Anna Loos ist mit 17 aus der DDR geflüchtet, weil sie nicht Musik studieren konnte. Foto: Kristian Schuller
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Interview mit Anna Loos „Ich habe meine Eltern sehr enttäuscht“

Soll sie etwa Näherin werden? Die Planung beginnt mit einem DDR-Schulatlas. Hier erzählt Anna Loos die Geschichte ihrer Flucht.

Frau Loos, Ihr neues Album heißt „Werkzeugkasten“. Das passt zu Ihnen als Hobby-Schrauberin.

Heute mit diesen elektronischen Chips in den Autos kann ich nicht viel machen. Wenn der Wagen liegenbleibt, muss auch ich einen Notfalldienst rufen, der die Platine wechselt. Aber mit alten Autos kenne ich mich aus, weiß, wo was sitzt, was kaputt sein könnte.

Wertvolles Wissen.

Ich war mal für die Charity-Organisation „One“ unterwegs. Von Ghana nach Namibia, teilweise mit dem Flugzeug, teilweise mit dem Jeep durch die Wüste, von Dorf zu Dorf. Einmal fing der Wagen vorne an zu dampfen, der Fahrer war ganz aufgeregt, weil wir vor Sonnenuntergang an einem kleinen Flugplatz sein mussten. Mir war klar, das kann nur der Kühler sein. „Bringt mir mal eure Wasserflaschen“, habe ich gesagt, „und gebt dem Auto fünf Minuten Pause.“ Dann habe ich die Motorhaube aufgeklappt, den Kühler vorsichtig mit dem T-Shirt aufgemacht, Wasser reingeschüttet – und wir konnten weiterfahren. Einfache Sache, muss man nur wissen. Im Auto saß auch Bono, der Sänger von U2. Er war total beeindruckt. Seitdem bin ich für ihn die Anna, die alles kann.

Wie haben Sie die Schrauberei gelernt?

Durch meinen Vater und sein Autofaible. Er hat alte Gurken aufgekauft, ging in Ost-Berlin auf den Automarkt, wo auch mal West-Fahrzeuge landeten, natürlich megagebraucht. Die hat er sich in die Garage gestellt und wieder aufgemöbelt. Einmal fand er einen richtigen Cadillac. So wie der von Elvis Presley, vorne war ein Plattenspieler drin. Damit haben wir „Peter und der Wolf“ gehört.

Sie sind in Brandenburg aufgewachsen. Mit 16 haben Sie den Moped-Führerschein gemacht und als Erstes Ihre Maschine frisiert.

Ja, klar. Ich habe die Kolben geschliffen, damit sie schneller fährt. Weil die Stoßdämpfer so langweilig aussahen, habe ich mir welche für größere Motorräder gekauft, die geschwungen waren wie eine Kugelschreiberfeder. Mein Onkel arbeitete in der Galvanisation, der hat sie für mich verchromt, richtig schick.

Können Sie Menschen verstehen, die heute mit getunten Karren durch Berlin fahren?

Ich kann verstehen, dass jemand sein Fahrzeug liebt und es optimieren will. Neue Reifen rauf, tieferlegen, das Auto pflegen, da bin ich dabei.

Auch beim Tempolimit auf Autobahnen?

Auf einem Motorrad zu sitzen und Gas zu geben, das ist schon ein starkes Gefühl von Unabhängigkeit und Freiheit. Das kann kein Flieger oder Zug der Welt bieten. Aber sich auf einer normalen Straße um den Verstand zu rasen, wo man das Leben von Leuten riskiert, lehne ich ab. Finde ich fahrlässig – und begrüße, wenn das stärker geahndet wird.

Welche Motorradstrecke ist für Sie die schönste?

Die alte Straße nach Rügen hoch, von Berlin entlang der B96. Wir haben vor ein paar Jahren ein kleines Ferienhaus auf der Insel gebaut, da bin ich oft mit dem Motorrad hin. Ein Fischer nimmt mich mit raus auf die Ostsee zum Angeln. Ich habe dort tolle Angelkumpels. Thomas Rothe, dem der Prater in Prenzlauer Berg gehört, und Till, der Sänger von Rammstein.

Worüber unterhalten Sie sich mit Till Lindemann auf dem Boot?

Über Fische, über Musik, über Gott und die Welt. Leider haben wir das seit Langem nicht mehr gemacht, muss ich dringend ändern.

Eigentlich heißt es beim Fischen: Mund halten.

Stimmt für mich nicht. Endlich hat man Zeit, sich mit Freunden auszuquatschen. Auf dem Meer musst du nicht ruhig sein. Beim Angeln kriegt man einen Sauerstoffflash, am Ende holt man einen Fisch raus, der am selben Tag verarbeitet wird. Das ist einer der höchsten Akte der Entspannung.

Und wer tötet den Fang?

Ich mache es schnell, bevor die Fische groß leiden und ständig nach Luft schnappen. Wer essen will, muss auch draufhauen können.

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