Die Erfindung der Hundesteuer

Das Bild zeigt eine Berlinerin im Jahr 1924 mit ihrer Französischen Bulldogge im Cabriolet. Foto: ullstein
Hunde in Berlin Bitte anleinen, sonst besteht Totschlaggefahr

Etwa seit Mitte des 18. Jahrhunderts gab es auch erstmals eine Kennzeichnungspflicht. Wer einen Hund hielt, musste ihm alljährlich eine neue Blechmarke ans Halsband binden, mit Jahreszahl und Name des Besitzers. Doch auch diese Auflage konnte die Hundebegeisterung nicht bremsen. Nach den Möpsen kamen ab 1780 die Spitze und Pudel in Mode. Und im Berliner Amtsblatt standen immer öfter Vermisstenanzeigen. Da wurde beispielsweise Ausreißer „Ami“ gesucht. „Mein Spitz ist gut zu erkennen, ihm fehlt ein Auge“, schrieb die Besitzerin. „Wer das Tier findet, soll es in der Rosenthaler Straße 72a abgeben, gleich rechts im Posamentierladen.“ Eine gute „Recompense“ wurde versprochen.

Doch auch die Hundegegner meldeten sich seit dem frühen 19. Jahrhundert wieder lautstark zu Wort. Am 11. Juli 1828 schimpfte ein Kommentator im „Berliner Courier“, es grenze „ans Unglaubliche, welche Masse Hunde herumlaufen und die Leute anfallen“. Es sei „wahrhaft an der Zeit, etwas zur Verminderung der Tiere zu tun“. Also suchte die Obrigkeit nach einem weiteren Druckmittel – und erfand die Hundesteuer. Erstmals wurde die neue Abgabe am 20. April 1830 im biedermeierlichen Berlin erhoben. Seither musste auf der Blechmarke auch die Steuernummer stehen. Die geforderte Summe von jährlich drei Talern sollte vor allem die ärmeren Hundehalter finanziell bedrängen. Etliche sahen tatsächlich keine andere Wahl, als ihre Lieblinge zu ersäufen. Adalbert von Chamisso hat dies in einer Ballade aufgegriffen: „Komm her, Du Köter, und sieh mich nicht an. Noch ein Fußstoß, so ist es gethan!“

Von der neuen Steuer profitierten die Hausbesitzer. Denn die Einnahmen wurden damals zweckgebunden eingesetzt: zur Befestigung der Bürgersteige. Die Zahl der registrierten Hunde stieg dennoch weiter: Während 1830 etwa 6000 in Berlin lebten, waren es 1850 schon 10 000, weshalb die Behörden um 1860 erneut einschritten. Sie erließen eine „generelle Maulkorbpflicht auf öffentlichen Straßen“. Diese Anordnung durchzusetzen, war aber den Amtspersonen nahezu unmöglich. „Ihre Beschäftigung ist mit wörtlichen und selbst thätlichen Angriffen verbunden“, berichteten Zeitgenossen. Jeder Hundehalter finde im Publikum einen „stets bereiten Beistand“. Feuilletonist Robert Springer machte sich in seinem 1868 erschienen Buch „Berlin wird Weltstadt“ über den „genialen Berliner Maulkorb“ lustig. Besonders für Möpse sei dieser wegen ihrer platten Schnauze gänzlich unpassend.

Jenseits all dieser Aufregung leistete aber eine gewaltige Schar Hunde gehorsam Dienste. Große Exemplare waren die Zugtiere vieler Handwerker und Händler, sie schleppten Fleischer- und Scherenschleiferwagen, rollende Marktstände oder die Karren der Milchmädchen durch die Stadt. Sie konnten das Doppelte ihres Körpergewichtes in Bewegung setzen, bewachten Hab und Gut. Hundekarren gehörten zum Straßenbild wie Droschken und Pferdeomnibusse.

Es war die Zeit der Industrialisierung, Berlin wuchs zur Metropole heran, und der Hund bekam eine neue Rolle. War er bisher eher in Bürgerhäusern daheim oder als Arbeitstier unterwegs, avancierte er nun auch zum Freizeitbegleiter der kleinen Leute, war überall dabei in den Mietskasernen und Hinterhöfen. Keiner hat das so humorvoll festgehalten wie Heinrich Zille. Berlin ohne Hunde? Da hätten ihm die Spaßmacher gefehlt. Kinder setzen ihrer Promenadenmischung beim Hoffest Kaspermützen auf, ein Terrier flitzt vorm Kinderwagen „ins Jrüne“. „Vater bestellt die Weißen, Oma gibt dem Hündchen“, schildert auch Hans Ostwald in seiner „Kultur- und Sittengeschichte Berlins“ Szenen in den Biergärten um 1900.

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