Petra Beckers Verein "Back on Track" unterstützt geflüchtete Kinder. Foto: Rasha Alkhadra
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Heimaten-Sonderbeilage „Ich habe zwei Identitäten“

Rasha Alkhadra

Petra Becker hat in Damaskus gelebt und lebt jetzt in Berlin. Sie fühlt sich in beiden Städten und beiden Kulturen zu Hause.

Petra Becker kann mit der gesamten Heimatdebatte wenig anfangen. Sie ist ihr zu sehr auf Abgrenzung und Exklusion angelegt. „Ich habe zwei Heimaten und zwei Identitäten“, sagt die Deutsche, die 14 Jahre lang in Syrien gelebt hat. Die studierte Islamwissenschaftlerin fühlt sich in den Straßen von Damaskus und von Berlin zu Hause und will keiner Stadt den Vorzug geben: „Warum sollte ich mich entscheiden müssen?“, fragt die 55-Jährige.

In den 80er Jahren reiste die junge Studentin nach Syrien, um zusammen mit vier deutschen Kommilitonen Arabisch und Islamwissenschaft zu studieren. Dort lernte sie ihren Mann kennen, einen syrischen Theaterwissenschaftler, dessen Familie sehr aufgeschlossen gegenüber der Ausländerin war.

Der ganze Konsum hat mich erschlagen

Dennoch waren die Anfänge in der fremden Umgebung nicht einfach: Einsamkeit und Heimweh waren im ersten Jahr groß, erzählt sie. „Es hat mir sehr geholfen, mit meinen Kommilitonen in meiner Muttersprache Deutsch zu kommunizieren“, erinnert sich Petra Becker. Sie verstanden genau, was sie meinte, man musste nicht immer alles erklären. Und Witze funktionierten auch ohne kulturelle Hintergrunderklärungen.

Andererseits war sie verblüfft, wie anders sie Deutschland sah, als sie nach einem Jahr in den Ferien zurückfuhr: „Der ganze Konsum hat mich erschlagen und geärgert“. Sie sah ihre ursprüngliche Heimat und Gesellschaft ganz anders. Aus ihrer Sicht bereichern sich beide Kulturen. Wenn sie Heimat definieren müsste, würde sie darunter das Gefühl verstehen, von Menschen umgeben zu sein, mit denen man sich versteht.

2002 ging Petra Becker nach Damaskus zurück und fing an, als Leiterin des Sprachdienstes der Deutschen Botschaft zu arbeiten. Seit 2012 ist sie zurück in Deutschland. „Ich habe viele positive Anregungen und Erfahrungen aus Syrien mitgenommen und fühle mich in beiden Gesellschaften heimisch.“ Petra Beckers Kinder leben die doppelte Identität vor: Sie regen sich richtig auf, wenn man sie für Deutsche hält – und verweisen dann auch auf ihre syrische Identität.

"Back on Track" unterstützt geflüchtete Kinder

In Berlin hat Petra Becker den Verein Back on Track e.V gegründet, der geflüchtete Kinder aus der arabischen Welt unterstützt, ihre kriegsbedingten Bildungsrückstände aufzuarbeiten. Das ist ein Selbstlernprogramm, bei dem die Kinder von Mentoren unterstützt werden – von geflüchteten Lehrern und Pädagogen.

Die Erfahrungen von Petra Becker sind interessant für die aktuelle Debatte um Identität und Integration. Zwei Lehren lassen sich daraus ziehen: Einmal ist die Pflege der Muttersprache auch in der Fremde sehr wichtig. Sie kann Identität stiften und erleichtern, sich „zu Hause“ zu fühlen – als Grundlage, um ein neues Leben anzufangen. Das sollte auch bei den Debatten um die Neuankömmlinge in Deutschland berücksichtigt werden. Daneben ist entscheidend, wie man im Gastland aufgenommen wird. Ein Freund, Gastgeber oder Mentor kann alles verändern. Daher sollten viele Tandem-Beziehungen geschaffen werden: Dem Neuankömmling öffnen sich dadurch Türen und der Deutsche erfährt mehr über die „Fremden“. Möglicherweise sieht er sie dann nicht mehr so skeptisch.

Ihre eigene Sprache und Kultur haben alle Wanderer im Gepäck. Allerdings bedeutet das auf keinen Fall, sich dem Gastgeberland zu verschließen. Dafür ist Petra Becker ein gutes Beispiel. Dies steht im Einklang mit der Idee der Globalisierung und dass die Welt ein kleines Dorf geworden ist. Die Entwicklung von uns allen hängt davon ab, den Anderen zu akzeptieren. Rasha Alkhadra

Die Autorin (42) kommt aus Syrien und betreibt ihren eigenen Youtube-Kanal „Rasha and Life“. Informationen zum Verein Back on Track e.V.: Dietzgenstr. 59, 13156 Berlin, Tel 0151-40462466.

Dieser Text entstand im Rahmen des Exiljournalisten-Projekts des Tagesspiegels #jetztschreibenwir. Am 16. Juni erschien eine Beilage der Exiljournalisten zum Thema „Heimaten“ (in Print und im E-Paper), weitere Texte von Exiljournalisten finden Sie hier.

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