Eine Pflegekraft in der Neonatologie der Charité auf dem Campus Virchow. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

Interview mit einer Kinderkrankenschwester „Wir sind nicht eure Diener“

Die Erwartungen sind hoch, die Bezahlung niedrig. Krankenschwester Ulla Hedemann über Witze im OP, Berliner Pflegeschlüssel und den Umgang mit dem Tod.

Ulla Hedemann, 33, ist nach ihrer Ausbildung als Arzthelferin zur Kinderkrankenpflege gewechselt. Neben ihrer Arbeit auf der Kinderintensivstation am Virchow-Klinikum ist sie ehrenamtlich für den Rettungsdienst des Arbeiter-Samariter-Bundes im Einsatz. Die gebürtige Münchnerin lebt mit ihrem Sohn in Berlin-Wedding.

Frau Hedemann, Sie sind Krankenschwester auf der Kinderintensivstation am Virchow. Gucken Sie Arztserien?

„Dr. House“ ist eine realistische Serie, was Krankheitsbilder und Behandlungen angeht. Wobei die Pflege mies wegkommt – die sind alle nur doof.

Dabei tragen Pflegerinnen doch eigentlich einen Heiligenschein, so wie Ordensschwestern …

… die ihr Leben für die Kranken aufgegeben haben. In unserer Gesellschaft ist bis heute verankert, dass Pflegekräfte sich für ihren Beruf hingeben und alles für ihre Patienten tun, selbstverständlich jederzeit einspringen und länger bleiben.

Wie oft werden Sie in Ihrer Freizeit angerufen, ob Sie eine Schicht übernehmen?

Einmal die Woche. Ich arbeite halbtags, im Moment habe ich 210 Überstunden.

Als eine der wenigen Pflegekräfte sind Sie in einer Gewerkschaft.

In den vergangenen Jahren haben wir durch Streiks und Aktionen klargemacht: Wir sind nicht eure Diener, keine Heiligen, sondern eine professionelle Berufsgruppe. Wir wollen auf Augenhöhe mit dem Arzt arbeiten, statt als devote Schwester hinterherzukriechen. Ich verdiene 1200 Euro, mit Schichten ungefähr 1500, und lebe mit meinem Sohn in einer Einzimmer-Wohnung in Wedding. Zum Vergleich: Ein Facharbeiter bei VW bekommt als Einstiegsgehalt 4000 Euro.

Ulla Hedemann. Foto: Mike Wolff Vergrößern
Ulla Hedemann. © Mike Wolff

Erzählen Sie uns bitte, was den Beruf ausmacht.

Es geht neben dem Medizinischen – also Medikamentengaben, Bedienen von Beatmungs- und Organersatz-Maschinen, Blutuntersuchungen, Assistenz bei Interventionen – um die Versorgung der Patienten, sodass sich die Kinder gut fühlen: waschen, Zähne putzen, Augenpflege, Haare kämmen. Es geht um Prophylaxe. Die Patienten sollen erst gar nicht eine Thrombose entwickeln, weil sie zu viel liegen. Also mobilisiere ich sie, setze sie raus, helfe ihnen, ein bisschen durchs Zimmer zu laufen. Ich betrachte die Haut, vermeide, dass Druckstellen entstehen. Ich bewege die Gliedmaßen, damit Muskeln und Sehnen sich nicht verhärten. Ich ernähre die Patienten. Und bei all diesen Pflegehandlungen müssen wir jederzeit auf kleinste Veränderungen reagieren. Was leider oft zu kurz kommt, ist die psychische Betreuung unserer Kinder und deren Eltern.

Wie haben Sie sich als Jugendliche den Beruf vorgestellt?

Leichter. In den vergangenen 10, 20 Jahren hat sich wahnsinnig viel in der Medizin verändert. Patienten, die früher gestorben wären, können zum Glück mittlerweile behandelt werden. Doch sie brauchen natürlich viel mehr Versorgung.

Die jüngsten Ihrer Patienten sind Säuglinge. Da haben Sie auch viel mit Müttern und Vätern zu tun.

Bei den Kleinen kann man die Eltern gut einbinden, beim Wickeln und Waschen etwa. Das gibt ihnen auch das Gefühl, sie können was beitragen. Inzwischen haben wir die Eltern immer dabei – auch in Reanimationssituationen, was für uns anfangs wahnsinnig belastend war. Das sind extreme Momente, man kämpft um das Leben des Kindes und soll sich dann noch um die Mutter kümmern, die danebensteht.

Muss man die Eltern bei solchen Prozeduren vor dem Anblick nicht eher schützen?

Es gibt Studien, dass es für ihre Verarbeitung besser ist, wenn sie erleben, was wir tun und dass alles versucht worden ist. Was man sich hinter verschlossenen Türen vorstellt, ist schlimmer als die Realität. Meist stellen wir die Eltern ans Kopf- oder Fußende, sie halten die Hand des Kindes, sehen, was wir machen. Aber die Anwesenheit der Eltern ist für uns auch belastend, in solchen Situationen spricht man untereinander ja doch anders, manchmal ruppiger, macht Bemerkungen, die für die Ohren der Eltern nicht bestimmt sind.

Zum Beispiel?

Wenn gerade alles im Fluss ist, der eine drückt, der andere beatmet, hat man auch mal Zeit, was Persönliches zu sagen: „Ach, du hier, schön! Wie war der Urlaub?“ Oder, wenn man versucht, einen Zugang zu legen und das Blut spritzt: „Verdammt, was für eine Sauerei!“ Wir reißen auch makabre Witze, mit denen wir das alles verarbeiten. Nicht böse gemeint! Humor hilft uns über vieles hinweg.

Das verkneifen Sie sich, wenn die Eltern dabei sind?

Klar, da muss man sich unter Kontrolle haben. Nicht nur im Notfall, die Eltern können ja, wenn sie mögen, rund um die Uhr am Bett bleiben. So stehen wir permanent unter Beobachtung.

Sind Sie manchmal Schauspielerin und sagen: „Alles okay“, während Sie denken: „Oh Gott, das ist jetzt wirklich ernst“?

Eltern oder Patienten fragen schon mal: „Wieso können Sie so ruhig bleiben?“ Innerlich ist man dann auf gefühltem 300er-Puls. Doch nach außen hin habe ich’s bis jetzt immer geschafft, zu beruhigen: „Kriegen wir alles hin.“ Ich sage die Abläufe Schritt für Schritt laut auf, um mich ruhigzuhalten. Manchmal trete ich kurz aus dem Raum – tief durchatmen, bis fünf zählen und wieder rein.

Bei kleinen Kindern reden Sie mit den Sorgeberechtigten, Teenager können für sich selbst sprechen. Wie sind sie als Patienten?

Den Teenager gibt’s nicht. Wir haben sehr zurückhaltende und andere, die eingeliefert werden, weil sie sich ins Koma gesoffen haben. Die treten um sich, beißen, kratzen und schimpfen. Am nächsten Morgen sind sie ganz klein mit Hut, tut mir leid, nie wieder! Insgesamt erlebe ich mehr Patienten, die uns gegenüber ruhig und nett sind. Das meiste kriegen die Eltern ab, die Wut und Aggression – über die Krankheit, dass es nicht vorangeht. Klar gibt’s auch Jugendliche, die sagen: „Nee, Medikamente nehm’ ich nicht, bring mir meinen Computer.“

Und dann gehen Sie zum Nächsten?

Ich verhandle und setze Anreize: Je besser du mitmachst, desto schneller bist du hier raus.

Verkehr, offene Fenster, Kerzen – sind das die gefährlichsten Situationen im Leben eines Berliner Kindes?

Wasser ist für mich das Schlimmste. Badeunfälle, wo jemand kurz nicht hinschaut – und dann passiert’s. Wir hatten schon den Fall, dass extra eine Plane über den Gartenteich gelegt wurde, und dann ist das Kleine daruntergekrabbelt, und es hat erst mal niemand gemerkt.

Zur Startseite