„Ich bin dagegen, die Rollen völlig aufzulösen“

Daniela Krien 2011 Foto: imago stock&people
Interview mit Daniela Krien „Von jetzt auf gleich war alles vernichtet“

Haben Sie das nach der Diagnose erlernt?
Vorher war das gar nicht nötig. In den ersten Jahren nach dem Impfschaden meiner Tochter habe ich es teilweise nicht geschafft, irgendeine Form von Fassade aufrechtzuerhalten. Damals half mir ein Buch von Viktor Frankl: „ ... trotzdem Ja zum Leben sagen“. Darin beschreibt er das Konzentrationslager Auschwitz aus der Sicht eines Psychologen. Er war in verschiedenen Lagern, hat alle Verwandten verloren und dennoch beschlossen, sich nicht als Opfer zu fühlen. Seine Erkenntnis: Mein Schicksal gibt mir die Möglichkeit, über mich hinauszuwachsen. Die Sache an sich ist schlimm, aber ich habe die Deutungshoheit darüber. Mein Kind lehrt mich täglich Geduld, Demut und aktiviert die besten Seiten in mir.

Welche Pläne mussten Sie fallen lassen, als die Ärzte Ihnen klargemacht haben, dass Ihre Tochter lebenslang von Ihnen abhängig bleiben wird?
Von jetzt auf gleich war alles vernichtet, was ich mir vorgestellt hatte. Eine Zeit lang im Ausland leben? Erledigt. Nach meinem Studium im Kommunikationsbereich arbeiten? Ging nicht mehr. Ich wusste, ich würde keinen Job bekommen: Ich bin null flexibel, muss jeden Tag um drei zu Hause sein, werde nie abends einspringen können. Mir blieb nur das Schreiben. Ich hatte immer schreiben wollen, aber nie geglaubt, davon leben zu können.

Sie verdanken die Bücher Ihrer kleinen Tochter?
Ja, ich hätte den Schritt, als freie Schriftstellerin zu leben, vermutlich nie gewagt, wäre ich in einen normalen Job eingestiegen.

Die Behinderung folgte auf eine Sechsfachimpfung plus Pneumokokken-Impfung, als Ihre Tochter sechs Monate alt war. Was halten Sie von der Impfpflicht?
Nichts – ich finde, das sollten die Eltern entscheiden. Sein Kind zu impfen, ist ein Risiko. Sein Kind nicht zu impfen, ist ein Risiko. Die Eltern müssen mit den Folgen leben, und darum müssen sie auch die Entscheidung treffen

Das Robert Koch-Institut sieht keinen „echten ursächlichen Zusammenhang“, erklärt jedoch „Impfstoffe können Nebenwirkungen haben“.
Im Fall meiner Tochter sah es ein Gericht nach mehreren Gutachten als erwiesen an, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Impfung und der schweren Schädigung meiner Tochter gibt. Mein Kind war vorher gesund. Alle bis zum Tag der Impfung erfolgten Untersuchungen bestätigten die völlig normale Entwicklung. Danach verlor meine Tochter nahezu alle bis dahin erworbenen Fähigkeiten. Vielleicht gab es in ihrer Biochemie irgendeine Abweichung gegenüber anderen Kindern, die dazu führte, dass die Reaktion derart zerstörerisch ausfiel. Es ist ein Übergriff des Staates, Menschen zu zwingen, dieses Risiko einzugehen.

Sie haben noch eine Tochter. Was bedeutet die Pflege der jüngeren Schwester für sie?
Sie ist vorzeitig gereift und in mancher – nicht in jeder – Hinsicht ziemlich erwachsen für eine 15-Jährige. Hilfsbereit, vernünftig, sozial, jedoch auch angestrengt von der Situation und manchmal traurig, weil ihr dieses normale Geschwisterleben früh genommen wurde. Sie musste immer akzeptieren, dass ihre Schwester mehr Aufmerksamkeit bekommt, weil es gar nicht anders ging. Das Zurückstecken hat dazu geführt, dass sie viel kann. Sie kocht gut, backt besser als ich.

An einer Stelle schreiben Sie: Es lebe das Matriarchat! Ist das Buch ein feministisches Manifest?
Ja. Aber es richtet sich nicht gegen Männer. Feministisch ist es in dem Sinn, dass es zeigt, dass Frauen alles schaffen können – auch allein. Natürlich ist es wünschenswert, dass sich die Männer in Sachen Haushalt und Kinder ausreichend einbringen, aber tun sie es nicht, könnten sich beispielsweise die Frauen stärker solidarisieren.

Der Anteil der Frauen an der familiären Pflege stagniert seit Jahren bei 60 Prozent.
Wenn Sie mit familiärer Pflege das Kümmern um die Kinder meinen, dann Vorsicht. Es gibt Frauen, die entscheiden sich bewusst dafür. Wir entmündigen sie, wenn wir ihnen diese Entscheidung nicht zugestehen. Ich bin im Übrigen dagegen, die Rollen vollständig aufzulösen. Das heißt nicht, dass ich meinem Partner hinterherputze. Aber er ist ein Mann, ich bin eine Frau, wir sind unterschiedlich. Ich will den Mann, den ich liebe, nicht, weil er so ist wie ich, sondern auch, weil er anders ist. Anziehungskraft entsteht aus Differenz. Mein Partner repariert zum Beispiel gern und kann sich mit unendlicher Geduld in kleinteilige Bedienungsanleitungen vertiefen. Für mich ist stets nur wichtig, dass ein Ding funktioniert. Das Wie und Warum kümmert mich nicht.

Das ist doch sozial so erlernt!
Seit ich Kinder habe, glaube ich nicht mehr daran, dass geschlechtsspezifisches Verhalten nur ein soziales Konstrukt ist. Der Mensch kommt nicht voraussetzungslos auf die Welt. Die Genetik spielt eine ebenso große Rolle. Bei meiner großen Tochter war ich noch extrem feministisch eingestellt, dachte, da stelle ich keine Puppen hin, die kriegt Bagger und Polizeiautos zum Spielen. Die haben sie gar nicht interessiert. Während stundenlanger Spielplatzbesuche habe ich immer wieder beobachtet: Kleine Mädchen interessieren sich eher für andere Kinder, Jungs eher für Dinge.

Klingt sehr nach Klischee.
Das ist zunächst mal eine Beobachtung: Die meisten kleinen Jungs gucken an jeder Baustelle dem Bagger zu, die meisten kleinen Mädchen nicht.

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