Auf den ersten Blick vertraut. Auf den zweiten verblüffend anders: Peter Barkers Holmes Road Studios in London. Foto: Peter Barber Architects
© Peter Barber Architects

Hymne auf ein solides Baumaterial Warum der Backstein eine Renaissance erlebt

Er ist so alt wie die Architektur – und jetzt endlich wieder modern. Der Backstein ist das Gegengewicht zu den allgegenwärtigen Glaskathedralen.

Lustig sehen sie aus, die poppig bunten Türen, die Bullaugen als Fenster, die lebendige Front – kein Backstein wie der andere. Und oben drauf als Krönung eine Art wogendes Meer. Man weiß nicht genau, sind es Bade- oder englische Reihenhäuschen?

Weder noch. Die Holmes Road Studios im Londoner Norden ist ein Obdachlosenheim. Eins ohne lange dunkle Flure, von denen anonyme Zimmer abgehen. Peter Barber wollte jedem der 30 Bewohner ein – wenn auch winziges – eigenes, individuelles Zuhause auf Zeit geben.

Der preisgekrönte Baumeister, den der „Guardian“ als einen der originellsten Architekten der Gegenwart beschreibt, hat einen Bau geschaffen, der allein durch sein Material etwas Vertrautes ausstrahlt, und dabei doch ganz eigenwillig wirkt. Zu dem gewellten Dach zum Beispiel hat ihn die Gartenmauer seiner Tante inspiriert. In England nennt man so was crinkle crankle wall.

Barber, der mit seinem Büro in einem hutzeligen viktorianischen Backstein-Reihenhäuschen in Londons King’s Cross sitzt, ist Konvertit. In jüngeren Jahren hat der heute 59-Jährige bei Hightech-Meistern wie Richard Rogers gearbeitet, wo es immer um ein Ziel ging: „Wie leicht kann ein Gebäude sein?“. Bis er eines Tages, in der Ausstellung eines mexikanischen Architekten, das Massive, Dauerhafte, Stabile für sich entdeckte. Er nennt es sein Erwachen.

Der Brite ist nicht der Einzige, den es gepackt hat

Barber hat sich spezialisiert auf sozialen Wohnungsbau. Aber bei seinen verputzten Gebäuden musste er bald feststellen: Sie können noch so schön aussehen nach der Fertigstellung – wenn sie nicht gepflegt und regelmäßig neu gestrichen werden, wirken sie ganz schnell schäbig. Viele seiner Auftraggeber, erzählt Barber, sind große Wohnungsbaugesellschaften, die selten vor Ort sitzen. „Die merken nicht unbedingt, wenn ihre Gebäude anfangen, müde zu werden.“ Und kümmern sich, ob aus Mangel an Personal, Geld oder Lust, nicht unbedingt darum.

Backstein dagegen, stellte Barber fest – und in London hat er viel Anschauungsmaterial, die Stadt ist aus Ziegeln gebaut –, altert viel besser. „Würdevoller.“ Ganz ohne dass man was machen muss. Das heißt: Die Gebäude kosten auch weniger Unterhalt. Und sehen schillernder aus. Barber, Ästhet so sehr wie sozialer Pragmatiker, fasziniert die Vielfalt der Steine, die Lebendigkeit der Fassaden. „Selbst wenn die Sonne nicht scheint, haben diese Gebäude Charakter.“ Barber hatte all die glänzenden Hochhäuser aus Stahl und Glas, die in London hochschießen und so viel Kälte ausstrahlen, satt.

Der Brite ist nicht der Einzige, den es gepackt hat. Seit 10, 20 Jahren erlebt der Backstein eine Renaissance. In New Yorker und Berliner Lofts, Bars und Cafés sind nackte Backsteinwände so beliebt, dass sie schon zum Klischee verkommen sind. Erst wurde der Charme alter Industriebauten wiederentdeckt, dann völlig neue Gebäude entworfen. Der Taschen Verlag hat ein monumentales zweibändiges Werk herausgegeben, in dem 100 zeitgenössische Bauten aus der ganzen Welt vorgestellt werden. Allein in Deutschland gibt es inzwischen mehrere internationale Architektur-Preise, die dem Material mehr Aufmerksamkeit verschaffen – und Bauherren wie -meister ermutigen, den alten Stoff weiterzudenken. Denn seit 7000 Jahren schon ist dieser bekannt. Man musste den Lehm ja nur aus der Erde buddeln, dann wurde der Stein geformt und in der Sonne getrocknet und seit 3500 vor Christus gebrannt. Und zwar in der ganzen Welt, in Bangladesch und Finsterwalde, Japan und Holland, Indien und Vietnam.

In einer fragilen Welt wird das Solide wieder geschätzt

Interessanterweise entscheiden sich gerade moderne Museen heute oft für das archaische Material in seiner nackten Form als Hintergrund für zeitgenössische Kunst. Der Kontrast macht’s. In Peking trägt ein Haus sein Material sogar stolz im Namen: Red Brick Art Museum. Der überwältigende Erfolg der Londoner Tate Modern etwa hat viel mit dem Backsteingebäude und seiner Lage zu tun, einem Kraftwerk an der Themse, umgebaut vom Büro Herzog & de Meuron. Weil der Platz nicht mehr reichte, haben diese inzwischen, ebenfalls aus Backstein, einen modernen Anbau in Form einer gefalteten Pyramide dahinter gesetzt. Die Schweizer Stararchitekten haben das Material, das selbst in seiner hellen Form etwas Warmes ausstrahlt, auch in der Elbphilharmonie verbaut. In einer sehr hellen Ausfertigung haben sie ihn für ihren umstrittenen Entwurf des Museums der Moderne am Berliner Kulturforum eingeplant, und zwar drinnen wie draußen.

Das Kunstmuseum in Ravensburg von Lederer + Ragnarsdóttir + Oei. Foto: picture alliance / Rolf Schultes Vergrößern
Das Kunstmuseum in Ravensburg von Lederer + Ragnarsdóttir + Oei. © picture alliance / Rolf Schultes

Dabei gab es eine Zeit, da der Baustoff ziemlich verschrieen war, als altmodisch und behäbig galt. Dank all der klaustrophobischen Klinker-Eigenheime war er zum Inbegriff bundesrepublikanischer Spießigkeit geworden. Zuvor hatten die Nazis den Backstein schon ideologisch missbraucht, indem sie den traditionellen Baustoff für deutsch-national erklärten. Kein Wunder, dass dann nur noch Stahl, Glas und Beton als modern galten. Leicht und transparent sollten die Gebäude sein, nicht so schwer.

In einer Zeit, in der die Welt so fragil ist wie heute, wird das Solide, Erdverbundene wieder geschätzt. Wobei der Meinungswandel natürlich nicht nur etwas mit veränderten Einstellungen zu tun, sondern auch mit der Weiterentwicklung des Steins selbst und seiner enormen Vielfalt, von elegant bis rustikal. Rotbäckchen muss auch keineswegs rot sein, mehr denn je wird die ganze Palette der Farbigkeit ausgeschöpft, von hellgelb und zartgrau über pfirsichfarben und ocker bis zum fast schwarzen Anthrazit. Der Ton ist eine Sache des Lehms und der Brennung sowie neuer Techniken, die auch das Spektrum der Formen erweitern. Man kann damit glatte Fassaden schaffen oder durchlöcherte, kann einzelne Steine hervorspringen lassen. Geschätzt wird gerade das Physische, Dreidimensionale des Steins, seine skulpturale Qualität.

„Eine geniale Erfindung – so wie die Büroklammer“

Was Architekten wie den Stuttgarter Arno Lederer, bekennender Backstein-Enthusiast, außerdem so begeistert daran ist dessen menschlicher Maßstab: Ein Ziegel ist genau so groß, dass man ihn in der Hand halten kann – und in der anderen die Kelle. Das heißt, egal wie riesig der Bau, der daraus entsteht – das Gelände der polnischen Marienburg ist 52 Hektar groß, die St. Martins-Kirche in Landshut 133 Meter hoch –, die Dimension des einzelnen Ziegels bleibt immer sichtbar, gigantische Flächen wirken kleinteilig.

Für Lederer ist der Backstein „eine geniale Erfindung – so wie die Büroklammer“. Das wird jedes Kind bestätigen, das mit Lego spielt, was ja nichts anderes als Plastik gewordener Ziegel ist. Nur dass der Mörtel fehlt, den Lederer als wesentliches Gestaltungsmittel beschreibt: „Die Fuge ist wie die Pause in der Musik – was ganz Wichtiges.“

In seinem Studium hat Lederer, Jahrgang 1947, so gut wie nichts über all das gelernt. Wenn er heute als Professor über den Stoff redet, hören ihm gerade die Jungen zu. Denn Backstein ist ökologisch vorbildlich. Ein hundertprozentig natürlicher Baustoff, der in der Regel regional gewonnen wird, ohne weite Anfahrtswege. Gut, beim Brennen wird Kohlendioxid in die Luft geschossen, daran wird weiter gearbeitet. Die Ökobilanz der Herstellung von Beton fällt aber immer noch dreimal so schlecht aus.

Backstein lässt sich recyceln, pardon wiederverwenden

Außerdem kann man mit Backstein eine natürliche Klimatisierung erzeugen, weshalb er gerade in heißen Ländern so beliebt ist. Bestes Beispiel: das sogenannte Termitenhaus des vietnamesischen Büros Tropical Space, das mit dem Fritz-Höger-Preis für Backsteinarchitektur ausgezeichnet wurde.

Das Termitenhaus vom Büro Tropical Space in Vietnam. Foto: Oki Hiroyuki Vergrößern
Das Termitenhaus vom Büro Tropical Space in Vietnam. © Oki Hiroyuki

Zudem ist der Backstein beständig, sprich nachhaltig, muss er doch nicht alle paar Jahrzehnte erneuert werden und hinterlässt im Falle des Abrisses keinen Giftmüll, der mühsam entsorgt werden muss. Im Gegenteil: Backstein lässt sich recyceln. Das wussten schon die Trümmerfrauen.

Nicht recycelt, verbessert Lederer, das wäre ja ein industrieller, auch wieder energiefressender Prozess der Aufarbeitung. Wiederverwertet, muss es heißen. So hat es sein Büro Lederer + Ragnarsdóttir + Oei 2013 in Ravensburg mit dem gefeierten Kunstmuseum getan, dem ersten zertifizierten Passivhaus-Museum weltweit. Wobei die Architekten die historischen Steine nicht selber klopfen mussten – sie beziehen sie, auch für andere Projekte, von einem Händler, der darauf spezialisiert ist. Denn ein handgefertigter Stein mit der Patina von 100, 200 Jahren oder mehr hat einfach mehr Charakter als ein am Fließband produzierter von heute. Und die Idee, eine Ruine abzureißen und ein modernes Haus daraus zu bauen, ist verlockend.

David Chipperfield hat ebenfalls mit gebrauchten Backsteinen gearbeitet – im Neuen Museum wie bei dem gegenüber der Museumsinsel liegenden großen Galeriegebäude. Letzterem hat er noch eine zusätzliche Note gegeben, indem er die Ziegelfassade mit einer kalkfarbenen Mörtelschlemme überzogen hat, wie eine zweite Haut.

Die allgegenwärtige Dämmwut setzt dem Baustoff zu

Chipperfields wie Lederers Bauten demonstrieren eine weitere Qualität des Materials: Mit Backstein lässt sich ein Gebäude schaffen, das dezidiert und selbstbewusst modern ist, sich aber gleichzeitig harmonisch in die Altstadt einfügt. So wie das Einfamilienhaus im historischen Kern von Münster, das gerade zum „Besten Haus des Jahres“ gekürt wurde, eine Auszeichnung, die das Deutsche Architekturmuseum mit dem Callwey Verlag vergibt.

Preisträger 2018 war Thomas Kröger mit einem noch eigenwilligeren Backsteinbau. Sein Haus am Deich lehnt sich an traditionelle Bauerngebäude der ostfriesischen Region an, sogenannte Gulfhäuser. Auf den ersten Blick wirkt das vertraut, auf den zweiten verblüffend. Das fängt an mit dem Fischgrätmuster, in dem er die Steine gelegt hat, geht mit dem runden Fenster weiter, und verblüfft im Inneren mit einem riesigen, hellen Innenraum, offen über mehrere Ebenen. Aus der Ferne kann man nicht mal erkennen, wo die Fassade endet, das Dach beginnt. Der Berliner Architekt konnte mit einer erfahrenen Ziegelei in der Nähe arbeiten, die auf seine speziellen Wünsche einging. Und seine Auftraggeber, ein junges, enthusiastisches Lehrerpaar, machte viel in Eigenleistung, um das Ganze bezahlbar zu machen. So ist das Haus am Deich zwar kein Typus, der sich am Fließband nachbauen lässt, aber doch ein Modell für das, was sich mit dem Material machen lässt, wenn alle Beteiligten so engagiert rangehen.

Thomas Krögers Haus am Deich in Ostfriesland. Foto: Jan Steenblock Vergrößern
Thomas Krögers Haus am Deich in Ostfriesland. © Jan Steenblock

Allerdings gibt es auch Dämpfer. Ironischerweise hat gerade die unter dem Deckmantel des Umweltschutzes von Lobbyisten propagierte und von Bürokraten verordnete Dämmwut dem Backstein zugesetzt. Plötzlich wurde er zugeputzt und unsichtbar gemacht. Als alleiniger Baustoff erfüllt er nicht mehr die Vorschriften. In der Regel wird er, auch aus gestalterischen und Kostengründen, mit anderen Materialien kombiniert. Monolithische Gebäude trifft man selten, in der Regel sind es Hybride mit Stahl, Glas, Holz und Beton.

In Berlin wurde mit minderwertigen Ziegeln gearbeitet

Massive Backsteinmauern trifft man nicht mehr so oft, häufig sind die tragenden Wände aus Beton, davor wird der Backstein gehängt. Wobei er aber weit mehr als eine dekorative Tapete ist, wie Arno Lederer betont. Diese Zweischalentechnik mit Luftraum zwischen den beiden Schichten sorgt für zusätzliche Dämmung. Und die Backsteinfassade hält Wind, Wetter und Feuchtigkeit ab, speichert Wärme.

Allerdings muss der Backstein von guter Qualität sein. Der Londoner Peter Barber versucht seine Auftraggeber immer wieder zu überzeugen, nicht daran zu sparen. „Wenn man einen billigen Ziegel nimmt, ruiniert er das Ganze.“

Was es bedeutet, mit minderwertigen Ziegeln zu arbeiten, kann man in Berlin sehen. Wobei man es nicht sehen kann: Die Stadt ist aus Backstein gebaut. Ohne das Material wäre das explosionsartige Anwachsen der Stadt in der Gründerzeit gar nicht möglich gewesen. Aus den Ziegeleien des Umlands wurden die Steine mit Schiffen in die Metropole gebracht. Aber das Material war eben derart, dass es dem Wetter nicht getrotzt hätte und von Putz geschützt werden musste.

So wie damals, Stein auf Stein, lässt Peter Barber heute noch arbeiten. Er weigert sich, industriell vorgefertigte Backsteinplatten zu benutzen, die auf der Baustelle schnell hochgezogen werden, wie es bei Großprojekten inzwischen meist geschieht. Denn die Arbeitskraft des Maurers ist teuer. Wenn man überhaupt einen bekommt.

Runde Ecken, gezackte Fassaden, schwungvolle Formen

Das war in den 1920er Jahren noch anders, als der Backstein schon einmal eine Blütezeit erlebte. Die sogenannte Amsterdamer Schule ebenso wie die deutschen Backsteinexpressionisten bauten außerordentlich ausdrucksstark mit dem Material: runde Ecken, gezackte Fassaden, schwungvolle Formen, dazu zum Teil kreisrunde Fenster. Eins der berühmtesten Beispiele, das Hamburger Chilehaus mit seinen gestaffelten Geschossen und dem spitz zulaufenden Bug, wurde zusammen mit der Hamburger Speicherstadt 2015 zum Weltkulturerbe ernannt. So wie 14 Jahre zuvor schon die Essener Zeche Zollverein. Auch touristisch werden die Backsteinbauten also entdeckt, nicht zuletzt auf der Europäischen Route der Backsteingotik. Dass gerade Kirchen, damals wie heute, gern aus dem warm und lebendig wirkenden Material gebaut wurden und werden, hat einen guten Grund: Es sorgt für viel Atmosphäre.

Das Büro des Berliner Architekten Thomas Kröger liegt übrigens in einem Altbau am Landwehrkanal, mit Blick auf die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe, den die meisten mit Stahl und Glas verbinden, der aber einige Backstein-Ikonen geschaffen hat. Der Meister der Moderne hat einen berühmten Satz hinterlassen, der immer wieder zitiert wird: „Architektur beginnt, wenn zwei Backsteine sorgfältig zusammengesetzt werden.“

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