„Ich bewege mich an der Peripherie, im Dazwischen“

Anhänger des Oppositionspolitikers Ekrem İmamoğlu auf den Straßen von Istanbul. Foto: imago/depo photos
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Hatten Sie damals Kontakt mit Deutschtürken?

Es gehört zu meinen herzlichsten Begegnungen, als ich nach einer Lesung hungrig in ein Dönerlokal gegangen bin, der türkische Kellner mich erkannte und nur für mich ein vegetarisches Gericht zusammenstellte, weil ich damals kein Fleisch aß. Er hat mir keinen Cent dafür berechnet.

In der Türkei werden Sie gerade nicht sehr freundlich empfangen. Meiden Sie Ihr Heimatland?

Ich fühle mich den Menschen dort sehr verbunden. Im Ausland lebe ich seit mehr als zehn Jahren. Das ist nicht neu. Neu ist, dass ich mich nicht mehr wohl fühle, zurückzukehren, weil es keine Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit gibt. Ich lebe in einer Art Exil. Es gibt auch viel Intoleranz, zum Beispiel habe ich nach meinem TED-Talk viel Diffamierung und Beleidigungen erlebt.

Darin sprachen Sie erstmals über Ihre Bisexualität. Lange wollten Sie das nicht, aus Angst vor Beschimpfungen, Stigmatisierung und Hass.

Und genau das ist eingetreten. Sieben oder acht Wochen lang gab es in den türkischen Medien und in den sozialen Netzwerken alle möglichen negativen Kommentare. Voller persönlicher Beleidigungen. Es war sehr schwierig, das durchzustehen.

Hat Sie das überrascht?

Nein, ich kenne mein Heimatland. Das Ausmaß fand ich jedoch erschreckend. Das Problem ist, dass in der heutigen Welt meistens die Fanatiker brüllen, die Demokraten flüstern unterdessen. Ab und zu erhielt ich eine E-Mail von Eltern: Mein Sohn ist auch schwul, meine Tochter bisexuell, ich bin so dankbar, dass Sie darüber gesprochen haben, jetzt fühle ich mich weniger allein.

Haben Sie sich vorher mit Ihrer Familie abgesprochen?

Mein Mann und meine engen Freunde haben mich immer unterstützt, obwohl sie wussten, wie unangenehm es werden könnte. Wenn Sie sich meine Romane anschauen, meine Interviews lesen, sehen Sie, dass ich mich oft mit LGBT- und Frauenrechten beschäftigt habe. In der Öffentlichkeit bin ich als Verteidigerin aufgetreten, aber ich hatte nie den Mut zu sagen: Das ist auch meine Geschichte.

Ihre Bücher schreiben Sie auf Englisch, weil Sie, wie Sie selbst sagen, den Humor und die Mathematik dieser Sprache schätzen.

Vielleicht sollte ich es so formulieren: Wenn meine Texte Melancholie, Kummer, Traurigkeit oder Sehnsucht zum Thema haben, finde ich es einfacher, sie auf Türkisch zu verfassen. Doch wenn es um Humor geht, ist das viel leichter auf Englisch. Und meine Bücher haben hoffentlich diese leichte britische Ironie.

Welches türkische Wort könnte man schwer ins Englische übersetzen?

Gurbet. Viele Deutsche können mit diesem Wort etwas anfangen. Es bedeutet so viel wie Heimweh, auch wenn es diese Übersetzung nicht ganz trifft. Du bist an einem seltsamen Ort, im Exil, weit weg von zu Hause, und Sehnsucht sowie eine Spur Einsamkeit schwingen mit. Du stehst am Rande, bist eine seltsame Figur.

Das könnte gut Ihr Selbstverständnis umschreiben.

Ja, ich bewege mich an der Peripherie, im Dazwischen. Einerseits bin ich Teil der Masse, gerade genug, um mich einem Ort zugehörig zu fühlen. Andererseits fühle ich mich genauso als Außenseiterin, um die Dinge mit kritischem Abstand zu betrachten. Ein guter Platz für einen Künstler, jedoch auch ein einsamer.

Wann hat das begonnen, dass Sie sich so sahen?

Immer wenn es um meinen Vater ging. Er verließ meine Mutter, als ich sehr klein war. Ich wuchs auf, ohne ihn oft zu sehen. Später erfuhr ich, dass er meinen Halbbrüdern ein sehr guter Vater war.

Waren Sie eifersüchtig?

Das wäre ich gewesen, hätte ich früher davon gewusst. Aber ich habe mir das erst mit Anfang 20 wie ein Puzzle zusammengesetzt. Und dann ist man nicht mehr eifersüchtig, man ist wütend.

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