Der Komiker Dieter Nuhr steht bei der Aufzeichnung der Verleihung des diesjährigen Deutschen Comedypreises auf der Bühne. Foto: Henning Kaiser/dpa
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„Ich hasse Männer. Alle, wirklich? Ja, alle“ Warum „alle“ sagen richtig ist, auch wenn es nie stimmt

Generalisierungen beschreiben strukturelle Probleme. Es gilt: Die Schuld trifft sicher nicht alle in gleichem Maße, die Verantwortung schon. Eine Kolumne.

Wie viel Befreiungspotenzial steckt im Hass? Für Pauline Harmange eine ganze Menge. Die französische Autorin sorgt derzeit mit ihrem Essay „Ich hasse Männer“ für Aufsehen, in dem sie den gewaltlosen Männerhass als emanzipatorischen Freiheitskampf und Grundlage einer starken „Schwesternschaft“ unter Frauen darstellt. Als sei der Titel nicht schon aussagekräftig genug, hält sie im Essay noch einmal unmissverständlich fest: „Ich hasse Männer. Alle, wirklich? Ja, alle.“

Einem Berater des französischen Gleichstellungsministeriums ging das zu weit, er drohte mit einer Anzeige wegen Anstiftung zum Hass. Harmloser aber ähnlich kritisch wird Harmanges Streitschrift in den Feuilletons diskutiert. Da wagt es jemand, ein gesamtes Geschlecht unter Generalverdacht zu stellen! Denn laut Harmange „entgleisen“ alle Männer früher oder später. Auch die vermeintlich guten. Von der empirischen Beweislage mal abgesehen, gelten Generalverdächtigungen als gesellschaftspolitisches Tabu. Das gilt für das linksautonome „All Cops Are Bastards“ wie für rechtsnationale und ausländerfeindliche Parolen.

Die Pauschalkritik passt nicht zum pluralistischen und liberalen Diskurs, der sich durch Differenzierung bis ins Kleinklein auszeichnet. Wer generalisiert, diskriminiert. Doch dabei müsste der Rundumschlag nicht als intolerant oder ausgrenzend aufgefasst werden, vielmehr kann er dabei helfen, Diskriminierung zu bekämpfen, indem er Machtverhältnisse in Frage stellt.

Manchmal muss man jenseits der etablierten Vorstellungen nach Wahrheiten suchen. Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa Vergrößern
Manchmal muss man jenseits der etablierten Vorstellungen nach Wahrheiten suchen. © Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Nicht nur Harmange, sondern auch die deutsche Autorin Alice Hasters musste sich jüngst den Vorwurf der böswilligen Verallgemeinerung anhören und zwar von der populistischen Ulknudel Dieter Nuhr. Der warf Hasters vor, ihr Buchtitel „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ sei „rassistisch“ gegenüber Weißen, weil ihnen aufgrund ihrer Hautfarbe Fremdenfeindlichkeit unterstellt werde. Damit provozierte er eine klassische TäterInnen-Opfer-Umkehr, die Hasters zu einer Klarstellung veranlasste: „Alle Menschen sind rassistisch sozialisiert“, schrieb sie auf Twitter und „Weiße Menschen sind durch Rassismus privilegiert.“

Weder Hasters noch Harmange wollen allein mit Verallgemeinerungen oder Feindbildern provozieren, sondern systematische Probleme thematisieren, die eine radikale Kritik erfordern. Die Schuld trifft hier sicher nicht alle in gleichem Maße, die Verantwortung schon. Im Zuge von #MeToo etwa kam es immer wieder zu reflexartigen „Aber nicht alle Männer sind schlecht“-Beteuerungen, als müsse eine empirische Evidenz ins Feld geführt werden.

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Aber es geht, wie Harmange erklärt, nicht um jeden einzelnen Mann, sondern um die „soziale Gruppe“ und deren Privilegien. Auch Hasters geht es nicht um individuelle Hautpigmentierung, sondern um soziale Konstrukte und Machtverhältnisse.

Der vermeintliche Generalverdacht stellt hier lediglich sicher, dass jede*r sich und die eigene Position im sozialen Machtgefälle hinterfragen soll: „Check your privilege.“ Denn man muss nicht aktiver Teil der Diskriminierung sein, um diese trotzdem zu fördern. Ignoranz und Schweigen reichen schon. Natürlich ist auch ein solcher Generalverdacht bewusst überzogen, aber eben nicht unterdrückend, sondern befreiend für die, die in einer liberalen und gleichberechtigten Gesellschaft leben wollen. Das sind vielleicht nicht alle, aber viele.

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