„Die Liebe ist wie das Licht eines erloschenen Sterns“

Seelenverwandt? Die Idee, eine einzigartige, absolute Liebe zu finden, ist der Welt der Dating-Apps irrelevant geworden. Foto: imago/Westend61
Interview mit Eva Illouz Warum haben die Menschen immer weniger Sex?

Für Ihr Buch haben Sie 92 Interviews geführt und nutzen Beispiele aus fiktionalen Stoffen – von „Fifty Shades of Grey“ bis „Sex and the City“. Erklären Sie bitte Ihre Methode.

Ich lese philosophische Texte, Historisches, Romane, Scheidungsstatistiken, Frauenmagazine. Alles, was ich zum Thema finden kann. Dann versuche ich, aus den Daten ein soziologisches Narrativ herauszulesen. Meine Arbeit ist ein bisschen wie puzzeln, nur dass ich das Motiv noch nicht kenne. Ich springe zwischen der Theorie- und der Datenebene hin und her, bis schließlich ein Bild aufscheint.

Wie sind Sie als Soziologin auf das Thema Liebe gekommen?

Früher bin ich mit Liebesdingen nicht gut klargekommen. Ich bin 1961 geboren und als junge Frau in die Nachwehen der sexuellen Revolution hineingeraten …

… Sie lebten damals zusammen mit Ihren Eltern in Paris.

Ja. Mit zehn Jahren hatte ich angefangen, Romane von Honoré de Balzac, Gustave Flaubert, Stendhal und Jane Austen zu lesen. Als Teenager gefielen mir billige Schmachtfetzen. Ich wuchs also mit elitären und auch trashigen Bildern von Liebe auf. Der Aufschlag im Paris der 1970er-Jahre war hart. Damals war es angesagt, Drogen zu nehmen, Punkmusik zu hören und wechselnde Partner zu haben. Tief in mir sträubte sich etwas dagegen. Ich war zerrissen: Einerseits wollte ich auch so cool und befreit sein wie die anderen, andererseits hat mich die Gefühlswelt aus dem 19. Jahrhundert sehr angezogen.

Hätten Sie, um Ihre Probleme zu lösen, nicht besser Psychologie studiert?

Welche Probleme meinen Sie? Ich hatte doch nur mit den Widersprüchen der damaligen Zeit zu kämpfen. Ich finde, die Psychologie macht den Fehler, soziale Probleme zu privatisieren. So beschäftigt sich eine riesige therapeutische Industrie mit Symptomen, die politische Ursachen haben.

Die zentrale These Ihrer Forschung ist, dass der Kapitalismus das Liebesleben der Menschen durchdrungen und verändert hat – auch durch das Marketing. Können Sie das erklären?

Mit dem Aufkommen der Massenproduktion an Konsumgütern, die ja auch alle abgesetzt werden mussten, wurde die Liebe als Versprechen mit Produkten verknüpft.

In der Serie „Mad Men“, die in einer Werbeagentur in den Fifties spielt, sagt die Hauptfigur zu seiner späteren Frau: „Liebe ist das, was Kerle wie ich erfunden haben, um Strumpfhosen zu verkaufen.“ Meinen Sie das?

In den 1930er und 1940er Jahren brachte eine Seife oder ein Parfüm vermeintlich das Glück in eine Ehe. Später verschob sich der Fokus hin zur sexuellen Attraktivität, die man mit dem Produkt quasi erwirbt. Im heutigen Spätkapitalismus tritt der Grundwiderspruch von Produktion und Reproduktion zu Tage. Die meisten westeuropäischen Länder stecken in einer demografischen Krise. Der Kapitalismus weiß nicht, wie man Reproduzenten produziert. Das Thema wird eindrucksvoll im dystopischen Roman „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood behandelt: Industrielle schaffen darin ein brutales Repressionssystem, um Frauen zurück in den Haushalt zu zwingen, weil sie sie für die Reproduktion brauchen.

Internet-Partnerbörsen folgen, wie Sie nachweisen, in besonderem Maße den Gesetzen der Ökonomie: Menschen stellen sich wie Waren aus. Es gelte das kalte Gesetz von Angebot und Nachfrage. Was folgt daraus?

Die Grundlage von Marktwirtschaft ist ja, dass es keine festen Werte gibt. Der Preis einer Ware wird durch Angebot und Nachfrage immer neu festgesetzt. Genau von dieser Ungewissheit sind die Menschen auf den Liebes- und Sexmärkten von heute geplagt.

Eine Interviewpartnerin offenbarte Ihnen beispielsweise, dass sie nach einem Umzug im Netz einen neuen Freund suchte, obwohl sie am alten Wohnort noch einen hatte. Ein Mann berichtete, dass er Beziehungen zu mehreren Frauen gleichzeitig hat, weil er lustvollen Moment an lustvollen Moment reihen will. Vermisst diese effektive Generation eigentlich etwas?

Ich käme mir bevormundend vor, anderen zu sagen, was sie vermissen sollen. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass ihnen die Idee eines Seelenverwandten fehlt, mit dem zusammen sie eine einzigartige, absolute Liebe finden.

Sie haben drei Söhne in der Generation. Fehlt denen etwas?

Meine Söhne sind sehr romantisch. Sie sind, wie ich, mit Märchen aufgewachsen, deshalb haben sie mit den Dating-Apps nichts zu tun. Außerdem sind alle drei Feministen.

Frau Illouz, Sie wohnen und lehren in Jerusalem und Paris. Im Sommer kommen Sie nach Deutschland, um in Bielefeld im Rahmen der Niklas-Luhmann-Gastprofessur zu lehren. Der Systemtheoretiker begriff Liebe als eine Erfindung von Schriftstellern aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Können Sie damit etwas anfangen?

Ich halte den Begriff „Erfindung“ für übertrieben, denn man findet bereits in der Bibel oder in alten indischen oder chinesischen Texten Stellen, die von romantischer Liebe handeln. Ich glaube, Luhmann meinte ein bestimmtes Narrativ, in dem sich romantische Liebe entfaltet: dass Männer Frauen den Hof machen, beide sich immer tiefer kennen lernen und das Ganze in der Ehe endet.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist das Verhaltensmuster ausgestorben.

Nicht ausgestorben, aber irrelevant geworden. Als Idealbild existiert sie. Die Liebe ist wie das Licht eines erloschenen Sterns, der ja am Himmel strahlt, obwohl er lange nicht mehr existiert. Als Utopie ist Liebe stärker denn je. Zwar werden heute die vielfältigsten sexuellen Praktiken oder Konstellationen toleriert, doch die Vorstellung, wie ein erfülltes Leben auszusehen hat, ist normiert: als Zweierbeziehung mit Kindern. Viele wissen nur nicht mehr, wie das zu erreichen ist. Darauf basiert meiner Meinung nach der Erfolg von „Fifty Shades of Grey“. In der sadomasochistischen Beziehung der Protagonisten gibt es feste Regeln, die sie befolgen und so schließlich zur Liebe finden.

Können Sie sich überhaupt romantische Komödien zur Unterhaltung anschauen?

Wie jeder andere auch. Ich kann mich sogar noch verlieben.

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