„Wir haben unsere Sprache türkifiziert“

Graffiti im Szeneviertel Beyoğlu. Foto: imago/ipon
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Auf Türkisch schreiben Sie nur noch, wenn Sie für Rockmusiker texten.

Einen Text habe ich für Teoman verfasst, den ich für einen außergewöhnlichen Sänger halte. Ich kann Ihnen sagen: Ich selbst mag eher Musik, die nur wenige hören. Die Leute denken, ich würde eher sanfte Musik mögen, weil in meiner Literatur Mitgefühl durchscheint. Tatsächlich höre ich laute, aggressive Musik. Industrial, Metal, viel skandinavisches Zeug.

Schreiben Sie doch für eine türkische Metalband!

Warum nicht? Jede Sprache eignet sich für jede erdenkliche Musikrichtung. Rap funktioniert letztlich auch in allen Sprachen. Meine ersten Romane habe ich noch auf Türkisch verfasst, um die Grenzen der Sprache zu erweitern. Wie alles andere in der Türkei bekam das sofort eine politische Dimension. Wir haben unsere Sprache türkifiziert, als Atatürk 1923 die Republik gründete.

Das heißt, arabische Lehnwörter wurden nicht mehr verwendet.

Wenn du progressiv und ein Liberaler bist, sollst du bitte nur moderne Wörter benutzen. Keine alten, an denen hängen nur Konservative oder Religiöse. Ich als Schriftstellerin denke, wir brauchen sowohl die neuen als auch die alten Wörter. Es ärgert mich, dass ich im Türkischen gelb und rot sagen kann, es für die Zwischentöne aber keine Bezeichnungen mehr geben soll. Denn die stammten aus dem Persischen. Wenn Sie sich ein osmanisches Wörterbuch anschauen, werden Sie feststellen, dass es ziemlich dick ist. Ein modernes türkisches Wörterbuch ist nur halb so groß.

Wo haben Sie die alten Wörter gelernt?

Ich habe meine Muttersprache nie als etwas Selbstverständliches betrachtet. Meine Mutter arbeitete als Diplomatin. Daher lebten wir in den 70er Jahren einige Zeit in Madrid. Als ich mit 15 zurückkam, war mein Türkisch zurückgeblieben. Ich verstand manche Witze oder Slangbegriffe nicht. Also kaufte ich mir ein Notizheft und begann, Begriffe zu sammeln, Phrasen aufzuschreiben, Türkisch zu studieren. Über die Jahre habe ich damit weitergemacht.

Schmerzt es Sie, nicht mehr nach Istanbul zu reisen und solche Erfahrungen zu machen?

Ich vermisse die Stadt sehr. Die Möwen, den Salzgeruch in der Luft, die Menschen, die Straßen, die Graffiti. Ich habe immer Graffiti gesammelt, als ich noch dort lebte. Hunderte, wenn nicht Tausende von Sprüchen an der Wand. Das war die Inspiration für meinen Roman „Der Bonbonpalast“, wo ich all die verschiedenen Schriftzüge über Abfall verwendet habe. Wenn Sie sich in einem eher konservativen Stadtteil wie Fatih aufhalten, steht da zum Beispiel: „Werfen Sie Ihren Müll nicht hier hin. Allah mag keine dreckigen Menschen.“ In einem Boheme-Viertel wie Beyoğlu war so eine Aufforderung stattdessen gewitzter und mit sexuellen Anspielungen gewürzt.

Dort haben auch Sie lange gelebt.

In der Straße der Kesselflicker, die steil vom Taksim-Platz nach unten führt. Früher wohnten dort vor allem Juden und Christen: Armenier, Griechen. Viele gingen nach 1955 weg, weil ein nationalistischer Mob die Läden angezündet hatte und die Christen sich nicht mehr wohl in der Gegend fühlten. In den 70er Jahren zogen Transgender und andere sexuelle Minderheiten in das Viertel. Und in den späten 1990er Jahren, als auch ich dort hinkam, folgten die Bohemiens.

Einer Ihrer Nachbarn war damals ein älterer armenischer Transvestit.

Menschen wie er waren Überreste der Vergangenheit. Ich dachte mir: Das ist keine Straße, das ist ein Schiff, wir alle sind Passagiere, morgen werden wir wieder von Bord gehen, und jemand anders wird einziehen. Aber von jedem bleibt etwas zurück. Und mein Job als Geschichtenerzählerin ist es, nach den Überresten zu suchen.

Ihr neuer Roman spielt unter anderem in der Straße. Kommt darin etwas vor, was Sie erlebt haben?

Als ich dort wohnte, gab es einen konservativen religiösen Lebensmittelhändler, der auch im Buch vorkommt. Er verkaufte keinen Alkohol, keine liberalen Zeitungen, und er weigerte sich, mit Transgender-Menschen zu sprechen. Im Jahr 1999 gab es ein Erdbeben in Istanbul, bei dem in wenigen Minuten 10 000 Menschen starben. Die Leute flüchteten um drei Uhr nachts aus ihren Häusern. Plötzlich sah ich diesen Händler, wie er auf dem Bürgersteig neben einem Transgender hockte. Beide waren völlig aufgewühlt, sie weinte, ihre Schminke zerlief – und er bot ihr eine Zigarette an. Im Angesicht des Todes war für ein paar Stunden jeder gleich.

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