Andreas Dresen (li.) und Andres Veiel. Foto: Mike Wolff
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Innerdeutsche Beziehungen „Ich war in der FDJ“ – „Du hattest keine Wahl“

Zwischen Schwerin und Stuttgart: Die Regisseure Andreas Dresen und Andres Veiel sprechen über deutsch-deutsche Biografien und Verzweiflungsbiere. Ein Interview.

Andreas Dresen, 56, und Andres Veiel, 60, sind seit den 90er Jahren befreundet und gehören, vielfach preisgekrönt, zu den wichtigsten deutschen Filmregisseuren. Beide inszenieren auch am Theater.

Dresen, der in Schwerin aufwuchs, wurde mit Filmen wie "Halbe Treppe", "Sommer vorm Balkon", "Halt auf freier Treppe" und der Doku "Herr Wichmann von der CDU" bekannt. Sein jüngstes Werk "Gundermann" bekam beim Deutschen Filmpreis sechs Lolas. In de USA wurde er gerade für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Seit 2012 ist er Verfassungsrichter im Land Brandenburg.

Andres Veiel studierte erst Psychologie, bevor er Regisseur wurde. Der gebürtige Stuttgarter ist bekannt für seine gründlichen Recherchen, die sich oft über Jahre hinziehen, so wie bei "Die Spielwütigen", "Beuys" und "Black Box BRD". 2017 erhielt der Wahlberliner des Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.

Herr Dresen, Herr Veiel, Sie sind gute Freunde und beide Regisseure. Könnten Sie sich vorstellen, einen Film zusammen zu machen?
VEIEL: Nein.

DRESEN: Ja.

Das müssen Sie erklären!
VEIEL: Unsere Nähe kommt gerade aus den Unterschieden heraus …

… Sie stammen aus ganz anderen Welten: Herr Veiel aus einer konservativen Anwaltsfamilie in Stuttgart, Herr Dresen ist als Kind von Theatermachern in Schwerin groß geworden.

VEIEL: Ich finde unsere Spiegelidentität interessant. Den Blick des anderen auf das Eigene.

DRESEN: Wir müssten etwas finden, wo genau das, was Andres als Stärke beschreibt, das Projekt ausmacht. Wenn wir eine Ost-West-Geschichte hätten, bei der ich den West-Teil inszeniere und Andres den Ost-Teil …

VEIEL: Ja, so würde es gehen.

Schauen Sie denn wenigstens zusammen Filme an?
VEIEL: Die wenige Zeit, die wir haben, nutzen wir zum Reden. Wir gehen schwimmen, manchmal spazieren oder sitzen einfach nur am Feuer.

Sie treffen sich nicht in Berlin, wo Herr Veiel wohnt?
VEIEL: Ich fahre lieber raus nach Potsdam, schon der Weg mit der S-Bahn hierher ist Erholung. Andi hat einen sehr schönen Garten mit Eichhörnchen, die Kunststückchen machen.

DRESEN: Ich bin mäßig gern in der Stadt. In Schwerin groß geworden, in Potsdam hängen geblieben – ich bin so ein Provinzonkel.

Sie haben an der Babelsberger Filmhochschule studiert, Herr Dresen, als die Mauer fiel. Wo waren Sie am 9. November 1989?
DRESEN: Im Bett. Die Pressekonferenz von Schabowski habe ich auf meinem winzigen Schwarz- Weiß-Fernseher im Studentenwohnheim gesehen. Ich habe es keineswegs so verstanden, dass die Mauer offen ist, ich dachte, jetzt gibt’s ein Visum. Am 10. November bin ich rüber. Meine Hauptsorge war, ob ich zurückkomme, ich habe ewig mit den Grenzern diskutiert. Dann stand ich auf dem Brandenburger Tor, guckte rüber in den Osten ...

… und haben gejubelt?
DRESEN: Für mich war die Mauer ein Teil meiner Realität, die habe ich nie infrage gestellt. Da oben habe ich zum ersten Mal gemerkt, verdammt, das ist ja ein Tor, durch das man durchgehen kann, keine Grenze. Alle schrien „Wahnsinn, Wahnsinn!“. Und ich dachte, der Wahnsinn ist, dass ich bisher nicht hier gestanden habe. Ich habe geheult und im selben Moment gedacht, ich werde mir nie wieder im Leben von irgendeiner Autorität irgendwas als gegeben darstellen lassen.

VEIEL: Für mich war die Mauer eine deutsche Wunde, eine Verletzung. Als sie weg war, hatte ich das Gefühl, in einer Zeit zu leben, in der alles möglich schien. Das war für mich der berufliche Aufbruch. Ich habe beschlossen, nach meinem Psychologiestudium nicht zu promovieren, sondern Regisseur zu werden, ohne zur Filmschule zu gehen. Mit der Wende kam die Entscheidung, ins kalte Wasser zu springen und halt nur noch Pizza Margarita zu essen. Funghi war nicht mehr drin.

Andreas Schmidt ("Ronald") und Nadja Uhl ("Nike") in "Sommer vorm Balkon" von Andreas Dresen. Foto: RBB/X Filme Vergrößern
Andreas Schmidt ("Ronald") und Nadja Uhl ("Nike") in "Sommer vorm Balkon" von Andreas Dresen. © RBB/X Filme

Hatten Sie überhaupt einen Bezug zur DDR?
VEIEL: Meine Mutter lebte in den 50er Jahren in Thüringen, war in der CDU und stand auf der Fahndungsliste, weil sie sich in der Blockpartei nicht einfinden wollte. Der Mann meiner Tante war von Russen erschossen worden, ihr Kind im russischen Lager gestorben, diese Russenphobie hat mich geprägt, die DDR war für mich angstbesetzt. Daher habe ich gesagt, ich lasse mich von diesem Schreckgespenst nicht einschüchtern. Die Grenze ist da, aber ich gehe hin und her. Manchmal habe ich nur Farben gekauft, weil es dort so schöne gab, oder bin bloß für eine halbe Stunde geblieben. Dann fragte der Grenzer: Hat’s Ihnen bei uns nicht gefallen?

Herr Dresen, Sie konnten zu der Zeit noch nicht so einfach hin und her fahren.
DRESEN: Nee. Aber wir hatten mit Lothar Bisky einen sehr liberalen Rektor an der Babelsberger Filmhochschule. Der hat versucht, alles für uns möglich zu machen. 1988 fuhr ich das erste Mal in den Westen, zum Filmfestival nach Graz. Ich hätte bleiben können, sofort eine Wohnung gehabt, studieren können. Mein Vater lebte seit Langem dort.

Was hat Sie im Osten gehalten?
DRESEN: Ich hätte das Drübenbleiben als Verrat an mir selbst empfunden. Ich war der Meinung, wenn einem was nicht passt, muss man versuchen, es zu verändern und nicht weglaufen. Außerdem sah ich den Sozialismus als besseres Gesellschaftskonzept an. Keine Ausbeutung, viel sozialer – die Idee war ja nicht schlecht. Im Mai ’89 waren wir dann in Paris, Lothar Bisky hat 30 Filmstudenten dahin bugsiert.

Wie viele sind zurückgekommen?
DRESEN: Alle. Paris im Frühling, das war für mich ein Schockerlebnis. Ich konnte nicht akzeptieren, dass einem so was verwehrt wird! Das Ungerechtigkeitsgefühl wurde stärker. Ich kam nach Hause, hab mich an die Schreibmaschine gesetzt, einen deftigen Artikel geschrieben und ihn an die Hochschul- Wandzeitung geheftet. Zwei Tage später war er natürlich weg. Vier Tage später hing er wieder. Bisky hatte das angeordnet. Ich hatte schon eine Sehnsucht nach dem Westen und das Gefühl, das Leben geht ein bisschen an uns vorbei, und das ist eine Sauerei. Aber ich wollte im Grunde meines Herzens die DDR reformieren, mit offenen Grenzen, einer funktionierenden Demokratie.

Stasiunterlagenbehörde in Berlin-Lichtenberg. Foto: Thilo Rückeis. Vergrößern
Stasiunterlagenbehörde in Berlin-Lichtenberg. © Thilo Rückeis.

Also der sogenannte Dritte Weg?
DRESEN: Im Herbst ’89 haben viele so gedacht, auch an eine Konföderation.

VEIEL: Das war eine ganz zarte Pflanze im Dezember, Januar, Februar – ein kurzer Winter der Möglichkeiten.

Ein sehr kurzer.
DRESEN: Als wir uns kennenlernten, Anfang der 90er Jahre, hatte ich mich politisch zurückgezogen, weil ich ziemlich enttäuscht war, was nach der Wende gelaufen ist. Es war interessant, Andres’ Film „Die Überlebenden“ zu sehen …

… eine dokumentarische Auseinandersetzung mit der Selbsttötung von drei Mitschülern …
DRESEN: Das ist eine der merkwürdigen Parallelen zwischen uns: Auch bei mir haben sich drei Klassenkameraden das Leben genommen. In Andres’ Film habe ich den Kampf einer gleichaltrigen Generation West gesehen, in dem ich mich gut spiegeln konnte. Diese Form von Desillusionierung im Umgang mit den Eltern. Ich merkte plötzlich, so groß sind die Entfernungen nicht zwischen Stuttgart und Schwerin.

VEIEL: Wir haben dann zeitgleich angefangen, uns mit RAF-Geschichten zu beschäftigen, ich mit Birgit Hogefeld, Andreas mit Inge Viett.

Bei Ihnen lag das Thema nahe, Sie haben als Schüler im RAF-Prozess gesessen. Aber was hat Sie daran gereizt, Herr Dresen?
DRESEN: Inge Viett war in der DDR untergetaucht. Mich hat die 68er-Generation interessiert, wie sie versucht hat, die Gesellschaft umzukrempeln – so wie wir ’89 – und ebenfalls scheiterten.

VEIEL: Zwischenzeitlich kamen mir unsere Treffen wie eine Selbsthilfegruppe vor.

Zur Terrorbewältigung?
VEIEL: Nein, übers Filmemachen. Man muss sich das vorstellen wie auf einem Schleudersitz: Du hebst ab, und plötzlich kommt jemand wie die Witwe von Alfred Herrhausen ...

... der Banker wurde 1989 von der RAF ermordet ...
VEIEL: ... und erklärt, ich steige aus. Ich hatte schon zweieinhalb Jahre daran gearbeitet. Und Andi sagt, komm, jetzt trinken wir erst ein Bier.

DRESEN: Wenn Not ist und einer ein Verzweiflungsbier braucht, verabreden wir uns kurzfristig. Wir schreiben uns zwischendurch SMS, der andere spürt, wenn man eine helfende Hand braucht.

Hat Ihnen die RAF vor ’89 überhaupt was gesagt?
DRESEN: Klar. Den Deutschen Herbst habe ich mit 14 im Fernsehen verfolgt. Wie einen Krimi, mit einer gewissen Distanz.

Bombenattentat auf den Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG, Alfred Herrhausen, getötet. Thema von Veiel in "Black Box BRD" Foto: dpa/dpaweb Vergrößern
Bombenattentat auf den Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG, Alfred Herrhausen, getötet. Thema von Veiel in "Black Box BRD" © dpa/dpaweb

Wie hat es Ihr Bild der RAF verändert, Herr Veiel, als herauskam, dass Mitglieder in der DDR untergetaucht waren, mit einer völlig neuen Identität?
VEIEL: Es gab ja eine ganz merkwürdige Mehrgesichtigkeit in den Lebensläufen. Ein Freund von Wolfgang Grams ...

… dem RAF-Mitglied, von dem Sie in Ihrem Film „Black Box BRD“ erzählen ...
VEIEL: … berichtete vor der Kamera, dass Grams ihn immer herausgefordert hatte: Du musst so viel Hass in dir haben, dass es möglich ist, jemand mit den eigenen Händen zu erwürgen. Er habe dann bedauert, dass er diese Konsequenz nicht hatte. Das erzählte er in seinem Kleingarten, als Steuerberatergehilfe, der Angst hatte, rausgeworfen zu werden, wenn er so was sagt. Es waren nicht die Che-Guevaras, die wir uns gewünscht hatten, sondern Menschen, die mit der Schubkarre das Bier transportieren und die frisch gewaschenen radikalen Transparente in ihrem Kleingarten aufhängen. Diese Gleichzeitigkeit hat mir gezeigt, dass es ein sehr deutscher Terrorismus war.

Eine historische Dimension der Stoffe scheint Ihnen beiden wichtig zu sein.
DRESEN: Historisch, das Wort ist vielleicht für einige Filme etwas groß. Aber mir geht es darum, dass die Figuren eine genaue Biografie haben, manchmal seitenlang ausgearbeitet. Man verhält sich ja auf eine bestimmte Art, weil man irgendwo herkommt, bestimmte Erfahrungen gemacht hat.

VEIEL: Uns geht es um die Brüche in Biografien, die getränkt sind durch die deutsche Geschichte.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung?
VEIEL: Das muss 1994 gewesen sein, Andreas hatte mich eingeladen zu einem Gespräch über „Balagan“.

Die Dokumentation über eine israelisch-palästinensische Theatertruppe, die ein Stück über den Holocaust inszeniert.
VEIEL: Die Art, wie er gefragt hat, die Wachheit und Neugierde, hat dazu geführt, dass wir gleich über uns geredet haben. Die Nähe hatte auch mit unseren Vatergeschichten zu tun. Bei dem Podiumsgespräch sind wir schnell persönlich geworden, ich habe von meinem Großvater erzählt, der General im Russlandfeldzug war, und von meinem Offiziersvater. Damals hatte ich mit ihm viele Auseinandersetzungen, gerade in Zusammenhang mit „Balagan“. Er sagte: Ich muss mich von dir nicht verhören lassen, du bist ein Wahrheitsfanatiker. Als ich kurz darauf beim Duisburger Filmfestival Adolf Dresen erlebte, habe ich Andi beneidet.

Wie war Vater Dresen?
VEIEL: Andis Film „Kuckuckskinder“, über Heimzöglinge, wurde in Duisburg sehr angegriffen. Und da stand dieser ältere Herr auf und hat seinen Sohn mit Vehemenz verteidigt. Mein Vater hätte mich nie so rausgehauen. Film war potenziell immer eine Waffe gegen ihn.

DRESEN: In der Öffentlichkeit war mein Vater total loyal, intern super kritisch. Ich hatte immer Angst, wenn er in den Schneideraum kam, da hat er mich schon zur Sau gemacht, die Filme auseinandergenommen, die Finger in die Wunden gelegt.

Geben Sie sich untereinander kritische Ratschläge?
VEIEL: Als Andreas vor sieben Jahre Verfassungsrichter in Brandenburg werden sollte, hat er mich gefragt, ob er das machen soll. Ich habe ihm zugeredet, unbedingt! In die gesellschaftliche Gestaltung reinzukommen, wohin die Fragestellungen der Filme und Stücke weitergetragen werden – darum geht’s mir. Interessanterweise hat Andreas einmal zu mir gesagt: Mensch, pass auf, dass du nicht Politiker wirst.

Sie waren mal aktiv in der Politik.
VEIEL: Eine Jugendsünde. Ich habe den Ortsverband Junge Union in Stuttgart-Möhringen als 15-Jähriger gegründet, und bin als 16-einhalb-Jähriger wieder ausgetreten.

DRESEN: Ich war in der FDJ.

VEIEL: Das ist doch ein Unterschied, du hattest keine Wahl.

Sie klingen beide so harmonisch, wenn Sie erzählen. Streiten Sie sich nie?
VEIEL: Nein. Für mich geht es nicht darum, über den Unterschied von Erfahrungen zu streiten, sondern zu fragen: Wie kommst du zu deiner Sichtweise? Warum ist das für dich wichtig?

DRESEN: Wir sind uns an vielen Punkten zu ähnlich, als dass es einen krassen Streit geben würde.

Sie haben beide in jungen Jahren Marx studiert.
VEIEL: Das Kommunistische Manifest habe ich als Schüler mit großer Begeisterung gelesen, ich fand die Poesie sehr schön. Im Moment lese ich noch mal von Heiner Müller „Die gesammelten Irrtümer“, zum fünften Mal. Es ist grandios, wie pointiert er bestimmte Dinge auf den Punkt bringt. Ich bin mit der DDR nicht fertig.

Und Sie, Herr Dresen? Haben Sie abgeschlossen?
DRESEN: Natürlich nicht, warum sollte ich. Das würde ja heißen, dass ich mit einem Stück meiner eigenen Biografie komplett fertig bin. Ich finde es wertvoll, sich damit immer wieder zu beschäftigen. Nicht aus nostalgischen Gründen, sondern um sich auseinanderzusetzen mit der jetzigen Welt. Eine Gesellschaft, die auf permanentem Wachstum basiert, kann nur in einer absoluten Katastrophe enden.

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