel gelacht; er schafft es sogar, noch Witze zu reißen, kurz bevor die Kamera läuft, und dann blitzschnell umzuschalten. Man hatte mich gewarnt, er würde Kollegen am Set gern Streiche spielen, aber mich hat er zum Glück verschont. Und Christoph ist ein echter Gentleman: liebenswert, gebildet, intelligent. Es war stets ein Genuss, ihm zuzuhören.

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