Ricardo Lange an einem freien Tag in seinem Garten. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
© Doris Spiekermann-Klaas

Intensivpfleger über hochansteckende Krankheiten „Handschuhe schützen nicht vor Viren“

Umfassende Hygienemaßnahmen sind für ihn nicht neu. Intensivpfleger Ricardo Lange über Superkeime und die Lehren von Corona.

Ricardo Lange , 38, ist Intensivpfleger in Berlin. Hier berichtet er jede Woche vom Kampf gegen das Coronavirus - und über die Mühen des Klinik-Alltags.

Die Corona-Pandemie hat uns in den vergangenen Monaten eine Menge beigebracht. Auch Menschen, die nicht in Kliniken arbeiten, haben gelernt, sich richtig die Hände zu waschen, in die Armbeuge zu niesen und Räume zu lüften. Wir versuchen nun alle, uns seltener ins Gesicht zu fassen.

Wir sollten diese Verhaltensweisen nicht gleich wieder vergessen. Experten schätzen, dass bis zu 30 von 100 Infektionen durch Hygienemaßnahmen vermieden werden könnten. Wenn wir uns in der U-Bahn an Stangen festhalten, auf Parkbänken Stullen essen, unser Obst nicht richtig waschen oder unser Handy bedienen, während wir auf Toilette sind, kommen wir oft mit Krankheitserregern in Kontakt. Die geben wir beim Händeschütteln weiter. Viele Menschen tragen multiresistente Keime in sich und wissen gar nichts davon.

„Wir streichen jeden Patienten ab“

Dramatisch wird es, wenn diese dann in der Klinik landen, wo sie auf ohnehin geschwächte Patienten treffen. Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa 500 000 Menschen an solchen nosokomialen Infektionen, also welchen, die sie irgendwo im medizinischen System aufschnappen. Bei meiner Arbeit auf der Intensivstation habe ich es immer wieder mit diesen multiresistenten Erregern zu tun. MRE sagen wir dazu.

[Behalten Sie den Überblick über die Corona-Entwicklung in Ihrem Berliner Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihre Nachbarschaft. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de. ]

Deshalb streichen wir jeden Patienten, der neu bei uns aufgenommen wird, mehrfach ab. Erst mit einem Wattestäbchen im Mund bis zum Rachen, anschließend beide Nasenlöcher. Dann machen wir mit einem anderen Wattestäbchen einen rektalen Abstrich. Wenn der Patient mit einer Trachealkanüle kommt, saugen wir Sekret ab, fangen es in einer sogenannten „Falle“ auf. Auffällige Wunden streichen wir ebenfalls ab.

Bis zum Ergebnis dieser Tests werden die Patienten normalerweise von Ärzten, Therapeuten und Pflegern ohne aufwändige Schutzkleidung versorgt. Erst, wenn sich hinterher herausstellt, dass sie einen solchen Keim in sich trugen, isolieren wir sie.

Patienten mit Superkeimen

Manche Kliniken isolieren Risikopatienten, beispielsweise aus Altenheimen, automatisch bis zum Testergebnis. Besser wäre es, wir könnten es mit allen Patienten so handhaben - in den Niederlanden ist das der Fall. Aber dort wird insgesamt mehr Geld ins Gesundheitssystem gesteckt und die Krankenhäuser müssen auch keine Fallpauschalen abrechnen.

Besonders tückisch ist das Bakterium Acinetobacter baumannii, das eine Lungenentzündung oder Sepsis auslösen kann. Ein Patient mit einem solchen Superkeim braucht eine 1:1-Betreuung. Ich bleibe den ganzen Tag auf seinem Zimmer, bin von Kopf bis Fuß geschützt: Kittel, Haube, Atemschutzmaske, abwaschbare Schuhe.

[Die anderen Folgen der Kolumne "Außer Atem" mit Ricardo Lange lesen Sie hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier]

Weil es zu lange dauern würde, mich immer vollständig umzukleiden, um die Keime nicht zu verschleppen, betreuen meine Kollegen in solchen Schichten mehr Patienten. Manchmal sind es bis zu vier, die sie dann inklusive Beatmungsschläuchen und Drainagen waschen, lagern und mobilisieren müssen. Bei Personalmangel passieren natürlich leichter Fehler.

Hauptübertragungsweg sind immer die Hände. Normalerweise desinfizieren wir sie gründlich vor und nach jedem Patientenkontakt. In Schulungen üben wir das, halten sie unter Schwarzlicht, um unsere Schwachstellen kennenzulernen. Trockene Haut macht es Keimen leichter, sich anzusiedeln, deshalb steht überall Lotion.

Handschuhe, das lernen wir ebenfalls von Corona, ersetzen kein Händewaschen. Sie schützen nur vor grober Verschmutzung wie Blut, Exkrementen oder Speichel - nicht vor Viren oder Bakterien und vermitteln außerdem eine trügerische Sicherheit.

Auch die Arbeitsflächen, an denen wir Medikamente abmischen und Infusionen aufziehen, reinigen wir in jeder Schicht. Regelmäßig guckt eine Hygienefachkraft, ob wir uns korrekt die Hände desinfizieren und die Medikamente ausreichend beschriftet oder fachgerecht gekühlt werden.

Immer mehr Resistenzen

Ich sehe mit Sorge, dass immer mehr Bakterien gegen Antibiotika resistent werden, 3MRGN oder 4MRGN bedeutet, dass sich die Keime schon gegen drei oder vier Antibiotika-Gruppen aufgestellt haben. Durch die Massentierhaltung essen wir Fleisch, das bereits Antibiotikum enthält und manche Ärzte verschreiben es bei Erkältungssymptomen, die ohnehin von Viren kommen oder setzen Breitbandpräparate bei simplen Blasenentzündungen ein.

Viele Patienten brechen die Behandlung auch zu frühzeitig ab. Was, wenn wir irgendwann keine wirksamen Antibiotika mehr haben? Nicht nur Corona kann lebensgefährlich sein.

Die Klinik, in der Ricardo Lange arbeitet, gehört zu den 16 Einrichtungen in Berlin mit einem Corona-Schwerpunkt. Seine Kolumne "Außer Atem" erscheint immer Samstags im Print in "Mehr Berlin".

Zur Startseite